26.10.2017

Anstoss 43/2017

Furchtlos niederknien

Das Niederknien bleibt eine zeitlos große Geste der Wertschätzung und Verehrung. Es gibt sie ja, diese ganz natürlichen Momente, die zum Niederknien schön sind!


Momente erfüllender Dankbarkeit, wenn ich der Urkraft von Schöpfung nahe bin. Oder die Freude über eine positive Wende im großen Kummer. Immer noch geht der moderne Mensch heute gern beim Heiratsantrag in die Knie. In unserer christlichen wie auch in anderen Religionen wird Knien als Gebets- und Meditationshaltung praktiziert. Vielleicht ist es dem Alter geschuldet, dass ich mittlerweile selbst gern in Stille und allein so vor Gott bete. Vielleicht sind auch nur die Anliegen drängender geworden...! Es stimmt schon, dass die Geste des Kniefalls über die Jahrhunderte eine Welle der Hilfsbereitschaft freigesetzt hat. Auch der Versöhnungsbereitschaft. Unvergessen ist der Kniefall von Warschau. Willy Brandt fällt in einem Moment persönlicher Betroffenheit am Ehrenmal für die Toten des Warschauer Ghettos spontan auf die Knie. Eine stumme Geste.  Sie wurde wegweisend für die deutsch-polnische Aussöhnung in der Nachkriegszeit.
Im rauen Klima wachsender Gewaltäußerungen fallen seit Wochen viele Profisportler in den USA auf die Knie. Unter dem Motto „Take a knee“ (Knie dich hin) geht es weniger um Wertschätzung, sondern um Protest gegen eine Politik der Gewalt und des Rassismus. Täglich machen immer mehr Menschen mit. Als ich vor kurzem bei einem Fußballspiel im Olympia-Stadion war, erklärte der Stadionsprecher beim Einlaufen der Mannschaften, dass Herta sich dem Protest der US Sportler solidarisch anschließe. Ich war schwer beeindruckt. Auch, als Herta dann 2:0 verlor. Es geht im Sport um Mehr als nur gewinnen. Es geht um Fair Play und gegenseitige Unterstützung.
Jesus hätte der Knieprotest bestimmt gefallen. Es ist eine Geste der Gewaltfreiheit. Ein Mut-Zeichen. Jesus selbst hat den Jüngern kniend die Füße gewaschen, nicht den Kopf! Sie sollten fühlen, wie gut Gottes Liebe tut.  Das ist wahre Größe: Ein Großer, der sich klein machen kann. Freiwillig. Ohne Kalkül. Sich der Lächerlichkeit aussetzen oder der Gefahr, getreten zu werden, als „Loser“ zu gelten.  In einem solchen Klima kann Zusammenhalt gedeihen. Verhalten sich ändern. Das kann uns doch furchtlos machen!

Lissy Eichert, Berlin