10.09.2014

Zwei Redakteure reisen entlang der ehemaligen DDR-Grenze

Grenzfahrt 2014

Es ist Zeit für eine Reise, für eine Zeitreise: Vor 25 Jahren starteten in Leipzig die ersten Montagsdemos und der Eiserne Vorhang begann zu wanken. Die Kirchenzeitungsredakteure Stefan Branahl und Matthias Holluba reisten sechs Tage entlang des "Grünen Bandes" und suchten spannende Geschichten und Anekdoten.

 

Montag, 8. September

 

Das Ziel erreicht

Matthias Holluba und Stefan Branahl am Dreiländereck von Sachsen, Bayern und Tschechien.

Wir sind am Ziel! Nach 1400 Kilometern, vielen Begegnungen und zahllosen Eindrücken stehen mein Kollege Matthias Holluba und ich am Dreiländereck. Hier stoßen Sachsen, Bayern und Tschechien aufeinander, hier endet die ehemalige innerdeutsche Grenze. Das Grüne Band, dem wir seit Travemünde gefolgt sind, führt weiter Richtung Südosten.

Ein paar alte Grenzsteine, ein deutsches und ein tschechisches Schild markieren den Punkt mitten im Wald. Wir mussten unser Auto stehen lasen, über eine morastige Wiese stapfen und einen kleinen Bach überqueren. Das war's. Keiner wollte uns mit dem Gewehr im Anschlag am Weitergehen hindern oder unseren Ausweis sehen. Wir sind allein mit uns und unseren Gedanken. Ich kann mir in diesem Moment nur schwer vorstellen, dass hier vor 25 Jahren zwei Systeme sich gegenüberstanden, die im Fall der Fälle bereit waren, sich über den Haufen zu schießen und auszulöschen.

Ich habe seit Mittwoch viel dazu gelernt. 25 Jahre nach der Öffnung der Grenzen ist auf beiden Seiten mehr Normalität gewachsen als ich erwartet habe. Wir haben viele Menschen getroffen, die dankbar sind für ihre Freiheit. Erzählt wurde uns aber auch von den Sorgen, vom Verlust der Arbeit und zerbrochenen sozialen Strukturen. Und wenn in den nächsten Wochen die Politiker Jubelreden halten, werde ich daran denken müssen, was uns Pfarrer Montag in Meiningen gestern so eindrücklich mit auf den Weg gegeben hat. Trotz allem, was sich zum Guten gewendet hat, dürfen die Opfer der Grenze nicht vergessen werden.

Wir bedanken uns bei allen, die uns auf der Fahrt mit ihren Gedanken, Fragen, Anregungen und mit ihrer Kritik begleitet haben. Matthias Holluba und ich wissen, dass wir uns allenfalls punktuell dem Thema nähern konnten. Einiges von dem, was wir beobachtet, gehört und gesehen haben, werden Sie in den nächsten Wochen in der KirchenZeitung lesen.
 

 

Sonntag, 7. September

 

Klartext im Gottesdienst

Pfarrer Montag hält den Beweis in der Hand:
Die Unterlagen bestätigen, dass es einen
Schießbefehl gab.

Nein, da hatte ich mich eben nicht verhört. Pfarrer Martin Montag verabschiedet seine Gemeinde nach dem Gottesdienst in Meiningen nicht mit einem weichgespülten Wahlaufruf sondern mit einer knallharten Kampfansage zur Landtagswahl in Thüringen am kommenden Sonntag: "Ich will die Linken da nicht sehen. Und will keinen Ramelow als Ministerpräsidenten."

Das ist Klartext, der mich in einer Kirche irritiert. Ich muss fragen, was diesen Mann antreibt. Da steht kein Don Camillo vor mir, sondern ein Bürgerrechtler, der seit 25 Jahren seine Aufgabe darin sieht, dass die Opfer der DDR nicht vergessen werden: Die Familien nicht, die bei den Zwangsumsiedlungen entwurzelt wurden. Die beiden Jugendlichen nicht, die beim Fluchtversuch durch die Werra erschossen wurden. Die vielen nicht, die seelisch gebrochen wurden durch systematische Schikane. "Sie alle haben keine Lobby, kaum einer nimmt ihr Schicksal zur Kenntnis. Im Westen nicht. Und auch im Osten nicht.

Pfarrer Montag hat einen klaren Standpunkt: "Die Linken sind die Nachfolger der SED. Die haben kein Menschenbild!" Kritik müssen sich auch mein Kollege Matthias Holluba und ich anhören: Auf unserer Reise entlang der früheren Grenze hätten wir die Opfer zu wenig in den Blick genommen. Er habe vor ein paar Jahren den gleichen Weg wie wir gemacht, zu Fuß und mit dem Fahrrad. "Was heute Grünes Band genannt wird, ist für mich ein einziger Kreuzweg." Manchmal muss er sich anhören, es habe doch gar keinen Schießbefehl gegeben. "So ein Quatsch. Ich habe ihn hier Schwarz auf Weiß in meinen Unterlagen."

Nein, Montag ist nach diesem Gespräch für mich nicht jemand, der sich in der Vergangenheit verbissen hat. "Ich sehe durchaus, dass es bei uns an vielen Stellen schon blühende Landschaften gibt. Ich möchte, dass die Menschen hier ihre Freiheit als Chance begreifen und lernen, aufrecht zu gehen."

