Der ökumenische Auftrag von Erfurt

Geschichte aufarbeiten

Von Ulrich Waschki

Es waren falsche Erwartungen, die manchen nach dem Ökumenegipfel des Papstes mit den Vertretern der evangelischen Kirche enttäuscht zurücklassen. Wenn der Papst sagt, Glaubensfragen seien nicht einfach verhandelbar wie politische Angelegenheiten zwischen Staaten, spricht er eine Selbstverständlichkeit aus.
Es war klar, dass es in Erfurt mehr auf die Geste als auf konkrete Ergebnisse ankommt. Dennoch gibt es auch diese: Der Papst hat Martin Luthers Gottsuche als aktuelle Frage anerkannt, macht Luther in dieser Hinsicht zum Vorbild für uns heute. Was will man mehr erwarten von einem Mann, dessen Amt Luther als „Antichrist“ bezeichnet hat?

Höhere Erwartungen zeugen auch von einem falschen Bild der katholischen Kirche. Was der Papst in Deutschland der EKD sagt, muss auch für andere Teile der Welt gelten. Die EKD ist nicht der Ansprechpartner des Papstes, wenn es um grundsätzliche ökumenische Fragen geht. Das ist der lutherische Weltbund. Und der Papst ist nicht die Kirche – hinter seinen Entscheidungen stehen kollegiale Beratungen, theologische Vorarbeiten. Dass er ökumenische Zugeständnisse gleichsam wie eine Überraschung im Reisegepäck hat, ist eine naive Vorstellung. Und nebenbei: Das Schielen auf den Papst wirkt ziemlich unprotes-tantisch.
Kritik kann man allenfalls an der Dramaturgie üben. Warum nimmt Benedikt XVI. die Würdigung Luthers hinter verschlossenen Türen vor? Warum nicht in der öffentlichen, live im Fernsehen übertragenen Predigt? Damit hätte er manchem Kritiker den Wind aus den Segeln nehmen können.
Dass vom Treffen in Erfurt Impulse für die weitere ökumenische Arbeit ausgehen, zeigte die anschließende Pressekonferenz. Sie geriet zeitweise zur Diskussion zwischen dem vatikanischen Ökumeneminister, Kardinal Kurt Koch, und dem EKD-Ratsvorsitzenden Nikolaus Schneider. Etwa in der Frage des Umgangs mit der Vergangenheit. Koch und Schneider waren sich einig, dass beide Seiten hier Dinge aufzuarbeiten haben.
Das könnte ein konkreter Arbeitsauftrag nach dem Erfurter Treffen sein:  Bis zum Gedenken an 500 Jahre Reformation im Jahr 2017 die Vergangenheit aufzuarbeiten – wie stehen wir zu den 1500 Jahren gemeinsamer Geschichte, wie zu den Verurteilungen und Beleidigungen aus der Zeit nach der Reformation, wie beurteilen wir Martin Luther? Dafür hat der Papst einen Anfang gemacht. Und das ist wahrlich kein Grund zur Enttäuschung.