16.04.2015

Menschlichkeit auch im KZ

Heinz Hesdörffer hat das Konzentrationslager Auschwitz überlebt

Pfarrer Wolfgang Teichert aus Meiningen hat vor einiger Zeit Heinz Hesdörffer kennengelernt. Hesdörffer gehört zu denen, die das Konzentrationslager Auschwitz und den Todesmarsch nach Below überlebt haben. Die Befreiung der Konzentrationslager und die Todesmärsche jähren sich in diesen Tagen zum 70. Mal.  

Heinz Hesdörffer

„Unser größter Feind war der Hunger. Und es sah nicht danach aus, dass man uns Essen geben würde. Auch wussten wir nicht, was die SS mit uns vorhatte und wie es an der Front aussah. Meine Rettung war ein holländischer Arier, der in unserer Gruppe marschierte und regelmäßig Pakete aus der Heimat erhalten hatte. Er reichte mir ein Stück Käse. Ich wäre wie ein Hund niedergeschossen worden. Aber dieser Bissen gab mir wieder Kraft, nicht körperlich, denn dazu war er gewiss zu  wenig, sondern das Bewusstsein stärkte mich, dass es im KZ noch einen Menschen gab, der seinem Nächsten half.“
Das erzählte mir Heinz Hesdörffer, Überlebender des Konzentrationslagers Auschwitz, über den Todesmarsch nach Below. Ich hatte ihn bei einem Kuraufenthalt in Bad Salzschlirf kennengelernt. Seine Leidensgeschichte hat mich sehr beeindruckt.
Der heute 92-Jährige stammt aus Bad Kreuznach. Als die Judenverfolgung der Nazis begann, flüchtete er mit seinem Bruder nach Holland. Aber auch dort waren die Juden nicht sicher. Aufgespürt, wurde er 1944 deportiert zunächst nach Theresienatadt und wenig später in das Konzentrationslager Auschwitz. „Es war eine wundervolle, klare Nacht. Die Sterne funkelten am Himmel, als der Zug in Birkenau Halt machte. Wir warteten voller Spannung auf die Dinge, die da kommen sollten. Ungestüm wurde die Wagentür geöffnet. Von Häftlingen in blau weiß gestreiften Uniformen wurden wir heraus geprügelt.“
Dass Heinz Hesdörffer den Gaskammern von Auschwitz entkam, verdankte er einem glücklichen Umstand. Am 30. Juni 1944 wurde im Lager bekannt gemacht, dass 2000 Männer nach Schwarzheide abtransportiert werden sollten – als Kulis der Brabag, einem der größten Konzerne für die Herstellung von synthetischem Benzin aus Braunkohle. Über die Situation an den Weihnachtstagen 1944 im Lager Schwarzheide erzählt er: „Ein unerhörter Strom von Paketen war zu Weihnachten ins Lager gekommen, und es gab Häftlinge, denen es an nichts fehlte, die selbst mehr Nahrungsmittel besaßen, als die SS Posten, die aber ruhigen Gewissens ihren Nebenmann krepieren sehen konnten. Am 24. Dezember erhielten wir morgens einen Viertelliter gesüßten Kaffee, eine Drittel Fassung Brot für die Nicht-Paket-Empfänger. Nach dem Appell waren wir frei und konnten schlafen. Da die Schlafsäle jedoch ungeheizt waren, zog jeder es vor, im Aufenthaltsraum sitzen zu bleiben. Wir hatten nachts zwei Decken zur Verfügung, aber meist legten sich zwei Mann zusammen, sie wärmten sich gegenseitig, und hatten dann vier Decken, um sich einzupacken.“
Als die Front sich näherte, wurde das Lager aufgelöst und die Häftlinge nach Sachsenhausen bei Berlin transportiert. Dort hatte Heinz Hesdörffer aber noch nicht das Ende seines Leidensweges erreicht: „Bewaffnet mit einer Pferdedecke zum Schlafen und allen möglichen trüben Gedanken im Kopf, ausgemergelt und schwach, in diesem jämmerlichen Zustand traten wir schließlich von Sachenhausen aus am Abend des 21. April 1945 den Todesmarsch an.… Nach zehnstündigem Marsch, als wir die Russen weit genug zurückgelassen hatten, machten wir eine halbe Stunde Ruhepause. Erbarmungslos wurden wir weiter vorwärts getrieben. An flüchten war nicht zu denken. Viel hatten Schuhe, die nicht passten und drückten und die Füße wund rieben, sie liefen dann barfuß weiter oder auf alten Lappen, die sie sich um die Füße wickelten. So bot unsere Gruppe einen verzweifelten Anblick. Überall wo wir liefen, hinterließen wir ein breite Spur mit ausgemergelten Leichen.“ Seine Befreiung erlebte Hesdörffer in Below am 2. Mai 1945. Um 16 Uhr hallte ein Jubelschrei: „Die ersten russischen Tanks sind vorbeigerollt… wir sind frei!“
Nach einem Aufenthalt in Belgien emigrierte Heinz Hesdörffer nach Südafrika. Er war der einzige Überlebende seiner Familie. Heute lebt er in einem Altenheim in der Nähe von Frankfurt/Main. Sein bewegtes Leben hat er schon 1945/ 46 aufgeschrieben und 1998 veröffentlicht. Der noch rüstige Mann ist als Zeitzeuge gefragt. Gern geht er in die Schulen, um die Jugend aufzuklären, was geschehen ist. 2014 hielt er im Landtag zu Mainz die Gedenkrede aus Anlass der Befreiung von Auschwitz. Mit einer Gruppe Jugendlicher besuchte er die Stationen seines Leidensweges. Nur nach Auschwitz wollte er nicht mehr fahren. „Die Schüler sollen wissen, was passiert ist, was ihre Großeltern bis heute verschweigen.“  
Als eine Geste seiner Wertschätzung verlieh ihm 2011 das Gymnasium von Bad Kreuznach, das er als Jude nicht besuchen durfte, das Ehrenabitur. „Jetzt habe ich die Hochschulreife und kann mich an der Universität immatrikulieren lassen“, erzählt er voll Stolz. Und tatsächlich wurde er von der Hochschule für Jüdische Studien, Heidelberg, für das Wintersemester  2013/14 eingeschrieben. Wegen seines hohen Alters, so gestand er mir, ist er allerdings nicht nach Heidelberg gefahren. Ich meine, sein bewegtes Leben hat ihm eine ganz andere Reife verliehen.

Buchtipp: Heinz Hesdörffer: Bekannte traf man viele, Aufzeichnungen eines deutschen Juden aus dem Winter 1945/46, Chronos-Verlag Zürich 1998; ISBN 978-3-905312-57-7; 19,50 Euro

Von Wolfgang Teichert