Pfarrer Montag weiß selbst, dass er sich mit seiner Konsequenz nicht nur Freunde macht. Unseren Respekt jedenfalls hat er.

 

 

Samstag, 6. September

 Die täglichen "3 Fragen" - an Matthias Holluba

Matthias Holluba

Welches Bild vom Westen hat man euch in der DDR vermittelt?
Die alte Bundesrepublik war für die DDR-Propaganda das Beispiel Nr. 1 für den faulenden und sterbenden Imperialismus. Das war – so die DDR-Gesellschaftslehre - die letzte Phase des Kapitalismus mit all ihren Krisenerscheinungen. Chefpropagandist Karl-Eduard von Schnitzler versuchte das allmontäglich in seiner Sendung „Der schwarze Kanal“ mit Ausschnitten aus Sendungen des Westfernsehens zu belegen. Auch in der Schule wurde uns natürlich dieses Bild vermittelt. Das Schicksal konkreter Menschen aus der Bundesrepublik war nur dann ein Thema, wenn es dazu dienen konnte, beispielsweise die sozialen Ungerechtigkeiten zu zeigen. Arbeits- und Obdachlose waren für die DDR-Korrespondenten gefragte Interviewpartner.  

 

Gab es etwas, was dir half ein freundlicheres Bild vom Westen zu bekommen?
Zum Glück ja: Wir hatten Verwandte, die uns regelmäßig besuchten. Oma und Opa, die in den Westen fahren durften, berichteten von ihren Reisen. Es gab private Kontakte mit jungen Leuten aus dem Westen. Später – während meines Studiums – gab es viele Begegnungen mit Vertretern der Kirche aus dem Westen. Das alles half, ein freundlicheres Bild vom Westen zu bekommen, aber auch ein realistischeres, denn nicht nur die guten Seiten kamen zur Sprache, sondern auch das, was nicht so rosarot war. Außerdem konnten wir Westradio hören und Westfernsehen sehen. Westliche Nachrichtensendungen und Reportagen, aber auch mancher Spielfilm vermittelten ein Bild vom tatsächlichen Leben in der alten Bundesrepublik.

 

Und wie war dann dein Eindruck, als du selbst zum ersten Mal im Westen gewesen bist?
Vor dem Fall der Grenze durfte ich nicht in den Westen. Der einzige Versuch, eine Reise zu einem Freund nach Köln zu beantragen, endete mit dem Rauswurf durch die Polizeibeamtin aus der Einwohnermeldestelle, die für die Genehmigung solcher Reisen zuständig war. Ich machte mich also zwei Tage nach der Maueröffnung in Berlin auf den Weg. Für meinen ersten Westbesuch hatte ich mir Frankfurt am Main ausgesucht. Die Stadt faszinierte mich wegen ihrer an amerikanische Großstädte erinnernden Skyline. Positiv überrascht war ich von der Freundlichkeit der Westdeutschen. Gleich auf dem Bahnhof lud mich ein älteres Ehepaar zu Kaffee und Kuchen ein. Bei meinem ersten McDonald-Besuch kam ich mit jungen Leuten ins Gespräch, die sich sehr dafür interessierten, was in Leipzig in der Wochen zuvor passiert war. Natürlich: Wer auf dem Frankfurter Hauptbahnhof ankommt, der stolpert geradezu auch über einige Schattenseiten einer freiheitlichen Gesellschaft: Armut, Drogen, Prostitution … Das Ausmaß hat mich überrascht.

 

 

"Hättest du auf mich geschossen?"

Der Point Alpha bei Geisa. Hier standen sich West und Ost direkt gegenüber.

„Hättest du auf mich geschossen?“ Verunsichert sehen wir uns an. Hier an Point Alpha bei Geisa an der Grenze zwischen Thüringen und Hessen, standen sich die Systeme direkt gegenüber. Keine 50 Meter voneinander entfernt. Dieses Tal wäre einer der Orte gewesen, den die Ostblock-Streitkräfte genutzt hätten, um Richtung Westen vorzurücken, wenn aus dem Kalten Krieg ein heißer geworden wäre. Point Alpha war ein Aufklärungsposten der amerikanischen Streitkräfte. 50 GIs der beiden Panzerregimenter 11 und 14 hielten hier Tag und Nacht Ausschau. Sie beobachteten die Grenze und die DDR-Grenzer und suchten nach Anhaltspunkten im Hinterland, die auf ein drohendes Vorrücken der NVA und der Sowjetarmee gedeutet hätte. Der Kalte Krieg blieb kalt. Gott sei Dank! Doch was wäre gewesen wenn?

 

Stefan und ich haben uns als Jugendliche diese Frage gestellt. Als es im Zusammenhang mit der Polenkrise 1980 Gerüchte in der DDR gab, NVA-Soldaten wären in Alarmbereitschaft, um Richtung Polen auszurücken, stand mein Entschluss fest: Ich werde Bausoldat. Die DDR war der einzige Ostblock-Staat, der seinen jungen Bürgern seit 1964 wenigstens die Möglichkeit bot, den Dienst mit der Waffe zu verweigern. Mut gehörte trotzdem dazu, denn wer Bausoldat wurde, konnte einen Studienplatz in der Regel vergessen. Wer das tat, wurde in eine der NVA-Baueinheiten eingezogen. Bausoldaten waren Wehrdienstleistende, voll in die Armee und ihre Befehlsstrukturen integriert – mit einem Unterschied: Sie mussten keine Waffe in die Hand nehmen und wurden nicht zum Schießen ausgebildet. Ein Kompromiss, vielleicht ein fauler, denn Bausoldaten wurde auch eingesetzt, um zum Beispiel militärischen Übungsanlagen zu errichten, auf denen andere Soldaten dann den Umgang mit der Waffe trainierten. Aber ich habe getan,was in meinen Kräften stand, um nicht auf andere Deutsche, um nicht auf Menschen schießen zu müssen. Total zu verweigern, dazu fehlte mir der Mut, denn das hieß Gefängnis …

