14.01.2015

Gott finden in allen Dingen!

„Gott finden in allen Dingen“ – das ist wohl einer der Sätze, die man sich gerahmt über dem Bett des heiligen Ignatius von Loyola vorstellen kann. Gott in allen Dingen zu suchen und zu finden war für Ignatius existenziell, es gehörte zu seiner Spiritualität – und damit jetzt auch irgendwie zu meiner. Denn das Kolleg, dem ich nun angehöre und in dem ich wohne, wurde nach Vorstellungen von Ignatius selbst im Jahre 1552 gegründet. Bis heute wird das „Pontificium Collegium Germanicum et Ungaricum de Urbe“ (kurz: Germanikum) von Jesuiten geleitet und betreut, dem Orden, der von Ignatius gegründet wurde. Kolleg ist übrigens das gleiche wie Priesterseminar, nur das hier auch schon fertige Diakone und Priester wohnen, die ebenfalls zur Hausgemeinschaft gehören und ein Aufbaustudium in Rom absolvieren.
Die ignatianische Prägung ist also ein wichtiger Aspekt in meiner Ausbildung. Und das „Gott finden in allen Dingen“ hatte ich sofort im Blut. Quasi per Infusion. Über Nacht. Im Schlaf.  Es passt einfach zu perfekt zu uns, zu unserer Kirche in der Diaspora. Wo ist Gott? Die Kirchen werden immer leerer; Gemeinden werden zusammengelegt; keiner will mehr Priester werden; die jungen Familien lassen ihre Kinder nicht mehr taufen; die Firmbewerbergruppe kann man mit einem einzigen Auto abholen … Gott, wo ist er?
Die Kirche verliert Raum. Verliert deshalb Gott Raum? Oder nimmt vielleicht die Kirche Gott manchmal den Raum, weil sie statt ihn sich selbst präsentiert? Müssen wir den Leuten außerhalb der Kirche Gott bringen? Oder ist er nicht vielmehr schon längst da?! Will jemand ernsthaft behaupten, dass Gott irgendwo nicht ist?
Gott finden in allen Dingen, in jedem Menschen. Vielleicht sollte ich mir das wirklich gerahmt über das Bett hängen, damit ich es nie vergesse: Gott ist manchmal da, wo ich ihn am wenigsten vermute. Jeder (!) Mensch hat das Potenzial, ihn mir zu offenbaren. Immer wenn ich mich in meinem Urteil zurückhalte, mein Gegenüber in seiner Person, mit seinen Ansichten, Wünschen, Prägungen wertschätze – so schwer das auch fallen sollte – ihm die Möglichkeit zuspreche mir Gott zu zeigen – wird das auch passieren.
Also seien Sie mal neugierig, halten Sie die Augen offen. Manchmal ist es verrückt …



Zur Person: Phillip Fuhrmann ist 1991 geboren und wohnt in Gablenz, das zur Pfarrei Weißwasser im Bistum Görlitz gehört. Für dieses Bistum ist er Priesterkanditat. 2009 hat Phillip Fuhrmann Abitur gemacht. Im Wintersemester 2011 hat er begonnen, erst in Erfurt und jetzt in Rom Theologie zu studieren.

Kommentare

Lieber Philip Furhmann, offensichtlich bekommt Ihnen der Aufenthalt in Rom recht gut. So habe ich jedenfalls den Eindruck, als ich Ihren neuen Beitrag las. Gerade wir Katholiken mit unserer jahrhundertealten Selbstherrlichkeit und Selbstüberschätzung müssen Toleranz und Ehrfurcht vor den andersdenkenden Menschen lernen.
Dieter Kittlauß
Bendorf Sayn (Rhein)

Lieber Philip,

nun bin ich auch in Rom angekommen, wahrscheinlich für circa 3 Jahre. Wenn meine Sprachkenntnisse in italienisch gut genug sind, werde ich noch etwas Theologie studieren.
Ich wohne am Piazza San Silvestro. Unsere Kirche der Padri Sacramentini ist die Chiesa di San Claudio.
Vielleicht sieht man sich ja mal.

