10.08.2017

Nichtreligiöse Hochzeitskapelle Callenberg

Gott als Zaungast

Im sächsischen Callenberg können Brautpaare künftig gegen Gebühr in einer nichtreligiösen Kapelle heiraten. Ein Musiker-Ehepaar hat sich mit diesem Projekt einen lang gehegten Traum erfüllt.


Noch ist es eine Baustelle, doch das Bauschild lässt künftigen Glanz erahnen. | Fotos: Benedikt Vallendar

 

Was den einen ihre Modelleisenbahn ist den Eheleuten Vivienne (40) und Tino Taubert (53) ihre Kapelle. Und das, obgleich sie „mit der Kirche nicht viel am Hut“ haben, wie sie sagen. Mitten auf dem Land, in Callenberg, einem kleinen Dorf nahe Zwickau, haben sie sich den lang gehegten Traum von einer eigenen Kapelle verwirklicht. Kulturgeschichtlich passe sie gut in die Landschaft, sagen die Tauberts und verweisen auf die vielen anderen Kirchen und Kapellen, die die Region seit Jahrhunderten prägen. Ihre eigne haben sie in jahrelanger Kleinarbeit mit Freunden, Architekten und Händlern für antike Baustoffe geplant. Vor wenigen Wochen war Richtfest und wo bei christlichen Kapellen auf der Turmspitze ein Kreuz prangt, haben Tauberts eine schmiedeeiserne Wetterfahne aufsetzen lassen.
Künftig wollen sie in ihrer Kapelle Hochzeiten anbieten, das übliche Programm, bestehend aus standesamtlicher Trauung, Musik und Kuchenbuffet im hauseigenen Garten (www.hochzeitskapelle-callenberg.de). Im November soll es losgehen und schon jetzt lägen viele Anfragen vor, heißt es.
Mehr als 750 000 Euro haben Tino Taubert, am Dresdener Konservatorium examinierter Popular-Musiker und seine Frau Vivienne, eine Sängerin und Moderatorin, in das Objekt investiert. Sie geben sich betont optimistisch, ebenso ihre Geldgeber, darunter der Freistaat Sachsen, der das Objekt mit einer sechzigprozentigen Bürgschaft abgesichert hat. Das Bundesland versucht offenbar mit allen Mitteln, den ländlichen Raum zu stärken, auch wenn die Gelder für Callenberg erst nach einem umfangreichen Business- plan genehmigt wurden.

Das Ehepaar Taubert auf seiner Baustelle.

Kapelle als finanzielles Standbein
Seit elf Jahren singen und musizieren die Tauberts auf Firmenfeiern, Jubiläen und Hochzeiten, die das Künstlerduo als Marktlücke für sich entdeckt hat. „Allein in unserer Region geben sich jedes Jahr fast zweitausend Brautpaare das Ja-Wort“, sagt Vivienne Taubert. „Wenn wir von denen hundert als Kunden gewinnen, trägt sich die Investition.“ Die Tauberts denken pragmatisch, an die Zukunft ihrer Familie und, dass sie als freiberufliche Künstler nur eine kleine, staatliche Rente beziehen werden, wenn überhaupt. „Die Kapelle ist ein wichtiges finanzielles Standbein“, bestreitet Tino Taubert nicht die pekuniären Interessen, die für ihn ausschlaggebend gewesen seien. Denn weder er noch seine Frau wollen, wie sie sagen, „mit sechzig noch auf der Bühne stehen müssen“.
Nach außen hin sieht die Callenberger Kapelle aus wie eine kleine Kirche im Renaissancestil, hat aber „nix mit Religion zu tun“, wie die Bauherrn wiederholt betonen. Sie wollen und müssen Geld verdienen, sagen sie, und reagieren mit Unverständnis auf verhaltene Kritik aus den etablierten Kirchen. „Wir haben nichts gegen die Kirche und sind offen für alle Menschen“, sagt Tino Taubert, der die Aufregung nicht recht versteht und immer wieder von Toleranz spricht, die er und seine Frau vermissen würden.
Namentlich will sich weder auf katholischer noch auf evangelischer Leitungsebene jemand zu dem Projekt in Callenberg äußern. „Albern“, „total bescheuert“ und „nicht der Rede wert“, so lautet der Tenor in den Presseabteilungen der angefragten Bistümer und Landeskirchen über das Callenberger Kapellenprojekt. Ein katholischer Radiosender bezeichnete die Callenberger Kapelle kürzlich gar als „vegane Wurst“, die dort verkauft werden solle.
„Die Kirchen haben kein Copyright auf die Insignien ihres Tuns‘“, sagt hingegen Tino Taubert, der den Glauben an einen Gott für eine Illusion der Menschheit und das Wort „Kapelle“ mitnichten für ein christliches Markenzeichen hält. Dass die Callenberger Kapelle eine Mogelpackung sei und Menschen in ihren religiösen Gefühlen verletzten könne, bestreitet Taubert. Religion hat in seinem und im Leben seiner Frau nie eine Rolle gespielt, gleichwohl Vivienne Taubert der Meinung ist, dass es da „etwas geben müsse“, zwischen Himmel und Erde, das sie aber weder mit Gott und schon gar nicht mit der Kirche in Verbindung bringen wolle.
Die Tauberts wuchsen in der DDR auf, wo Christen in der Minderheit waren und Repressalien erlitten. Als der SED-Staat 1989 zusammenbrach war Tino Taubert Student, während seine Frau noch zur Schule ging. Einen Religionsunterricht haben beide nie besucht. Tino Taubert hat als junger Mann auch „viele gute Erfahrungen mit Christen“ gemacht, sagt er. Einmal, als die Mauer noch stand, habe ihn ein Klassenkamerad zu einem Gemeindefest eingeladen, und noch heute erinnert sich Tino Taubert an den herzlichen Empfang, der ihm dort bereitet wurde, gleichwohl er sich nie dazugehörig fühlte und bis heute keiner Kirche beigetreten ist.