 

Und Stefan? „Ich stehe auf dem Beobachungsturm von Point Alpha. Richtung Osten sehe ich die Grenzanlagen der DDR. In Richtung Westen blicke ich auf Panzer der US-Armee. In diesem Moment läuft es mir kalt den Rücken runter und nach 35 Jahren bin ich mir sicher: Ich habe richtig entschieden, als ich den Kriegsdienst verweigert habe. Das war Ende der 70er Jahre, als in Deutschland die Menschen über den NATO-Doppelbeschluss stritten und Zehntausende auf die Straße gingen. Ich war damals sicher: Einen Konflikt mit Waffen zu lösen, ist falsch. Ich weiß nicht, wie weit ich in letzter Konsequent zu dieser Entscheidung damals gestanden hätte, aber, mein lieber Kollege, ich hätte nicht auf dich geschossen.“
 

Der Point Alpha bei Geisa

 

West und Ost standen sich hier direkt
gegenüber. Gott sei Dank, ist aus dem
kalten kein heißer Krieg geworden.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

"Es darf nicht alles so bleiben, wie es früher einmal war"

Matthias Holluba im Gespräch mit Pfarrer Raimund Stitz
an der Brücke in Vacha. Unweit von hier verlief die
innerdeutsche Grenze.

Wir sind bei Pfarrer Raimund Stitz in Vacha. Wir sitzen am Küchentisch und der Pfarrer jongliert mit Milchkarton, Zuckerdose und Telefon. Nein, er will nichts besonderes zubereiten. Der Milchkarton – das sind die Opfer. Das Telefon – das sind die Angreifer. Und die Zuckerdose – das sind die Helfer. Opfer, Angreifer, Helfer – jede menschliche Gesellschaft besteht aus diesen drei Gruppen. Und im Zusammenspiel dieser Gruppen kommt man dem näher, was man Wahrheit nennt. Dieses Modell hat Pfarrer Sitz geholfen, die Menschen in seiner Pfarrei zu verstehen. Seit 13 Jahren leitet der Westdeutsche die Pfarrei Vacha, die fast ausnahmslos aus Ostdeutschen besteht.

„Vacha hat drei Besonderheiten“, erklärt uns Pfarrer Stitz: Vacha lag zu DDR-Zeiten im Grenz-Sperrgebiet. Vacha grenzt unmittelbar an das Geisaer Amt, eine katholische Region. Und Vacha liegt an der Bistumsgrenze von Erfurt und Fulda. Und obwohl es im ostdeutschen Thüringen liegt, gehört es kirchlich zum westlichen Bistum Fulda. Das Dekanat Geisa, zu dem Vacha gehört, lag zu DDR-Zeiten im Bischöflichen Amt Erfurt-Meiningen. Als es 1994 zur Neuordnung der kirchlichen Strukturen und zu den Bistumsgründungen im Osten Deutschlands kam, blieb das Dekanats bei Fulda.

Das Gemeindeleben direkt in Vacha ist bis heute stark geprägt von den Erfahrungen des Lebens im DDR-Grenzgebiet. „Die Menschen lebten hier in ständiger Angst vor der Stasi und der Zwangsaussiedlung, die drohte, wenn man sich politisch nicht korrekt verhielt. Besonders der mittleren Generation steckt diese Erfahrung noch tief in den Köpfen“, sagt der Pfarrer. Allmählich übernimmt eine jüngere Generation die Verantwortung in der Gesellschaft und auch in der Kirche. Sie hat ihre prägenden Jahre in der Zeit nach der DDR erlebt. Die Angst-Erfahrungen ihrer Eltern-Generation spielen für sie keine prägende Rolle mehr. „Sie sind in vielen Dingen offener und freier“, sagt Pfarrer Stitz. Den Katholiken, die zu DDR-Zeiten hier in Vacha an ihrem Glauben festgehalten haben, ist er dankbar: „Ihr habt zur damaligen Zeit das einzig Richtige getan, sonst würde es hier keine Kirchgemeinde mehr geben. Habt vielen Dank dafür. Wenn wir aber lebendige Kirche bleiben wollen, darf nicht alles so bleiben, wie es früher einmal war.“
 

 

Freitag, 5. September

 

Die täglichen "3 Fragen" - an Stefan Branahl
 

Stefan Branahl

Stefan, hast du nicht langsam die Nase voll von den immer gleichen Geschichten aus dem Osten?
Die Geschichten sind ja nicht immer gleich. Wir haben die Hälfte unserer Strecke jetzt hinter uns. Nicht nur die Landschaft hat sich verändert, auch die Menschen und ihre Geschichten. Kein Gespräch und keine Begegnung ist wie die andere.
 

Gibt es noch Neues, was du in diesen Tagen über die DDR erfahren hast?
Neues hab ich vor allem in den Gesprächen zwischendurch mit dir erfahren. Wir sind von frühmorgens bis spätabends zusammen und sprechen ja viel über das Thema. Da kann man auch ein bisschen mehr in die Tiefe gehen. Bei den Begegnungen, die wir auf unserer Reise bisher hatten, habe ich an Fakten kaum etwas Neues erfahren. Hier waren es vor allem die Menschen und ihr konkretes Schicksale, die ich interessant fand. 
 