Herzlichst
Markus Cieslik
auch aus Weißwasser

Gott - wo ist er?
ER ist noch immer da. Nur wir bewegen uns weg. Konzentrieren uns auf unser materialistisches Dasein. Haben keine Zeit mehr füreinander. Vernachlässigen "Miteinander". Erschweren spirituelle Erfahrung in unserer Kirche. Halten fest an Dogmen, unzeitgemäßen Strukturen und geben gleichzeitig der Jugend zu wenig Möglichkeit, Gott zu erfahren.
Alles und jeder wird (fast) nur noch an Effizienz, Leistungsfähigkeit, Ergebnissen gemessen, Leitsätze wie "unterm Strich zähl ich" verinnerlicht. Kirche haut sich selbst die Füße weg!
Ein Beispiel ist das Winfriedhaus in Schmiedeberg. Es ist "zu teuer", sagen die "von oben". Es genügt nicht mehr den Ansprüchen. Welchen "Ansprüchen" eigentlich? Denen, zu denen wir unsere Jugendlichen in dieser Gesellschaft erziehen.
Hier, im Osten Deutschlands zählt jeder Jugendliche, der sich zu Kirche bekennt und Glauben lebt, 5fach im Vergleich zu Köln, München.... – die wenigen werden von der derzeitigen Bistumspolitik vor den Kopf gestoßen – und die Kirchen immer leerer.
Ja, mein Beitrag ist von Verbitterung getragen, dabei freu ich mich über enthusiastische Menschen, die Glauben leben und in Gott vertrauen.
Bitte, lieber Phillip, lassen Sie sich das nie nehmen und behalten Sie die Menschen im Blick - diese sind der Schlüssel. Gott ist IMMER da, aber ohne die Menschen gibt´s keine Kirche.
Gabriele

Dein Beitrag, lieber Phillip, hat in mir etwas bewegt, mich aber auch traurig gemacht.
Ich habe mich vor 2 Jahren in der Osternacht taufen lassen, es war sehr schön, aber ich musste eine sehr schmerzliche Erfahrung machen – leider. Ja, du hast recht, die Kirchen werden immer leerer, warum? Meiner Erfahrung nach ist es, weil die Wenigen, die noch hingehen, verlernt haben, auf Menschen zu zugehen und sie einfach willkommen zu heißen. Sie werden einfach ignoriert, wenn sie Fragen stellen oder mit den Gläubigen ins Gespräch kommen möchten. Sie drehen sich um. Den Glauben, auch das meine Erfahrung, niemals aber auch niemals hinterfragen, denn das sehen sie als persönlichen Angriff an.
Mein Wunsch an dich, wenn du Priester bist, wäre: Lehre den Menschen in der Kirche wieder die Offenheit, die Liebe, die Begeisterung für den Glauben und lehre sie,über den Tellerrand hinaus zu schauen, die Welt ist so schön und wunderbar.
Ich habe mal meinen Pfarrer die Frage gestellt: Warum glauben die Menschen an das Leben und leben nicht mehr den Glauben? Die Antwort, sie kam nicht, nur ein sehr trauriges Gesicht.

Gott sei Dank, dass Jesus unendlich Geduld hat mit uns... unsere Erwartungen, die wir an andere haben, erfüllen wir sie?!
Jesus nachzufolgen, bedeutet das Kreuz auf sich zu nehmen... (Diener sein, Unrecht erleiden, zum Gespött werden)
das ist nicht attraktiv und vllt sind die Kirchen deshalb so leer?
Christus hat es etwas gekostet, uns frei zu machen von unseren Knechtschaften.

D. Bonhoeffer und viele andere sind durch finstere Täler (milde ausgedrückt) gegangen
und haben tatsächlich den bitteren Kelch auch genommen...
diese Gedanken kamen mir zu den Ihren. Also nicht aufgeben, weiter gehen :-)

Lieber Herr Fuhrmann,

danke für diesen Beitrag in Ihrem Blog. Ich antworte Ihnen mit einem Gedicht, das ich 2016 geschrieben habe.

Ihnen und den Leserinnen & Lesern alles Gute und viel Freude bei allem, was Sie tun. 

Herzliche Grüße aus Katalonien,
Matthias Köhler alias
Matthias der Frohpoet

+   *   +   *   +   *   +

= GOTT fährt auch Motorrad =

Ist‘s wahr, dass GOTT ist überall, 
In allen Kreaturen ? 
In Menschen, Pflanze, Tier und Stein, 
Im Regen und im Sonnenschein ? 

