14.09.2017

Anstoss 37/2017

Gier muss Grenzen kennen

Kurz vor der Wahl sind Mieten „das“ Thema in Neukölln. Im Gebäudeblock hinter meiner Kirche herrscht große Unsicherheit und Angst.


Immer mehr Wohnungen werden nach einer Mischung aus Sanierung und Modernisierung sehr teuer vermietet, also weit über der Vergleichsmiete und Vormiete. Anwohner setzen sich solidarisch zur Wehr. Sie haben mittlerweile einen Verein gegründet: „Unser Block bleibt!“ Wenn sie eine größere Versammlung haben, öffnen wir ihnen unseren Pfarrsaal.
In einer Veranstaltung mit Direktkandidaten für den Bundestag des Bezirks erzählt eine alleinerziehende Mutter ihre erschütternde Geschichte mehrfacher Mietverdrängung. Sie will den Menschen ein Gesicht geben, die bei uns „weg-gentrifiziert“ werden. Als sie nach einer Sanierung die Miete nicht mehr zahlen kann, verliert sie erstmals ihre Wohnung. Die Zuteilung einer neuen Wohnung über das Sozialamt bedeutet einen Bezirkswechsel. Dadurch verliert die Mutter ihr Lebensumfeld und den Kitaplatz der Tochter. Die Familie wird übergangsweise in einer Gemeinschaftsunterkunft für wohnungslose Menschen einquartiert. Mutter und Tochter müssen sich über Wochen die Unterkunft mit Männern teilen. In der folgenden Wohnung bleiben sie nur kurz. Wieder gibt es Modernisierungsbedarf. Aktuell sieht sie sich mit einer Asbestsanierung konfrontiert, bei der die Schutzvorschriften nicht eingehalten werden.
Der Mieterschutzbund kennt solche Fälle. Es gibt raffgierige Investoren. Die Mietpreisbremse in der jetzigen Form ist zahnlos. „Bei Luxus-Sanierungen wird nicht nur ein soziales Umfeld kaputt gemacht. Es werden Menschen kaputt gemacht!“
Mietwucher – aus Raffgier. Es ist eiskalte Habsucht, die immer mehr Eigentümer ungeniert zu Blutsaugern macht. Wohlstand auf Kosten anderer aber ist widergöttlich. Jesus mahnt eindringlich: „Gebt Acht! Hütet euch vor jeder Art von Habgier! Denn der Mensch gewinnt sein Leben nicht aus seinem Besitz, auch wenn der noch so groß ist.“ (Lukas 12, 15) Von hinten ruft plötzlich eine Anwohnerin laut in die Versammlung: „Im Grundgesetz steht: Eigentum verpflichtet!“ Ich drehe mich um und nicke dem Gemeindemitglied dankbar zu.

Lissy Eichert, Berlin