Was kommt die bisher zu kurz?
Das Thema ist so vielfältig und hat so viele verschiedene Facetten, dass es an Zeit fehlt. Wir können auch in fünf Tagen nur einen Bruchteil erfassen. Bei den meisten Begegnungen ist keine Zeit, um von der Oberfläche in die Tiefe zu dringen. Besonders froh bin ich über die Begegnungen, bei denen ich das Gefühl hatte, die Geschichte hinter dem Offensichtlichen zu finden.

 

Was denkt eigentlich der Thüringer Matthias Holluba über den Westen? Lesen Sie es hier!

 

"Lieber Gott mach, dass das Stasidorf zerstört wird"

Das frisch gebackene Ehepaar hat in
der Wallfahrtskirche auf dem Hülfensberg geheiratet.

Ich stehe auf dem Hülfensberg und sehe die Hügel des Eichsfeldes, die jetzt, am späten Nachmittag, im Dunst fast verschwimmen. Im Tal unter mir drücken sich ein paar Fachwerkhäuser in die Landschaft. Hinter mir küsst die Braut ihren Bräutigam, sie kommen gerade aus der Wallfahrtskirche. Lachen und munteres Geplapper um mich herum. Sekt zum Anstoßen wird herumgereicht, hundert Gästen freuen sich und feiern.

In diesem Augenblick fällt es mir schwer zu verstehen, was ich eben im Klostergarten gehört habe. Dass die Grenze direkt unter mir den hessischen westlichen Teil des Eichsfeldes vom thüringischen östlichen abgeschnitten hat. Mir schwirren Wörter durch den Kopf wie "verschärfte Sperrzone" und "Ausgangssperre".

Seit 160 Jahren sind die Franziskaner die Hüter auf dem Hülfensberg. Sie begrüßten die Pilger, die in großer Zahl kamen, um vor dem alten romanischen Kreuz zu beten. Sie feierten mit ihnen Gottesdienst und brachten frisches Wasser und Äpfel. Weil die Menschen ihr Vertrauen eher in "Christus den Gehülfen" statt in die Parteiführung setzten, durfte niemand mehr auf den Berg. Jahrelang hielt Pater Erwin hier oben allein die Stellung. Ich frage mich: wie oft mag er an genau dieser Stelle gestanden haben, an der ich jetzt stehe? Und was mag ihm durch den Kopf gegangen sein?

Heute ist der Hülfensberg mit seiner Wallfahrtskirche wieder offen für alle Menschen. Der Orden der Franziskaner hat fünf Brüder geschickt. Sie kommen alle aus dem Westen. Manchmal wundern sie sich, welche Bitten hier oben in den Himmel geschickt werden: "Lieber Gott, mach, dass das Stasidorf in der Nachbarschaft endlich zerstört wird", hat Bruder Rudolf neulich auf einem Fürbitt-Zettel gelesen. Auch nach 25 Jahren gibt es unbewältigte Vergangenheit und -wie man hier sagt -noch viele Leichen im Keller. Auf dem Hülfensberg von Vergebung und Versöhnung zu predigen, ist nicht einfach.

 

Kein Ort für lockere Sprüche

Die Autoramme am Kolonnenweg zum Pferdeberg.

Bundesstraße 247 kurz hinter dem kleinen Ort Teistungen bei Duderstadt. Hier, mitten im Eichsfeld, habe ich den 10. November 1989 erlebt. Bis nach Nordhausen, also auf 40 Kilometer, standen die Trabis damals Stoßstange an Stoßstange. Das Unfassbare war buchstäblich über Nacht möglich geworden: Die Grenze stand offen. Menschen lagen sich in den Armen, Sektkorken knallten, viele hatten Tränen in den Augen.

Der Grenzübergang Teistungen zählte während der deutschen Teilung zu den am meisten benutzen. aber der Weg von hier nach dort war verbunden mit langwierigen Kontrollen und immer wieder auch Schikanen. Heute fließt der Verkehr reibungslos. Erinnerungen hält das Grenzlandmuseum Eichsfeld wach - seit mehr als 20 Jahren. Weit über eine Million Besucher sind inzwischen gezählt worden. Paul Schneegans ist stolz auf diese Zahl. Für den Geschäftsführer des Trägervereins ist das mehr als eine statistische Fußnote: "Die Menschen wollen wissen, was diese menschenverachtende Grenze für unser Eichsfeld bedeutet hat" sagt er.

Beim Rundgang durch die Räume der früheren Zollabfertigung erfahren wir, wie aus dem einfachen Maschendraht der ersten Jahre ein technisch ausgeklügeltes Grenzbollwerk wurde, warum ganze Dörfer zwangsumgesiedelt wurden und welche Folgen es hatte, dass alte landschaftliche und gesellschaftliche Strukturen auseinander gerissen und Familien getrennt wurden. Beklemmend sind die Räume, die mit ihren originalen Einrichtungen einen Eindruck geben, wie perfide die Grenze gesichert wurde. Wir gehen ein Stück hinauf Richtung Pferdeberg, auf dem Kolonnenweg, auf dem früher die Soldaten Patrouille gingen, wir schauen auf Wachturm, Beobachtungsbunker und die tonnenschwere Autoramme (Foto). Wir gehen schweigsam. Für lockere Sprüche ist hier nicht der richtige Ort.
 

