21.09.2017

Magdeburger Ausstellung zur eigenen Rolle in der Reformation

Hüterin der reinen Lehre

Magdeburg zeigt Ausstellung zu seiner Rolle in den Auseinandersetzungen in Folge der Reformation. Das Selbstverständnis als unbeugsame, protestantische Stadt wurde der Elbe-Metropole schließlich zum Verhängnis.


Verschiedenste Exponate wie Gemälde und Schriften, aber auch großformatige Bild-Text-Tafeln und schlanke, körperhohe Info-Tafeln zu wichtigen Persönlichkeiten der evangelischen und katholischen Seite prägen die Ausstellung. | Foto: Eckhard Pohl

 

„Besonders gut werden die innerprotestantischen Spannungen und Auseinandersetzungen herausgearbeitet“, sagt Hermann Kluge. „Zudem wird Magdeburgs zentrale Stellung als protestantisches Propaganda-Zentrum gegen die katholische Seite um Kaiser Karl V. deutlich“, so der rüstige Pensionär aus Hannover, der mit seiner Frau Ingrid zu den ersten Besuchern der Sonderschau „Gegen Kaiser und Papst“ in Magdeburg gehörte.
Relativ spät im Reformationsgedenkjahr präsentiert das Kulturhistorische Museum in der Landeshauptstadt Sachsen-Anhalts seit 1. September die Ausstellung „Gegen Kaiser und Papst. Magdeburg und die Reformation“ und schließt damit an die 2014/15 gezeigte Schau zu „Alltag und Frömmigkeit am Vorabend der Reformation“ an. „Als erste Großstadt im Reich folgte Magdeburg den neuen Lehren Luthers“, erläutert Kurator Tobias von Elsner den Ausstellungsansatz. „Mit großem Rigorismus wurde in der Folge in der Stadt die strenge Auslegung des Luthertums verteidigt und dabei die Konfrontation mit Kaiser und Papst nicht gescheut. Als Stadtgesellschaft, die sich in der Zeit der Glaubensauseinandersetzungen positioniert, ist Magdeburg ein Modellfall von europäischem Rang.“
Auf 520 Quadratmetern werden in der Schau 250 Exponate präsentiert, darunter drei Handschriften Martin Luthers, Gemälde und Holzschnitte, Drucke, Urkunden, Münzen, Medaillen und sakrales Gerät, aber auch Waffen und Modelle. Die Exponate sollen den Besucher in die Lebenswelt des 16. Jahrhunderts versetzen. Großformatige Bild-Inszenierungen veranschaulichen, wie Luthers Ideen den Alltag der Menschen veränderten. Die Elbestadt wurde in diesem Prozess zum Schauplatz heftiger Auseinandersetzungen.

In ihrem Bekenntnis von 1550 entwickeln die Magdeburger ihre Widerstandslehre. | Foto: KHM

