04.02.2016

Anstoß 06/2016

Herzenssache

An einem Samstagmorgen, an dem ich für gewöhnlich den Umstand genieße, nicht pünktlich das Haus verlassen zu müssen, um rechtzeitig an der Arbeitsstelle zu sein, klingelte das Telefon. Das ist erstmal nichts Außergewöhnliches. Der Anrufer schon. Es war die Rettungsleitstelle, die mir den nahenden Besuch der Polizei ankündigte.

Mir rutschte gleich mein Herz in die Hose als ich erfuhr, warum. Mein wissbegieriges (und einigen Lesern schon bekanntes) Kind hatte trotz strengem Verbots mit seinem Smartphone gespielt. Es ist so programmiert, dass es nur mich damit anrufen kann. Im Notfall! Doch die Notrufnummern, die funktionieren automatisch. Und so hatte mein Sohn sehr beharrlich immer wieder die 112 gewählt... Doch das ist bei Strafe verboten. Weil die Rettungsleitstelle ohne jedwede Not mit Anrufen meines Sohnes überschüttet wurde, sah sie sich gezwungen, die Polizei einzuschalten.
Zum Glück nahm alles noch ein gutes Ende. Mein Sohn wurde entgegen seinen schlimmsten Befürchtungen auch nicht verhaftet. Warum hatte er eigentlich, so fragte ich mich, eigentlich immer wieder dieselbe Nummer gewählt? Für gewöhnlich liebt er es, alle möglichen Zahlen zu tippen (z.B. beim Taschenrechner), je länger die Zahlenreihe, desto besser. Die Lösung ist ganz einfach.
Jedes Mal, wenn er die 112 wählte, bekam er eine Antwort. Er rief also nicht ins Leere hinein, nein, da war jemand, der die Kontaktaufnahme erwiderte. Der ihm signalisierte: Ich höre dich. Ich hab ein offenes Ohr für dich. Nicht gehört werden halte ich für eines der schlimmsten Dinge, die einem widerfahren können. Ich erinnere mich an meine gehörlose Mutter, die sich, wenn sie (verständlicherweise) genug von den Endlosdiskussionen ihrer pubertierenden Kinder hatte, einfach wegdrehte. Man konnte ihr dann nichts mehr sagen, sie sah es ja nicht mehr. Das konnte einen zur Verzweiflung treiben. Man konnte toben, schreien – es half nichts. Es kam nichts mehr bei ihr an.
Gehört werden – das ist ein echtes Geschenk. Ein lebensnotwendiges Geschenk. Bei Gott haben wir darauf salopp gesagt ein Dauer-Abo, ohne vorherige Gegenleistung! Doch mehr noch: er hat uns befähigt, aneinander genauso zu handeln. Das Jahr der Barmherzigkeit lädt dazu ein, „wie der Vater“ im Himmel seinen Mitmenschen zu begegnen. Zuhören ist ein konkreter Schritt. Dem anderen zu verstehen geben: ich bin ganz Ohr für dich. Dein „Anruf“ an mich geht nicht ins Leere. Dabei ist es gar nicht wichtig, ob die Ohren gut, schwer oder gar nicht hören können. Denn Zuhören ist zuallererst eine Sache des Herzens.

Andrea Wilke, Erfurt