 

Donnerstag, 4. September

Die täglichen "3 Fragen" – an Matthias Holluba

Matthias Holluba

Seit Mittwoch haben wir mehrmals eine früher unüberwindliche Grenze passiert. Ist das für dich eigentlich noch was Besonderes?
Nein, längst nicht mehr. Ich war schon so oft im Westen, dass es für mich ganz normal zum Alltag gehört. Es gibt aber bestimmte Punkte, an denen ich mich ganz intensiv an die zurückliegende Zeit erinnere - wenn ich beispielsweise einen Grenzturm sehe oder in Marienborn über die Autobahn fahre. Dann frage ich mich, wie die letzten 25 Jahre verlaufen wären, wenn Deutschland heute noch geteilt wäre.

Wir sind jetzt gut 500 Kilometer dem Grünen Band gefolgt. An die deutsche Teilung erinnert nur  relativ selten ein Hinweisschild oder ein alter Wachturm. Das hattest du dir ja ganz anders vorgestellt.
Ich hatte nicht in jedem Ort ein Denkmal erwartet, aber es irritiert mich schon, dass hier so wenig an die ehemalige Grenze erinnert. Aber wahrscheinlich ist das ja auch ein gutes Zeichen: Es ist schon mehr zusammengewachsen, als ich mir vorgestellt habe. Wir haben heute sehen können, wieviele Menschen auf dem Radweg entlang der Elbe unterwegs sind. Darüber habe ich mich sehr gefreut. Ich finde, dass ist ein offensichtliches Zeichen für Normalität.

Bist du eigentlich neidisch auf uns Wessis?
Nein. Ich bin zwar froh, dass ich heute in einem freien System leben kann. Aber ich bin auch froh über die Erfahrungen, die ich in der Unfreiheit machen könnte. Ich weiß, was Angst vor politisch Mächtigen bewirken kann mit mir, ich weiß aber auch, was schon ein kleines bisschen Mut bewirken kann gegenüber den Mächtigen. Ich habe eine Ahnung davon, wie Diktaturen funktionieren.

Warum erzählt ihr Ossis eigentlich immer die gleichen alten Geschichten?
Vielleicht ist es eine Art Therapie, immer wieder darüber zu reden. Viele sind ja damals aus dem Westen gekommen und haben uns ständig erklärt, was wir wie zu machen haben. Darum haben wir uns klein gefühlt. Wenn wir von unseren kleinen Widerständen gegen die Diktatur erzählen, können wir uns wenigsten etwa größer fühlen. Viele im Westen sind an unserer Geschichte nur wenig interessiert. Aber gerade die Erfahrungen, die wir 1989 gemacht haben, sind es wert, immer wieder erzählt zu werden.

 

 

Impressionen von unterwegs

Für ein gutes Foto, scheut Stefan Branahl keine Gefahren

Matthias Holluba bei der Arbeit
Ein Hinweisschild an der Elbbrücke bei Dömitz

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Die Gedenkstätte Deutsche Einheit in Marienborn

Das hätte Erich Honecker auch nicht gedacht:
Matthias Holluba in der Gedenkstätte in Marienborn

Eines der Grenzdenkmale, die Stefan und ich besuchen, ist die Gedenkstätte Deutsche Einheit in Marienborn an der Autobahn A2 von Berlin nach Hannover. Hier befand sich einst der wichtigste Grenzübergang an der innerdeutschen Grenze. Er wurde vor allem von den Transitreisenden zwischen Westdeutschland und Westberlin genutzt. Paßkontrolle, Zollkontrolle, riesige Gebäude, um die LKWs abzufertigen, kleine Hallen, um PKWs genauer unter die Lupe zu nehmen und so Fluchthilfe und Schmuggel zu verhindern...
 

Bei Bedarf konnten Kfz-Sperren aus dem Boden ausgefahren werden, um die Straßen zu blockieren und die Weiterfahrt der Fahrzeuge zu verhindern. Ein großer Wachturm, von dem aus sich ein Überblick über das weitläufige Gelände bot. Diese Anlage wurde Anfang der 1970er Jahre gebaut, zeitweise arbeiteten hier 1000 Menschen.

Gedenkstätte Marienborn
Gedenkstätte Marienborn

 

 

 

 

 

 

 

 

Nahezu die gesamte ehemaligen Grenzübergangsstelle ist erhalten. Besucher können kostenlos verschiedene Räume mit Originaleinrichtung besichtigen. Nicht nur Stefan und ich sind beeindruckt von der Weitläufigkeit des Geländes. Bernd Friedrich kommt aus Köln und ist mit seiner Frau unterwegs nach Potsdam, Freunde besuchen. Neben der Gedenkstätte ist heute ein Rastplatz an der inzwischen komplett erneuerten Autobahn A2. „Wir fahren oft hier entlang, wenn wir unsere ostdeutschen Freunde besuchen. Und fast jedes Mal halten wir an.“ Die Ausstellung hat er sich schon mehrmals angesehen. „Wenn man sieht, mit welchen Methoden der DDR-Staat mit seiner Stasi versucht hat, die Flucht seiner Bürger zu verhindern, läuft mir noch heute ein Schauer über den Rücken.“ 
 