Als Nachbar und als Nachbarin 
Erfahrungen zu machen 
Auf jedem neuen Lebensgang 
Für alle Ewigkeiten lang ? 

Das könnte heißen, dass der Schöpfer 
Sich in Greis und Kinde, 
Im Jüngling und der jungen Maid, 
In jedem Menschen finde. 

Dass wir als Teile von dem Ganzen 
Auf Planeten wandern, 
Des Lebens Prüfungen bestehen, 
Eine nach der andern. 

Dass wir ein Göttliches Bewusstsein 
In uns kultivieren 
Und dass das Leben selbst uns will 
Zu Avataren küren. 

Dass wir vom Rauhbein uns zum Christus 
In uns hin erheben, 
Dass unsre eigne Göttlichkeit 
Uns leitet durch das Leben.

So seh ich GOTT Motorrad fahrn 
Und Volksgeschicke lenken, 
Ich seh den Schöpfer Straßen kehrn 
Und Sinfonien erdenken. 

Ich seh ihn im Behandlungszimmer, 
Seh ihn hinterm Tresen. 
Es darf ein jeder in sich froh 
Die Schöpferzeichen lesen. 

Wer will, darf froh erspüren, 
Was ihm Herzensweitung bringt, 
Wann seine Sonne scheint und wann 
Das Lied der Freude klingt. 

Vielleicht ist, was Glückseligkeit 
Will in die Herzen rufen, 
Ein Lichtblick und ein Fingerzeig 
Hin zu den nächsten Stufen.

Die Heiterkeit ist eine geheimnisvolle Gespielin. Sie verzaubert alles um sich her. Sie läßt Steine zu Blüten werden und macht aus der Wüste ein Paradies. 

(Hans Wallhof) 

Lieber Bruder in Christus

bewahren Sie sich dieses Verständnis Gott in allem und in allen zu sehen. Alles und Alle wurden durch das Wort Gottes geschaffen und sind somit gleichwertig. In unserer Kirche ist das Leitbild oft noch der "Canus dei", der Wachhund Gottes. So drückte auch Kardinal Meisner einmal sein Leitmotiv aus. Über die Lehre zu wachen. Paulus ging dazu einen anderen Weg. Der Zentrale Leitsatz seiner Lehre lautet: In Christus leben. Wie Wein und Wasser sich verbinden und eine untrennbare Einheit bilden, so hat sich Christus im neuen Bund mit uns Menschen verbunden. Unser Glauben baut auf dieses Wort. Unser Leib ist ein Tempel Gottes, in der Eucharistie feiern wir die Communio. Der Priester stellt sich Jesus in dieser Handlung zur Verfügung. 

In der Firmung wird uns vom direkten Nachfolger der Apostel der Heilige Geist geschenkt. In der Taufe ziehen wir Christus an. Wenn Mann und Frau sich in der Liebe verbinden und eine Einheit werden (können), dann ist auch das Comunio, weil diese Einheit nur durch die Liebe, durch Gott eben, erreicht werden kann. Im Zölibat streben Männer und Frauen eine direkte Gemeinschaft mit Gott an. Vor der Heiligen Messe zieht der Priester die Albe an, sinnbildlich das Taufkleid. Er zieht Christus an. Er stellt sich Christus zur Verfügung mit offenem Herzen, wie bei der Herz Jesu Darstellung. Durch das offene Herz scheint ein wenig vom Wesen und vom Geist Gottes in die Welt. So viel, das wir nicht davon überwältigt werden und Blind. Hält unserem Wesen angemessen. Und wo können wir Gott begegnen? Halt im Nächsten und in seiner Schöpfung, auch das ist Communio. Werden Sie ein Hirte, ein Pastor im besten Sinne und führen Sie einen Teil der Herde als Zeuge, nicht als Lehrer am Wegesrand. Und wenn es mal schwierig ist, dann können Sie in der Gewissheit leben: Ich kann nicht tiefer fallen als in seine Hand. Später werden wir alles verstehen.

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen einen guten Weg und Gottes Segen. Lassen Sie uns doch bitte weiter an diesem Weg teilhaben.