04.10.2017

Wem gehört der Weinberg? Wer sind die Winzer?

Heil und Gewissheit

„Er wird den Weinberg an andere Winzer verpachten, die ihm die Früchte abliefern“, heißt es im Evangelium. Sind wir Christen diese anderen Winzer? Und: Wie gewiss ist uns das Heil? Kann es auch uns weggenommen werden?


Foto: Michael Kinnen
„Glaube und Heilsgewissheit sind dasselbe“, sagt der Dogmatiker Theodor Schneider. Foto: Michael Kinnen


Ich treffe Theodor Schneider. Der frühere Theologieprofessor ist 87 Jahre alt und wohnt in Armsheim, einem Dorf inmitten der rheinhessischen Weinlagen. Der Weinort – das Gleichnis vom Weinberg – und ein Professor, der über Jahrzehnte an der Universität Mainz Dogmatik lehrte und sicher etwas zum Thema Heilsgewissheit sagen kann: Das passt. Und doch wird es ein unerwartet persönlicher Besuch.

Schnell wird deutlich: Der Dogmatiker kommt so gar nicht sprichwörtlich dogmatisch daher. Seine Stimme ist leise, bedächtig, fast meditativ. Er formuliert oft in Fragen, nicht in Antworten. Er sagt: „Ich wollte nie nur ein System darstellen. Mir war es wichtig, eine Hilfe zum Glaubenkönnen zu liefern.“


„Wenn ich geliebt bin, habe ich den Rücken frei“

Deshalb habe er in seinen Vorlesungen nicht gesagt: „Das ist die Lehre der Kirche“, sondern: „Das ist unser Glaube.“ Er schließt sich selbst als Glaubender ein, referiert nicht einen Inhalt, der zu glauben ist. Gleichwohl sagt er: „Dazu muss ich die Lehre kennen.“ Seit bald 20 Jahren ist Schneider im Ruhestand. Vielleicht auch mit diesem Abstand wird unser Gespräch keine theologische Prüfung oder Vorlesung, es wird zum Glaubensgespräch.

„Was bedeutet Heil, Herr Professor?“ Natürlich kann er darauf eine Antwort geben, die auch im Lehrbuch stehen könnte: „Heil meint, in den Armen Gottes geborgen sein; die Erfüllung all meiner Sehnsucht.“ Natürlich kann und könnte er zahlreiche weitere theologische Autoren und Belegstellen nennen, Auszüge aus eigenen Büchern zum Thema Heil und Heilsgewissheit.

Er hat Kopien gemacht aus Fachbüchern, Zeilen und Abschnitte markiert; er hat ein Buch von sich selbst, das er mir schenkt. Das Gespräch aber geht weiter. „Ich habe nie an der Existenz Gottes gezweifelt. Auch Anfechtungen stellten nie die Hoffnung infrage“, sagt er. Und: „Je weniger ich bieten kann, desto größer ist die Hoffnung, dass Gott wahr macht, was er uns und auch mir ganz persönlich verheißen hat.“

Heil. Heilsgewissheit aus dem Mund eines 87-Jährigen, der durchaus zahlreiche Früchte seiner Arbeit nicht nur in Buchregalen, sondern auch in Lebensgeschichten von Studenten aufzeigen könnte. Er sagt: „Je weniger ich bieten kann, desto größer die Hoffnung.“ Aus seinem Mund klingt das noch viel existenzieller, tiefer, glaubwürdiger.

„Wie ist das, Herr Professor, mit den Früchten und der Zusage des Gottesreiches?“ „Glaube und Heilsgewissheit sind dasselbe“, sagt er. „Es ist die persönliche Überzeugung, dass Gott mich liebt, grenzenlos verzeiht. Dessen bin ich gewiss.“ Das ist nicht ein passives Geschehenlassen, eine Sicherheit, dass sowieso nichts passieren kann, sondern aktiver Glaube.

Und die guten Werke? Sind das die Früchte, die erwartet werden? Muss sich der Mensch etwa doch die Gnade Gottes verdienen? Gute Werke sind Folge und logische Konsequenz des Glaubens, nicht die Vorbedingung oder Voraussetzung für die Gnade Gottes, sagt Theodor Schneider.

Es gibt in verschiedenen Sichtweisen eine Spannung zwischen „alles tun müssen“ und „nichts tun können“ zum eigenen Heil. Aber: „Wenn ich weiß, ich bin geliebt, dann habe ich den Rücken frei, Gutes zu tun, die Liebe weiterzuschenken.“ Heilsgewissheit bedeutet nicht, einfach für das Heil vorbestimmt zu sein. Denn darin läge die Verführung zu Leichtsinn und Überheblichkeit. Ein solches Verständnis gaukelt vor, direkten Einblick in den Willen Gottes zu haben.

Heilsgewissheit auf der einen Seite – und auf der anderen Seite die Frage: Gibt es Verdammnis? Wie ist das, wenn das Reich Gottes weggenommen wird? „Ich habe den Eindruck, dass in der Vergangenheit unverantwortlich gepredigt und geschrieben wurde und teilweise eine bedrückende Verdammungsangst verbreitet worden ist“, sagt Schneider.


„Komme ich zurück zu Gott, ist alles gerettet“

Ja, es gibt die reale Möglichkeit des Scheiterns. Die Kehrseite der gottgeschenkten Freiheit zur Liebe: „Wer Liebe verweigert, verfehlt das innerste Ziel unseres Menschseins.“ Das ist dann aber keine verhängte Strafe Gottes, sondern das willentliche „Sich-selbst-Ausschließen aus dem Glück – in Gott und mit Gott“. Und so lassen sich auch die scheinbaren Drohungen, dass denen, die die Erwartung nicht erfüllen, das Reich Gottes weggenommen werde, in neuem Licht sehen: „Sind die Drohungen nicht eher Motivation als Schilderung eines künftigen Zustandes?“, fragt der Professor. „Ist es nicht eine motivierende Ermahnung: Lass es nicht so weit kommen!“

Kommen wir alle in den Himmel, weil wir so brav sind? Gibt es Verdammung? Wie gewiss ist die Heilsgewissheit? Am Ende unseres Gesprächs nehme ich mehr Fragen mit als Antworten – und vor allem einen Eindruck: Hier hat einer mit seiner Art, auch in Fragen zu denken, mehr Antwort gegeben, als er es in formulierten Lehrsätzen hätte tun können.

Und mir bleibt der Hinweis auf das Gleichnis vom barmherzigen Vater in Erinnerung. Vielleicht ist das die Antwort auf die Frage nach der Heilsgewissheit: „Ich kann kommen, wie ich will, mit meinen Fehlern, Schwächen und meinem Versagen. Wenn ich nur zu ihm – Gott – zurückkomme, ist alles gerettet.“

Von Michael Kinnen