Er selbst ist zu Zeiten der Deutschen Teilung nie über diesen Grenzübergang gefahren. „Aber ich kann mich noch erinnern, dass wir – damals waren wir noch Kinder – jedes Mal Angst hatten, wenn wir hier lang mussten, weil wir Tante und Onkel in Westberlin besuchen wollten“, sagt seine Frau. „Die DDR-Grenzer hatten so schrecklich böse Gesichter. Und einmal mussten wir rechts ran fahren und das komplette Auto ausladen, dann wurden alle Verkleidungen abgebaut und die Grenzer durchsuchten alles, ob wir auch ja nichts versteckt hatten.“

 

Gedenkstätte Marienborn
Gedenkstätte Marienborn

 

 

 

 

 

 

 

 

Besucher der Gedenkstätte können die Methoden der Grenzkontrolle heute zumindest noch nachlesen. „Es ist gut dass es dieses Mahnmal gibt“, sagt Bernd Friedrich. Solche Gedenkstätten müssen erhalten bleiben und uns an unsere Geschichte erinnern. Die nachfolgende Generation kann ja mit all dem gar nichts mehr anfangen. „Als meine Kinder mich gefragt haben, Papa, die DDR – was war das, bin ich mit ihnen hierher gefahren.“

 

 

"Der Osten war mir egal" – oder doch nicht?

Stefan Branahl

Leserin G. hat mir heute eine Breitseite verpasst. Inhaltlich kurz zusammengefasst und auf die Spitze getrieben stehen am Ende zwei berechtigte Fragen: ob ich die Systemfrage zweier deutscher Staaten an einer verwehrten Pinkelpause festmachen will? Und - eng verknüpft mit dieser Kritik - ob ich noch alle Tassen im Schrank habe?

In diesem Falll kann ich zumindest die erste Frage beantworten. Nein. Natürlich nicht.
Was ich gestern - und das zugegeben grob vereinfacht - zum Ausdruck bringen wollte: Die Existenz einer DDR hat mich persönlich weit weniger beschäftigt als meinen Kollegen Matthias Holluba, der mit diesem System groß geworden ist und dessen Auswirkungen er hautnah und jeden Tag zu spüren bekommen hat. Ich bin halt in einem anderen System groß geworden, das sich selbst freiheitlich und demokratisch genannt hat. Und ich kann sagen: nicht alles ist schlecht gewesen.
Vorhin im Auto, entlang der Elbe, hat mir mein Kollege vorgeworfen, dass ich mich für die DDR und seine Menschen nicht interessiert habe. Das war ja nicht so, kann ich ihn etwas besänftigen. Das Thema Sozialismus hat mich immer beschäftigt, vielleicht nicht so, wie er es gerne sähe. Zumindest die ursprüngliche Idee habe ich mit Sympathie und im Nachhinein gesehen sicher mit einer gewissen Blauäugigkeit begleitet.

Am späten Nachmittag, beim Zwischenstopp am ehemaligen Grenzübergang Marienborn bei Helmstedt, weiß ich, was mir die Hoffnung genommen hat: es ist diese preußisch-pedantische Art, wie unser Nachbarstaat seine Auffassung einer besseren Welt durchgesetzt hat. Ich fotografiere die Erinnerungen an ein gescheitertes Experiment, dessen Hilflosigkeit unter anderem in einer perversen Bürokratie mündet.

Stefan Branahl

 

 

"Man kann die Vergangenheit nicht konservieren"

40 Jahre war die Elbe zwischen Cumlosen und Boizenburg ein Grenzfluss und trennte die Deutschen in Ost und West. Wir fahren ein Stück dieser Strecke und entdecken nur noch wenige Hinweise auf diese Zeit. Gelegentlich ein erhaltener Grenzturm, hin und wieder eine Tafel mit Erläuterungen.

Wo einst die DDR mit ihren Grenzsicherungsanlagen die Flucht ihrer Bürger verhindern wollte, sind heute Radtouristen unterwegs – aus Ost und West gemeinsam auf dem Elberadweg. An der Elbfähre in Lenzen steht noch ein alter Wachturm. Von oben haben wir einen grenzenlosen Ausblick auf die Elbauen. Heike Schüttdorf aus Westberlin steht neben uns und schaut ratlos hinunter. „Man sieht ja gar nicht mehr, wo der Grenzverlauf war.“ Mehr Information fände sie gut. Als Berlinerin weiß sie, was das Leben mit der Mauer bedeutete. „Heute interessiere das niemanden mehr. Ist ja auch schon 25 Jahre her. Kinder, wie die Zeit vergeht!“

 

Hergen Jansen und Erika Pott genießen die Landschaft
entlang der Elbe.

Hergen Jansen und Erika Pott aus Lüneburg (Foto) sind froh, dass die Grenze Geschichte ist. „Es ist herrlich, hier die Natur zu genießen. Ein Geschenk, diese Landschaft!“, sagen die beiden begeisterten Rad- und Kulturtouristen. Mit dem Fahrrad sind sie von Dannenberg ins Havelland unterwegs. Dass Deutschland wieder eins ist, ist gut. „Wir haben doch eine gemeinsame Geschichte und Kultur“, sagt Hergen Jansen. Schon zu DDR-Zeiten war er in Quedlinburg und Wismar. „Bach und die Thomaner, Goethe und Nietzsche – das verbindet uns doch.“ Gleich nach der Wende ist er deshalb mit dem Wohnmobil auf Erkundungstour gefahren. Heute, ein Vierteljahrhundert später, findet er: „Die Städte im Osten sind inzwischen viel schöner als bei uns im Westen. Die Wende kam grade noch rechtzeitig, um die viele alte Bausubstanz zu erhalten.“

