18.02.2016

Serie zur Fastenzeit: Leben aus der Spiritualität des Heiligen Augustinus

Gott in meinem Leben

Erfurt. In der diesjährigen Serie zur Fastenzeit kommen Ordensleute zu Wort, die über die Grundlagen ihrer Spiritualität informieren.  Heute geht es um den heiligen Augustinus, für den Individualität und Gemeinschaft die Eckpunkte im geistlichen Leben sind.

Die Seelsorge der Augustiner ist konkret. Ziel ist es, Menschen zu erreichen, die der Kirche fern stehen oder die an ihren Rändern leben. Dabei kann auch die Küche des kleinen Konventes zur Basis werden. Foto: Holger Jakobi

Der heilige Augustinus zeigt auf, wie wichtig der Blick auf das eigene Leben ist. Er zeigt, dass Gott auch auf den sprichwörtlich krummen Zeilen gerade schreibt. Pater Jeremias Kiesl, der heute den Weg des heiligen Augustinus mit seinen beiden Mitbrüdern in Erfurt geht, teilt diese Erfahrung. Im Pfarrhaus der evangelischen Reglergemeinde am Juri-Gagarin-Ring haben die Augustiner ihre Wohnung genommen. In der Cruciskirche bieten sie Mediatationen und Gottesdienste an.

Sich den Menschen am Rande zuwenden
Dabei suchen sie den Kontakt zu Ungetauften und zu Christen, die am Rande  leben. Zu Frauen und Männern, die in ihren Gemeinden nicht wahrgenommen werden. Damit folgen sie der Intention ihrer Gemeinschaft, die im 13. Jahrhundert in die Städte ging, um bei den Menschen zu sein. Seelsorge sollte konkret werden.
„Es ist übrigens der dritte Versuch der Augustiner in Erfurt“, berichtet Pater Jeremias. Erstmals hatte sich der Orden im 13. Jahrhundert angesiedelt. Nach der Reformation konnten die Augustiner 1651 wieder nach Erfurt zurückkehren. Sie übernahmen den Valentinerhof und die Seelsorge an der Hofkirche St. Wigberti. Dieses zweite Augustinerkloster wurde erst 1822 gegen Ende der Säkularisation aufgehoben.
Grundlage aller Niederlassungen ist die Regel des heiligen Augustinus, der 354 bis 430 in Italien und in Nordafrika lebte. Diese Regel ist die älteste des abendländischen Mönchtums. Pater Jeremias Kiesl hat die Augustiner im Internat in Weiden (Oberpfalz) kennengelernt. „Dort habe ich so etwas wie den ,Stallgeruch‘ erhalten, der mich schließlich in die Gemeinschaft führte. Augustinus selbst war mir damals nicht so wichtig.“ Dies änderte sich rasch. Heute lebt Pater Jeremias ganz aus der Gedankentiefe des Heiligen. Dabei zitiert er den Schluss der Augustinusregel: „Der Herr verleihe, dass ihr als Liebhaber der geistigen Schönheit dieses alles beachtet, als solche, die durch ihren guten Wandel den Wohlgeruch Christi verbreiten; nicht wie Sklaven unter dem Gesetze, sondern wie Freie unter der Gnade. “
Dieses „Freie unter der Gnade“ ist ein Hinweis auf die Individualität jedes einzelnen Menschen, die Augustinus wichtig war. Diese soll er in die Gemeinschaft in Eigenverantwortung mit einbringen. Pater Jeremias: „Damit verbunden ist die große Herausforderung zur Toleranz, Es geht darum, bei aller Unterschiedlichkeit zu lernen, den anderen im Alltag zu schätzen.“ Zugleich gibt die Gemeinschaft den Freiraum, in dem sich der einzelne entwickeln kann. „Diese Erfahrungen hängen eng mit dem Leben des heiligen Augustinus zusammen. Er, der einst sagte, dass er kein Interesse an Gott habe, erfuhr, wie Gott ihm nachging.“

Der Menschen Schritte werden von Gott gelenkt
Niedergeschrieben hat Augustinus diesen Weg in seinem Bekenntnissen. Darin heißt es: „Deine Hände, mein Gott, haben im Geheimnis deiner Vorsehung meine Seele nicht fahren lassen, meine Mutter (die heilige Monica trat jahrelang betend und opfernd für ihren Sohn bei Gott ein) ließ aus blutendem Herzen Tag und Nacht unter Tränen ihre Opfer aufsteigen zu dir, und du hast wunderbar an mir gehandelt; Ja, dein Werk ist es, mein Gott. Denn des Menschen Schritte werden vom Herrn gelenkt, sein Weg entspricht seinem Wille. Woher käme uns Heil, wenn nicht aus deiner Hand, die das Geschaffene neu erschafft.“
Abschließend betont Pater Jeremias, dass es wichtig ist, Gott immer als das Plus im Leben, als Bereicherung zu sehen. „Wir können alle davon ausgehen, dass Gott mit uns unterwegs ist.“ Was übrigens für alle Menschen gilt.

Hintergrund
Der Augustinerorden (lateinisch  Ordo Sancti Augustini, OSA), bis 1963 Augustiner-Eremiten (lateinisch Ordo Eremitarum Sancti Augustini, OESA) entstand durch einen Zusammenschluss toskanischer Eremitengemeinschaften, denen Papst Innozenz IV. am 17. Januar 1244 mit der Augustinusregel eine erste rechtliche Form gab und die Papst Alexander IV. mit der Bulle Licet Ecclesiae vom 9. April 1256 mit weiteren Gemeinschaften (Wilhelmiten, Johannboniten und anderen) in der sogenannten Magna Unio vereinte.
Der neu entstandene, nach dem Vorbild der Dominikaner und Franziskaner organisierte Orden verbreitete sich rasch im christlichen Abendland. Schon Ende des 13. Jahrhunderts gab es in Deutschland 80 Konvente in vier Provinzen.

Übung zur Spiritualität von Augustinus
Augustinus erkannte die Spur Gottes in seinem Leben. Er sah seine Führung, seinen Plan.
Schauen auch Sie in diesen Tagen – sofern Sie es möchten – auf ihr Leben. Suchen Sie die Zeiten, in denen Gott Ihnen ganz nahe war oder die dunklen Zeiten der scheinbaren Gottesferne. Hilfreich ist es dabei, sich Notizen zu machen. Augustinus nannte seine Erinnerungen Bekenntnisse. Dieses Buch ist in verschiedenen Ausgaben im Buchhandel erhältlich und kann zu einem guten Begleiter in der Fastenzeit werden. Hilfreich ist auch folgendes Gebet, das dem Heiligen zugeschrieben wird: „Atme in mir, du Heiliger Geist, dass ich Heiliges denke. / Treibe mich, du Heiliger Geist, dass ich Heiliges tue.  / Locke mich, du Heiliger Geist, dass ich Heiliges liebe. / Stärke mich, du Heiliger Geist, dass ich Heiliges bewahre. / Hüte mich, du Heiliger Geist, dass ich das Heilige niemals verliere.“

Von Holger Jakobi