31.08.2017

Sommerserie 2017

Glaubenszeugnis aus Stein

Tag des Herrn-Sommerserie (Teil 7):  Anfang der 70er Jahre war die Pretziener St.-Thomas-Kirche zugewuchert, verbaut, dem Verfall preisgegeben. Heute ist sie ein Kleinod an der Straße der Romanik. Ein Besuch ist ein Erlebnis, erst recht, wenn Anna-Maria und Rüdiger Meussling durch die Kirche führen.


An der Elbe östlich von Magdeburg gelegen ist die nach dem heiligen Thomas Becket benannte Kirche von Pretzien. Der gotische Eingangsbogen wurde 1993 von dem Pfarrerssohn und Steinmetzmeister Frithjof Meussling restauriert.  | Fotos: Dorothee Wanzek



Für zehn evangelische Dorfkirchen und ihre Gemeinden in der Altmark und in Ostelbien war das Ehepaar Meussling der Glücksfall: Ein Pfarrer mit Begeisterungsfähigkeit, Organisationstalent, handwerklichem Geschick und Sensibilität für das Erbe früherer Generationen, verheiratet mit einer Pfarrerstochter, die eine kirchliche Ausbildung als Restauratorin absolviert hatte. „Aus den Wänden der Kirchen spricht der Glaube unserer Vorfahren“, sagt Rüdiger Meussling. Seiner Frau und ihm ging es um das lebendige Glaubenszeugnis, weniger darum, Denkmäler zu konservieren. Genauso wichtig wie die Reparaturarbeiten war ihnen die gelebte Gemeinschaft mit allen, die mit Hand anlegten.
Gemeinsam mit Gemeindemitgliedern, bereitwilligen Dorfbewohnern, den eigenen Kindern und Jugendlichen aus der Umgebung haben die Meusslings an den Wochenenden Dächer gedeckt, Stromleitungen gelegt, neue Fundamente gegossen, Kunstwerke gerettet, die längste Zeit unter widrigen Bedingungen der DDR-Mangelwirtschaft. Wenn sie heute, längst im Rentenalter, aus ihrem abenteuerlichen Leben erzählen, ist zu spüren, dass ihr Herz am meisten für die St.-Thomas-Kirche in Pretzien schlägt.

Bedeutenden Sakralraum dem Vergessen entrissen – anfangs ganz ohne Geld
Ihre ersten Eindrücke aus Pretzien haben sich tief eingeprägt: Vernachlässigt wirkte 1973 nicht nur das Gebäude, sondern auch das kirchliche Leben. In dem Dorf bei Magdeburg gab es kaum noch Christen. Selbst der Kirchendiener gehörte nicht mehr zur Gemeinde. Die Kirchenleitung hatte Pretzien von der Liste der zukunftsfähigen Gotteshäuser gestrichen, für deren Erhalt noch Geld zur Verfügung stand. Auch das zuständige Amt für Denkmalpflege hatte die Kirche für nicht schutzwürdig erklärt.
Anna-Maria Meussling erkannte sogleich, dass dieses Sakralgebäude etwas ganz Besonderes war. Wie sie mittlerweile weiß, wurde es um 1140 von Leitzkauer Prämonstratenser-Chorherren gebaut. Bedeutend sind insbesondere die spätromanischen Wandmalereien aus dem 13. Jahrhundert, die sie selbst entdeckte und in jahrelanger Handarbeit – lange Zeit komplett unentgeltlich – unter sieben bis neun Farbschichten freilegte. Christus mit Maria und Johannes dem Täufer sind in der Apsis zu sehen, umgeben von Heiligen, Propheten und Engeln. Im Chor schließen sich Darstellungen verschiedener biblischer Gleichnisse an, darunter das von den klugen und törichten Jungfrauen. Möglicherweise hat derselbe Maler, der den 1207 abgebrannten ottonischen Dom in Magdeburg gemalt hat, auch die Pretziener Dorfkirche gestaltet. „Die verwendeten Farben, die Technik, die Qualität der Malerei in jeglicher Hinsicht spricht für einen Meister“, meint Anna-Maria Meussling. 
Unter den ersten, die für die Rettung der Kunstwerke spendeten, waren Katholiken aus dem nahe gelegenen Schönebeck, erinnert sich die Restauratorin. Der damalige Pfarrer Willi Kraning habe sie eines Tages mit dem Skalpell in der Hand in der Kirche angetroffen. Ein Krebs schimmerte an der Nordseite der Kirche unter dem Anstrich hervor, und der katholische Pfarrer schlug eine Wette vor: „Dahinter verbirgt sich eine Christophorus-Darstellung“. Er gewann die Wette.
Später ging auch den Denkmalpflegern auf, dass sie den kulturhistorischen Wert dieser Kirche verkannt hatten. In Folge dessen bekam Anna-Maria Meussling zwar Unterstützung  – die war allerdings beileibe nicht immer fachgerecht und führte dazu, dass ein beträchtlicher Teil der wertvollen Malereien Schaden nahm.