Dass Radtouristen aus Ost und West nun gemeinsam hier Urlaub machen können, freut die beiden Lüneburger. Ein paar Erinnerungen an die deutsche Teilung sollten erhalten bleiben. Aber: „Man kann die Vergangenheit nicht konservieren.“

 

 

Mittwoch, 3. September
 

Die täglichen "3 Fragen" – an Stefan Branahl

Stefan Branahl

Was hat dich heute am meisten bewegt?
Die Begegnung in Rassau mit Karin Toben, der Journalistin aus dem Westen. Ich habe zum ersten Mal erlebt habe, dass jemand aus Westdeutschland in den Osten gegangen ist, nicht um Geld zu machen, sondern um unter den Menschen zu leben. Nicht nur das: Karin Toben hilft ihren Nachbarn, ihre Vergangenheit aufzuarbeiten, und hat dabei die Geduld, sich die wahrscheinlich immer gleichen Geschichten anzuhören.

Du sagst, dass dir der Osten früher ziemlich egal gewesen ist. Heute ist das ja nicht mehr so. Was hat dafür den Ausschlag gegeben?
Die persönlichen Begegnungen, die ich bei meinen Reisen in diesen Teil Deutschlands nach 1989 hatte. Solange man etwas nur theoretisch kennt, ist es uninteressant. Sobald du persönliche Erfahrungen machst, wird alles interessant. Dann sind es nicht Seiten in irgendwelchen Geschichtsbüchern, sondern die Geschichten bekommen Gesichter. Ganz schnell habe ich gemerkt, wie liebenswert die Menschen aus dem Osten sind. Offen, herzlich, gastfreundlich – Eigenschaften, die man damals bei uns nur noch selten fand.

Du hattest die Idee zu dieser Reise entlang der ehemaligen innerdeutschen Grenze. Warum?
Seit Öffnung der DDR-Grenzen habe ich immer wieder das Land bereist. Dabei hatte ich immer wieder die Möglichkeit, hinter die Kulissen zu schauen und mit Menschen in Kontakt zu kommen. Und nun interessiert mich, wie ist das weitergegangen? Was hat sich entwickelt?. Und was ist aus der Herzlichkeit geworden, die mich damals so beeindruckt hat?

 

 

"Viele kommen mit ihrer Vergangenheit nicht zurecht"

Matthias Holluba mit Katrin Toben an einem Gedenkort, der an ein ganzes Dorf am Elbdeich erinnert, das in den 60er Jahren abgerissen wurde.

Rassau – wir machen Station in einem kleinen Örtchen direkt an der Elbe. Der Fluß war hier einst die innerdeutsche Grenze. Rassau liegt auf der Ostseite. Landkreis Lüneburg aber steht am Ortseingangsschild – das ist doch eigentlich Westen.

„Die Menschen hier haben nach der Deutschen Einheit entschieden, dass sie lieber wieder zu Lüneburg gehören wollen, als zu Mecklenburg“, erzählt Karin Toben. Sie wohnt gleich hinter dem Elbdeich. Viele Jahre hat sie als Journalistin für eine Nachrichtenagentur in Lüneburg gearbeitet. Die Tage der Grenzöffnung hat sie miterlebt. Später hat sie sich das Häuschen auf der Ostseite der Elbe gekauft – zunächst als Wochenendhaus. Als sie aus gesundheitlichen Gründen ihren Beruf nicht mehr ausüben konnte, ist sie ganz hierher gezogen.

Es ist ruhig hier. Gelegentlich rast mal ein Motorrad vorüber. Aber die Ruhe ist nur äußerlich. Hier gibt es viele Geschichten von Menschen die über die Elbe ihren Weg in die Freiheit gesucht haben, manchen gelang es. Viele scheiterten und haben oft mit ihrem Leben dafür bezahlt. Und es gibt die Geschichten von den Menschen, die über Nacht von ihren Bauernhöfen zwangsausgesiedelt wurden. Ihre Höfe wurden dem Erdboden gleich gemacht. Karin Toben hat sich von vielen Menschen diese Geschichten erzählen lassen und sie aufgeschrieben. Sie hat Stasi-Akten studiert und mit Zeitzeugen gesprochen. Bücher sind daraus entstanden, Ausstellungen und ein kleiner Gedenkort, der an das Dorf Vockfey am Elbdeich erinnert, dass ab 1952 bei der Aktion "Ungeziefer" abgerissen wurde (Foto).

Warum interessiert sich eine Frau aus dem Westen für die Geschichte der Ostdeutschen? „Ich bin ja nicht nur wegen der schönen Landschaft hierher gekommen“, erzählt Karin Toben. „Ich lebe hier mit Menschen zusammen, die 40 Jahre lang eine ganz andere Geschichte hatten. Die keine Freiheit kannten wie wir im Westen.“ Und diese Geschichten will sie vor dem Vergessen bewahren. Das Vertrauen ihrer Nachbarn hat sie sich erworben – durch jahrelanges geduldiges Zuhören. Immer mal wieder steht jemand vor der Tür, der ihr aus seinem Leben erzählen will. „Es gibt so viel Unaufgearbeitetes, so viele Leichen im Keller … Viele kommen mit ihrer Vergangenheit nicht zurecht.“ Viele nehmen aus Verzweiflung den Strick. Viele? „Bei 18 habe ich aufgehört zu zählen“, sagt Karin Toben.

