Vor zehn Jahren empfing das stationäre Hospiz Villa Auguste in Leipzig seine ersten Gäste. Für haupt- und ehrenamtliche Mitwirkende war dies nun ein Anlass zu feiern und ihr Haus einen Tag lang für alle Interessierten zu öffnen.
Von Dorothee Wanzek
Leipzig. „Wenn ein Kind zur Welt gekommen ist oder wenn jemand gestorben ist, dann wünsche ich mir immer, dass die Welt einen kleinen Augenblick lang anhält... Alle sollen wahrnehmen: Hier hat sich etwas Wesentliches verändert.“ Beim Tag der offenen Tür begann Andrea Helmers ihre Hausführung an der brennenden Kerze im Vorraum der Villa Auguste. Wenn jemand stirbt im Leipziger Hospiz am Völkerschlachtdenkmal, erzählte die Koordinatorin für ehrenamtliche Hospizdienste, dann wird dort ein Licht entzündet. Es brennt so lange, wie der Verstorbene noch im Haus ist. Die Würde eines zu Ende gehenden Menschenlebens wird hier noch einmal ins Licht gerückt. „Für mich hat das etwas Wohltuendes“, sagte Angela Helmers den Bestatterinnen, Krankenschwestern und anderen interessierten Frauen, die am 3. Februar mit ihr durchs Haus gehen, die Wohnräume, den Raum der Stille und eine Ausstellung zur Hausgeschichte in Augenschein nehmen.
Rund 220 sterbenskranke Patienten finden jährlich Aufnahme in der Villa Auguste. Hinzu kommen die Sterbenden, die ein medizinisch spezialisiertes Brückenteam und ehrenamtliche Mitarbeiter zu Hause betreuen. „Auch wenn wir hier so häufig mit dem Tod in Berührung kommen, Experten fürs Sterben werden wir dennoch nie sein“, ist Schwester Beatrix Lewe überzeugt. „Wir alle stehen immer wieder stotternd vor diesen Themen, haben auf Vieles keine Antwort und können nicht wissen, wie wir einst unser eigenes Sterben erleben werden“, sagt die Hospiz-Geschäftsführerin. Selbst ihr christlicher Glaube biete ihr keinesfalls eine Garantie, am Ende ihres Lebens leichter „loslassen“ zu können als nichtglaubende Menschen, weiß die Ordensfrau der „Schwestern vom guten Hirten“. Eine große Offenheit sollten alle haupt- und ehrenamtlichen Mitarbeiter mitbringen, die zum Hospizteam gehören – Offenheit für Sterbende jeden Alters, unterschiedlicher Berufe und Weltanschauungen, für ihre Freunde und Angehörigen. Denjenigen, die auf ihrer letzten Lebensetappe Gesprächspartner und Begleiter suchen, sollten sie mit der gleichen Wachheit und Sensibilität begegnen wie denen, die lieber bis zum Schluss schweigen möchten.
„Manchmal wissen wir nicht, ob wir einem Sterbenden noch etwas mitgeben konnten“, gesteht sich Beatrix Lewe ein. Dennoch ist sie überzeugt, dass das Tun des Hospizteams großen Wert hat: In Situationen, wo es wohl jeden Menschen spontan zum Fliehen drängt, bleiben die Mitarbeiter da und halten aus. Dieses vielfache Lebenszeugnis – nicht nur in Leipzig – habe dazu beigetragen, dass sich im Umgang mit Sterbenden in den letzten Jahren schon viel zum Guten verändert habe.
Hintergrund: Acht Träger für das Hospiz
Das gibt es so in ganz Deutschland kein zweites Mal: Träger der Villa Auguste ist von Anfang an eine gemeinnützige GmbH, in der acht unterschiedliche Organisationen zusammenwirken: Der Hospiz Verein Leipzig, der im kommenden Jahr sein 20-jähriges Bestehen feiert und das stationäre Hospiz initiiert hat, die Schwestern vom Guten Hirten, das St.-Elisabeth-Krankenhaus Leipzig, die Ökumenische Sozialstation Leipzig, das Diakonische Werk Innere Mission Leipzig, der Caritasverband Leipzig, die Arbeiterwohlfahrt Kreisverband Leipzig-Stadt und die Bodelschwinghschen Stiftungen Bethel. „Dass hier so unterschiedliche Institutionen zusammenarbeiten, ist eine große Bereicherung, und dass diese Zusammenarbeit schon so lange gut funktioniert, ist wirklich ungewöhnlich“, findet Schwester Beatrix Lewe, die Geschäftsführerin der Villa Auguste. dw