Heiliges Grab diente einst zu effektvollen  Darstellungen 
Dennoch gelang es, die Kirche immer mehr zu ihrem ursprünglichen Zustand aus der Zeit der Mönche zurückzuführen. Die Fenster etwa wurden dem romanischen Stil entsprechend verkleinert. Der Taufstein kehrte an seinen zentralen Standort zurück. Rüdger Meussling und seine Helfer machten beim Bauen manche überraschende Entdeckung. So legten sie ein „Heiliges Grab“ frei, das wahrscheinlich einst zu szenischen Darstellungen der Grablegung Christi genutzt wurde. Eine Öffnung zwischen Gewölbe und Fenster deutet daraufhin, dass eine Christusfigur dort emporgezogen werden konnte und den Blicken der andächtigen Gemeinde entschwand.
Eine Reihe kleinerer Funde sind in der Ende der 70er Jahre nördlich der Kirche angebauten Christophorus-Kapelle ausgestellt. Unter den modernen Kunstwerken in dieser als Winterkirche und Gemeinderaum genutzten Kapelle ragt besonders ein Fresko heraus, mit dem der süddeutsche Künstler Hubert Distler 1980 den Durchgang zwischen Kirche und Kapelle gestaltet hat, eine Darstellung des „Himmlischen Jerusalem“.

Das Ehepaar Meussling vor den Pretziener Wandmalereien.

Zum Fest Kreuzerhöhung steht das Altarkreuz im Rampenlicht
Eine Zufallsentdeckung, die Rüdiger Meussling und sein Küster an einem 14. September machten, lockt bis heute an diesem Datum zahlreiche Besucher zu einer Andacht in die Kirche: Nur an diesem Tag, dem Fest Christi Kreuzerhöhung, fällt das Licht durch eines der beiden runden Fenster im Turm genau auf den Christus des Altarkreuzes, und zwar exakt um 18 Uhr, seit Einführung der Sommerzeit um 19 Uhr. Da Christen dieses Fest bereits seit 335 nach Christus feiern, ist zu vermuten, dass dieses Phänomen beim Bau der Kirche bewusst geplant war. Auch die nachweisliche Verschiebung des Gebäudes von der üblichen Ost-West-Ausrichtung um 16.3 Grad nach Süden ließe sich damit erklären.
Auch die übrigen Sehenswürdigkeiten der Kirche präsentieren Rüdiger und Anna-Maria Meussling nie einfach wie die Exponate eines Museums, sondern stets mit verbunden mit Anregungen, über Gott, die Welt und das eigene Leben nachzudenken. „Die schönste Form der Verkündigung ist Musik“, findet der Ruhestandspfarrer. Schon früh hat er mit seiner Frau deshalb die Pretziener Kirchenmusiken ins Leben gerufen, hat sich dafür eingesetzt, dass die Kirche eine gute Orgel bekam. Auch wenn die beiden die Organisation mittlerweile in jüngere Hände übergeben haben, die Verbindung von Andacht und hochkarätiger Musik ist als Markenzeichen geblieben.

In dem Buch „Der verborgene Christus von Pretzien“ haben Anna-Maria und Rüdiger Meussling die Geschichte der Kirchenrettung ausführlich erzählt; Eigenverlag Plötzky 2016; 164 Seiten; Preis: 15 Euro; zu bestellen telefonisch unter 03 92 00 / 5 19 57

Von Dorothee Wanzek