18.05.2017

Anstoss 20/2017

Gott anreden – aber wie?

„Guter Gott“ – so beginne ich ganz oft, wenn ich mit Gott spreche. Manchmal auch mit „lieber Gott“.


„Lieber Gott, hilf, dass der Notarzt rechtzeitig beim Kranken ist“ zum Beispiel, wenn ich das Martinshorn eines Krankenwagens höre. „Guter Gott, steh‘ den Angehörigen bei“, wenn irgendwo in nah oder fern Todesopfer zu beklagen sind. Manchmal erzähle ich ihm auch einfach etwas: „Weißt du, Gott…“
Irgendwann kam mir die Frage, ob ich angemessen mit Gott rede. Angemessen im Sinne von ehrfürchtig genug. Immerhin ist er allmächtig, er ist der Herr, der Herrscher überhaupt, der König, der Ewige, der Allerheiligste, der Größte, der Starke, der Alleinige, der Dreifaltige. Neulich habe ich mich mal hingesetzt, und verschiedene Anreden ganz bewusst ausprobiert. Ich habe sie einfach laut vor mich hergesagt: „Herr“, „Großer Gott“, „Allmächtiger Herrscher“. Ich zweifle nicht daran, dass Gott all dies ist und noch viel mehr; und doch fühlte es sich für mich weit weg an.
So muss sich der kleine Lord aus dem gleichnamigen Film gefühlt haben, als er das erste Mal mit seinem Großvater frühstückte. Sie saßen beide an einem Tisch, an einem sehr, sehr langen Tisch. Und jeder von ihnen saß an einer Stirnseite. Dann dachte ich mir, Gott einfach so anzureden, wie Jesus es tat, und uns weitergegeben hat. „Vater“. Wir zu Hause sagten zu unserem Vater immer Papa.  Also tat ich dies auch mit Gott: „Papa“. Ich habe es mehrmals hintereinander und ganz bedächtig gesagt. Dieser Moment wurde zu einem jener kostbaren und seltenen Augenblicke, die einem ganz unverhofft geschenkt werden und die man nicht wirklich in die richtigen Worte fassen kann. Die einem aber unvergesslich bleiben. In diesem Moment wusste ich ganz fest, dass ich niemals allein bin. Dass es jemanden gibt, der einen liebenden Blick  für und auf mich hat. Einen, der nichts anderes will als dass ich glücklich bin. Der mich stark macht, auch wenn es manchmal weh tut. Einen, zu dem ich immer kommen kann. Ein Vater eben. Ich möchte ihn ehren, aber nicht aus Furcht. Eher so: Ihn wiederlieben. Diesen Zugang zu Gott haben wir von Jesus. Tausend Dank!

Andrea Wilke, Erfurt