Als wir bei Karin Toben sind, kommt Hilde Dauksch, die Nachbarin. Sie lebt ganz allein auf einem riesigen Bauernhof und ist inzwischen fast 80. Nach dem Krieg ist sie als Flüchtling aus Ostpreußen hierher gekommen und hier geblieben. Die DDR-Zeit hat sie hier er- und überlebt – mit den vielen schrecklichen Geschichten. Viele Worte macht sie nicht darüber. Aber die Wessis die jetzt hierher kommen und erzählen, wie das Leben in der DDR gewesen ist, die kann sie nicht leiden. „Wir wissen das doch besser. Wir haben doch hier gelebt.“ Karin Toben ist ein wenig verunsichert: „Erzähle ich denn etwas Falsches?“, fragt sie ihre Nachbarin. „Nein, du doch nicht, du bist ja auch Journalistin und hast bisschen mehr Ahnung.“

 

Auf geht's!

Matthias Holluba und Stefan Branahl am Findling am
Dassower See, der die ehemalige Grenze markiert.

Ein Findling markiert die ehemalige Grenze zwischen den beiden bis 1989 getrennten Staaten. Wir stehen am Dassower See gleich bei Travemünde. Hier beginnt am Mittwoch Mittag unsere Fahrt entlang des Grünen Bandes. 1400 Kilometer liegen vor uns. Ein großer Teil der Strecke ist der ehemalige Kolonnenweg, auf dem die Grenztruppen der DDR Streife fuhren. Ein Ehepaar aus dem Schwarzwald studiert die Informationstafel. Er liest seiner Frau vor: Hier hat kurz vor der Wende noch ein Mann die Grenze über die Ostsee überquert. Kurz bevor ihn die Grenztruppen aus dem Wasser fischen konnten, erreichte er das Gebiet der Bundesrepublik. Ein paar Zeilen für ein langes Kapitel deutsch-deutscher Geschichte.

Ein paar Kilometer weiter liegt die Stadt Dassow. Auf dem Friedhof sollen Menschen begraben sein, die beim Fluchtversuch ums Leben gekommen sind. Wir suchen zwischen den Reihen, vergeblich. Auch der Friedhofsgärtner kann nicht helfen. Eine Frau, die eben noch das Grab geharkt hat, kommt auf uns zu. Ja, sagt sie, hier ist mal jemand von den Flüchtlingen beerdigt worden. Heimlich. Nein, da wurden nicht viele Worte drum gemacht, sagt sie. Hier war ja Sperrgebiet. "Das waren schlimme Jahre", erinnert sich die Frau. Ohne Passierschein durfte niemand in die 5-Kilometer-Zone. Wer politisch nicht korrekt war, sich in der Kirchengemeinde engagierte oder als potentieller Flüchtling bekannt war, wurde über Nacht zwangsumgesiedelt, musste Haus und Hof zurücklassen. Geredet wurde ja nicht viel, allenfalls hinter vorgehaltener Hand. Und der begrabene Flüchtling? Der wurde vor ein paar Jahren von der Familie umgebettet, sagt die Frau. Sie hat es eilig. Dass hier jemand fragt, erscheint ihr ungewöhnlich.

 

Die Idee

Matthias Holluba,
Redakteur beim
"Tag des Herrn"
Stefan Branahl, Redakteur
bei der KirchenZeitung
Hildesheim

Fünf Stunden Autofahrt liegen hinter mir und ich warte jetzt hier am Bahnhof von Travemünde auf Stefan Branahl, meinen Kollegen von der Hildesheimer Kirchenzeitung. Nun soll's also gleich los gehen. Ein bisschen aufgeregt bin ich ja. Wird unser Experiment funktionieren?

Eine knappe Woche lang wollen Stefan und ich die ehemalige innerdeutsche Grenze erkunden. Wir wollen sehen, was hat sich hier in den letzten 25 Jahren getan. Wir wollen erinnern, was haben die Menschen 1989/90 hier erlebt. Und wir wollen fragen, was sie heute bewegt. Soweit ist das ganz normale journalistische Arbeit. Das haben Stefan und ich schon gelegentlich zusammen gemacht.

Aber diese Reise ist auch ein Experiment: Wir wollen miteinander ins Gespräch kommen. Als Journalisten- und Redaktionsleiterkollegen verstehen wir uns ganz gut und denken ähnlich - zumindest gelegentlich. Wie wir uns aber als Menschen sehen, auch als Christen mit unseren je unterschiedlichen ost- beziehungsweise westdeutsch geprägten Biografien -, darüber zu sprechen bleibt bei journalistischen Terminen oder Redaktionsleiterkonferenzen normalerweise kaum Zeit. Auf unserer Reise wollen wir uns die Zeit dafür nehmen. Werden wir den typischen Ossi und Wessi entdecken? Oder gibt es diesen Unterschied gar nicht? Ich freue mich auf dieses Experiment.

Matthias Holluba

 

 

Möchten Sie sich mit den Redakteuren verabreden oder haben Sie Anregungen für die beiden? Schreiben Sie Matthias Holluba und Stefan Branahl per Mail und geben Tipps für die Reise: grenzfahrt@bistumspresse.de

Persönliche Erfahrungen der Autoren zur Wendezeit vor 25 Jahren lesen sie hier, was die Redakteure mit ihrer Reise zeigen möchten hier.