20.04.2017

Marienborn – einer der ältesten Wallfahrtsorte Deutschlands

Hoffnung aus der Quelle

In Kürze finden hier wieder regelmäßig Mai-Andachten und Wallfahrten statt: Marienborn gehört zu den ältesten Wallfahrtsorten in Deutschland. Wer Glück hat, trifft dort Erika Kiewitt.


Erika Kiewitt in der Marienquell-Kapelle in Marienborn. | Foto: Stefan Branahl

 

Es gibt Menschen, die kennen das Leben mit all seinen Höhen und Abgründen. Und trotzdem haben sie sich ihren Glauben bewahrt – darauf, dass der Herrgott alles lenkt, dass alles gut wird, dass er die Traurigen tröstet, die Mutlosen aufrichtet und die Kranken heilt. So ein Mensch ist Erika Kiewitt. 89 Jahre ist sie inzwischen alt. Was sie erlebt hat, möchte keiner erleben. Aber ihre Hoffnung hätte mancher gerne.
Wenn Sie so wollen, ist Erika Kiewitt die Hüterin von Marienborn bei Helmstedt, dem vermutlich ältesten Wallfahrtsort in Deutschland. Ihr Tag beginnt damit, dass sie die Tür zur Kapelle aufschließt und endet, wenn sie am Abend den Schlüssel wieder umdreht. Dann hat sie Betern und zufälligen Besuchern die Geschichte dieses Ortes erzählt, hat sie vielleicht durch die alte Kirche mit dem Riemenschneider-Altar geführt und ihnen, wenn sie meinte, dass es gewürdigt wird, die kleine hölzerne Marienstatue gezeigt, die sie in ihrem Häuschen wie einen Schatz hütet.
Mit dieser Figur, gerade einmal 15 Zentimeter groß, hat alles angefangen, damals im 12. Jahrhundert. Es ist eine Geschichte, die heute, in der modernen Zeit, sehr gewöhnungsbedürftig ist. Sie handelt von einem Hirten namens Conrad und spielt im Jahr 1106. Als Conrad seine Schafe zum Tränken an einen Brunnen im Mordthal führte (so hieß Marienborn damals), schreckten die Tiere zurück. Der Hirte träumte, dass die Gottesmutter Maria in die Quelle hinabstieg und Engel ein Kreuz über diese Stelle hielten. Die Marienstatue, das ist gesichert, stammt aus dieser Zeit und wurde im Brunnen gefunden.

Ziel von Menschen, die Zuspruch suchen
Die Kapelle, die bald über der Quelle errichtet wurde, ist seither Ziel von Menschen, die hier Zuspruch erhoffen und ihre Gebete in den Himmel schicken. Es ist ein meistens sehr ruhiger Ort in einem kleinen Wäldchen. Die Bäume stehen noch ohne Laub, Frühlingsblumen schieben sich aus der Erde. Im Inneren der Kapelle ist es kalt, aber die Sonne schickt erste Strahlen durch die Fenster. Die Quelle selbst ist mit einer Glasplatte abgedeckt, durch ein Gitter gesichert und wird von einer Marienstatue überragt. Die wurde erst vor ein paar Jahren aufgestellt und will nicht so recht in den alten Kapellenraum passen. Eine Leitung führt direkt von der Quelle durch die Wand nach außen, wer möchte, kann sich hier also jederzeit Wasser abfüllen.
Das passiert regelmäßig am Tag, sagt Erika Kiewitt, mal sind es zwei oder drei, mal ein Dutzend, mal eine ganze Busladung, die gezielt als Pilger oder zufällig als Besucher der nahegelegenen früheren deutsch-deutschen Grenze den Ort besuchen. Und manchmal kommen sogar Kranke, um aus der Quelle zu trinken, beobachtet Erika Kiewitt. Gut erinnert sie sich an einige, die ihre Nöte, Sorgen und Bitten mitgebracht und offensichtlich so ganz eigene Erlebnisse gemacht haben. Der Mann im Rollstuhl zum Beispiel, der – das hat sie später erfahren – seit Jahren nicht mehr laufen konnte. „Nachdem er getrunken hatte, fasste ihn seine Frau am Arm und er konnte zum ersten Mal ein paar Schritte gehen. Ich würde es nicht glauben, wenn ich es nicht gesehen hätte.“
An dieser Stelle muss gesagt werden, dass Erika Kiewitt als Protestantin eigentlich nichts am Hut hat mit dem alten katholischen Wunderglauben. Aber vielleicht spielt eine Rolle, dass sie in ihrem langen Leben immer wieder Situationen erlebt und letztlich gemeistert hat, die manch anderen aus der Bahn geworfen hätten. Da sind vor allem die persönlichen Schicksalsschläge, die sie heute noch beschäftigen, von denen sie erzählt, aber irgendwann, fast erschrocken, darum bittet, sie nicht in der Zeitung zu schreiben. „Ich war innerlich so traurig, aber ich musste alles für mich behalten. Und das soll auch so bleiben“, sagt sie.

Über der Marienquelle wurde in alter Zeit eine Kapelle errichtet.

Erika Kiewitt sort sich um Kapelle und Kirche
Egal, wie es in ihrem langen Leben gelaufen ist – in Marienborn hat sie seit vielen Jahren Heimat gefunden, auch wenn es hier im grenznahen Sperrbezirk zu DDR-Zeiten nicht einfach gewesen ist. 524 Einwohner, 31 Kirchenmitglieder, fünf katholische Christenfamilien. Das und viele andere Details spult Erika Kiewitt an Fakten ab. Wer sie früher bei der Stasi verpfiffen hat, will sie gar nicht wissen. Egal, was war. Es zählt, was ist. Und das ist nicht schlecht.
Als sie vor über 20 Jahren in Rente ging, übernahm sie die Schlüssel für Kirche und Kapelle, schaut seither nach dem Rechten, führt Besuchergruppen, freut sich, wenn ein paar Euro in die Spendenbüchse geworfen werden oder wenn sie mal ein Lob bekommt für den schönen Blumenschmuck, den sie aufgestellt hat.
Und manchmal schöpft Erika Kiewitt selbst Kraft in der Brunnen-Kapelle, an diesem für sie und viele andere so besonderen Ort. „Einmal war ich sehr aufgewühlt und saß weinend in der Bank. Und da habe ich auf die Marienstatue geschaut und gesehen, dass sie mich anlächelt. Das war sehr schön.“

Von Stefan Branahl