Als erste Großstadt im Reich wird Magdeburg lutherisch
Mit über 30 000 Einwohnern gehörte die Hansestadt zu den Metropolen im Alten Reich, so Kurator von Elsner. Dies werde zu Beginn der Ausstellung vermittelt und ein Einblick in die religiöse Lebenswelt von Katholiken und Protestanten geboten. „Magdeburg war in der Renaissance aufgestiegen, war reich, besaß eine eigene Gerichtsbarkeit und grenzte sich vom Stadtbereich des Domkapitels, der Domfreiheit ab. Doch die Macht des Landesherrn, des Erzbischofs Albrecht von Brandenburg, begrenzte das Streben nach Unabhängigkeit.“
Luthers Gedanken seien sicher durch Wanderprediger sehr bald in die nur 100 Kilometer von Wittenberg entfernte Großstadt gelangt und seine Forderungen nach Erneuerung der Kirche auf offene Ohren gestoßen, so Mitarbeiter Wolfgang Flügel. Im Juni 1524 predigte Luther mehrfach in Magdeburg und die sechs Altstadtgemeinden wählten noch im selben Jahr evangelische Geistliche zu ihren Pfarrern. „Damit war Magdeburg für die Reformation gewonnen.“
In den Auseinandersetzungen der Zeit nahm die Stadt 1531 an der Gründung des Schmalkaldischen Bundes teil, des Beistandspaktes der evangelischen Stände. Ziel war es, die neue Lehre wenn nötig auch militärisch zu verteidigen. Magdeburg wurde zur Kriegspartei. Dies wird in einem zweiten Kapitel der Ausstellung thematisiert. Nach der Niederlage der Protestanten in der Schlacht bei Mühlberg 1547 verkündete Karl V. die Reichsacht über Magdeburg. „Die Stadt aber verweigerte die Unterwerfung und lehnte das vom Kaiser erlassene Religionsgesetz, das Interim, ab, mit dem Karl V. im Reich die Glaubensfragen regeln wollte, bis ein allgemeines Konzil darüber befinden würde“, so von Elsner. Dem Kaiser war am Erhalt der Reichseinheit gelegen. „Die Zwischenlösung, das Interim, sah eine weitgehende Rückkehr zur katholischen Glaubenspraxis vor und gestand den Protestanten den Laienkelch und die Priesterehe zu.“
Magdeburg wurde zum Zufluchtsort lutherischer Glaubensflüchtlinge. „Von hier aus setzten protestantische Interimsgegner den 1547 verlorenen Krieg mit der Druckerpresse fort, die Stadt wurde als „Herrgotts Kanzlei“ weit bekannt. Von 1548 bis 1552 polemisierten sie mit über 400 Drucken gegen das Interim und verdammten jegliche Zugeständnisse in Glaubensfragen.“ Vergrößerte Kopien von Flugschriften und deren schlagwortartige Übertragung ins heutige Deutsch bringen dem Besucher die propagandistische Auseinandersetzung anschaulich nahe.
Der protestantische Verbündete des Kaisers, Moritz von Sachsen, versuchte angesichts eines rasch wachsenden Widerstandes gegen das kaiserliche Interim die Landstände seines Herrschaftsbereichs durch einen weiteren Kompromiss zu überzeugen. Dieses Leipziger Interim aus der Feder Philipp Melanchthons betrachteten die Magdeburger Theologen als Verrat an Luthers Sache. „Dabei wollte Melanchthon mit Kompromissen die Kernelemente der neuen Lehre retten“, so von Elsner. „Als selbst ernannte Propheten in der Nachfolge Luthers bekämpften die Magdeburger Melanchthon und seine Anhänger, die Philippisten, und vertieften so eine anhaltende innerlutherische Spaltung.“
Angesichts des Widerstandes der Magdeburger wollte Karl V. die militärische Lösung. Die Elbestädter ihrerseits sahen ihr Tun vom Glauben her gerechtfertigt und hielten dies 1550 in ihrem Magdeburger Bekenntnis fest. Doch der blutige Kleinkrieg und die einjährige Belagerung Magdeburgs bis 1551 durch Moritz von Sachsen endeten mit einer glimpflichen Kapitulation, die die Stadt bei ihrem evangelischen Glauben beließ. Die politische Führung Magdeburgs jedoch setzte gegen den Widerstand der Theologen aus alltagspraktischen Gründen mit den Domherren einen Interessenausgleich durch. Die Einführung lutherischer Gottesdienste im Dom und der Übertritt des Erzbischofs zum evangelischen Bekenntnis stellten schließlich den Frieden der Altstadt mit dem Erzstift wieder her. Es kam zu einer konfessionellen Festigung, sie wird im vierten Kapitel der Ausstellung thematisiert. 1577 beschlossen evangelische Theologen aus dem gesamten Reich im Kloster Berge vor den Toren Magdeburgs schließlich ein Einigungswerk – die Konkordienformel – , das auch den innerprotestantischen Streit schlichtete.

Die Herrgotts Kanzlei wird im Dreißigjährigen Krieg vernichtet
Die Vernichtung Magdeburgs durch das kaiserliche Heer 1631 bildet den Epilog zur Ausstellung. Der in den Jahren 1550/51 entstandene Mythos von der unbeugsamen Magdeburger Jungfrau (Magd im Stadtwappen) – in Wirklichkeit war die Stadt bei der Belagerung ihrem Untergang gerade so entgangen – lebte über lange Zeit in der Elbestadt fort. „Magdeburg wähnte sich im Triumph des neuen Glaubens und ließ sich im Dreißigjährigen Krieg auf das verhängnisvolle Bündnis mit Schwedenkönig Gustav Adolf ein.“ Folge: Über 20 000 Menschen kamen bei der Eroberung, die zum Massaker wurde, ums Leben. Ein Film führt das in der Ausstellung vor Augen. Doch auch noch 200 Jahre später wurde die Erzählung vom Martyrium der aufrechten evangelischen Christen, die bis zuletzt Gottes Wort die Treue bewahrten, gepflegt ...

Kurator Tobias von Elsner, Museumspädagogin Juliane Lippok und Mitarbeiter Wolfgang Flügel vor aufgehängten Flugschriften gegen das Interim. | Foto: Eckhard Pohl

Geöffnet Di-Fr, 10 bis 17 Uhr, Sa-So, 10 bis 18 Uhr. Zu der Sonderschau, die bis 28. Januar gezeigt wird, ist ein kompakter Ausstellungsführer erschienen. Ein umfangreiches Begleitprogramm  einschließlich museumspädagogischer Angebote ergänzt die Ausstellung. www.khm-magdeburg.de

Von Eckhard Pohl