Von Benedikt Vallendar
 

Meinung: Gute Nachricht
Das ist eine gute Nachricht: In der entchristlichtsten Region der Welt – das ist bei uns – gibt es Menschen, die mit Kirche immerhin noch soviel verbinden, dass sie in einer solchen heiraten wollen. Dass Unternehmer wie die Tauberts diesen Umstand nutzen und damit Geld verdienen wollen, ist in der Marktwirtschaft nicht verwerflich. Im Umgang mit der sogenannten Hochzeitskapelle kann man also ruhig gelassen bleiben, zumal es gar keine Kapelle ist, wenn religiöse Symbole und ein Altar fehlen und die Kanzel als DJ-Pult dient.
Was aber sagt dieser Umstand uns als Kirche? Kirche ist nicht nur für die Getauften da, sondern für alle Menschen, auch für diejenigen, die gerne in einer Kirche heiraten wollen und sei es zunächst nur der Romantik wegen. Wir wissen hier im Osten Deutschlands aus vielfältigen Erfahrungen, dass Ungetaufte für einen Segen, für das Entzünden einer Kerze für einen lieben Menschen, für fürbittendes Gebet und ausgewählte Bibeltexte offen sind. Könnte die Kirche für suchende ungetaufte junge Leute auf dem Weg ins gemeinsame Leben nicht mehr anbieten als bloß einen romantischen Ort? Wenn ich an Valentinsgottesdienste und Lebenswendefeiern denke: Vorbilder gäbe es ja.

Von Matthias Holluba

Kommentare

Lieber Herr Holluba, hier sind die Bauherren Vivienne und Tino Taubert der nichtreligiösen "Hochzeitskapelle Callenberg". Wir danken Ihnen sehr für Ihren klugen, weltoffenen und weitsichtigen Kommentar, der uns aus der Seele spricht. Richtig ist, wir bauen eine Kirche, die keine Kirche ist. Damit wollen wir natürlich keine religiösen Gefühle verletzen. Wir gehen seit vielen Jahren sehr gern in Kirchen, hauptsächlich wegen der einzigartigen Architektur und meisterlichen Handwerkskunst der damaligen Steinmetze, Maler und Holzschnitzer des Mittelalters. Ein Hauch dieser Kunst und Atmosphäre wollen wir allen Menschen (egal ob religiös oder nicht) neu eröffnen, in dem jeder Mensch ab November 2017 in unserer "Hochzeitskapelle" Kaffee- und Tortenspezialitäten genießen kann. Weiterhin steht unsere Hochzeitskapelle auch für standesamtliche Trauungen und für Feiern aller Art zur Verfügung. In der Weihnachtszeit wird unsere "Hochzeitskapelle" auch zur "Weihnachtskapelle" mit weihnachtlicher Atmosphäre und weihnachtlichen Spezialitäten, sowie ausgewählten Weihnachtsprogrammen. Damit wollen wir unsere einzigartigen Weihnachtstraditionen erhalten und pflegen. Für uns ist unsere kleine "Kapelle" vor allem eine Herzens-Sache und nicht nur Geschäft. Wir denken dabei nicht zuerst ans Geld verdienen, müssen aber unsere hohe private Investition wirtschaftlich absichern. Unsere fast fertiggestellte "Hochzeitskapelle" zeigen wir seit ca. 2 Wochen allen Interessenten und sind glücklich über die strahlenden Augen und die große Begeisterung unserer zukünftigen Gäste. Wir freuen uns über alle weltoffenen und toleranten Christen, die wir bei uns selbstverständlich auch herzlich Willkommen heißen. Mit herzlichen Grüßen, Vivienne und Tino Taubert