21.09.2017

Erfurter Bistumswallfahrt 2017

Freude an kleinen Krakeelern

Bei der Bistumswallfahrt auf dem Erfurter Domberg richtete Bischof Ulrich Neymeyr das Augenmerk auf die Familien. Sein Anstoß: Ein Jahr lang soll jeder  dritte Sonntag im Monat in den Pfarreien des Bistums ein Familiensonntag sein.


Den Ausblick auf die Altarinsel verdanken diese Kinder den kräftigen Schultern ihrer Eltern. | Fotos: D. Wanzek

„Junge Familien sollten erfahren, dass sie auch und gerade mit ihren lebhaften Kindern im Gottesdienst willkommen sind“, sagte Bischof Ulrich Neymeyr vergangenen Sonntag in seiner Wallfahrtspredigt. In italienischen Kirchen oder bei Wallfahrtsgottesdiensten im Freien könne man erleben, dass Erwachsene durch Kinder offensichtlich nicht in ihrer Andacht gestört werden, auch wenn die zuweilen etwas lauter werden.
Unter den rund 3000 Pilgern, die sich rund um den Dom versammelt hatten, waren zahlreiche Familien mit Babys, Vor- und Schulkindern. „Eigentlich fühlen wir uns mit unseren Kindern in unseren Gemeinden durchaus willkommen“, teilten die meisten auf Tag-des-Herrn-Nachfrage mit. Eine Eichsfelderin ist begeistet von der „Kinderkirche“, die vier Mütter und ein Vater seit einigen Jahren alle sechs Wochen parallel zur heiligen Messe in Brehme anbieten. Die liebevoll vorbereiteten Gottesdienste lockten zunehmend auch Familien aus benachbarten Dörfern nach Brehme.

Nur die katholische Musterfamilie im Blick?
Auch über den Sonntagsgottesdienst hinaus fühlen sich Familien in der Kirche wahrgenommen und unterstützt. Sie freuen sich über Kontakt mit anderen Familien in Familienkreisen oder – wie in Apolda – über konkrete Unterstützung durch einen ehrenamtlichen Fahrdienst für ihre Kinder zum Religionsunterricht. „Ich habe Glück, zu einer ganz besonders familienfreundlichen Pfarrei zu gehören“, findet eine Jenaerin, die besonders die Mutter-Kind-Kreise schätzt.
Kritische Töne sind vor allem im Blick auf den gegenwärtigen strukturellen Umbruch im Bistum zu hören. „Es gibt derzeit noch viele Unsicherheiten, und dabei bleibt manches Bewährte auf der Strecke“, bedauert ein Erfurter Elternpaar. Die beiden freuen sich zwar darüber, dass ihrem jüngst eingeschulten Kind in der Schule katholischer Religionsunterricht geboten wird.  Es fehlen jedoch Gelegenheiten, Gemeinschaft mit Gleichaltrigen in der Gemeinde zu erleben. Da werden Erinnerungen an die eigene Kindheit und Jugend wach: „Die Kirche ist uns zur Heimat geworden, weil wir in der Gemeinde Freunde fanden, mit denen gemeinsam wir viel Schönes erlebt haben“, erzählen die Eheleute. Für den 22. September haben sie eine Einladung zum Kinder-Bibelnachmittag in die Wigberti-Kirche erhalten. „Vielleicht entwickelt sich daraus ja mehr“, hoffen sie.
„Familien, die unserem Idealbild entsprechen, verheiratete Paare und ihre gemeinsamen Kinder, fühlen sich bei uns in der Regel wohl“, glaubt Birgit Kläden, Gemeindereferentin in Elternzeit. Alleinerziehende, in zweiter Ehe oder gar nicht Verheiratete, Familien mit behinderten Kindern oder mit geringem Einkommen fänden oft nur schwer einen Zugang, bedauert sie.
„Vielleicht haben wir noch zu wenig im Blick, dass es als Kirche nicht in erster Linie unsere Aufgabe ist, für volle Gottesdienste oder eine gute Erstkommunionvorbereitung zu sorgen, sondern für die Bedürftigen da zu sein“, merkt Birgit Kläden an. Unter anderem ist ihr aufgefallen, dass derzeit keiner der katholischen Kindergärten in der Stadt rollstuhlgerecht ist.

Dankbarkeit bringt Familie voran
Sie findet es gut, sich als Kirche vermehrt über Familien Gedanken zu machen. Dabei sollten aber auch die Menschen nicht vergessen werden, die keine Kinder haben. „Gerade in Erfurt gibt es sehr viele Alleinstehende, auch die brauchen Aufmerksamkeit, pflichtet ihr der Erfurter Stadtpfarrer Marcellus Klaus bei.
Auch Bischof Neymeyr meint Familie in einem weiteren Sinn, machte er zum Ende seiner Predigt deutlich. Als Brüder und Schwestern mit Christus verbunden zu sein, ist für ihn kein Schlagwort, sondern eine Wirklichkeit, die es mit Leben zu füllen gelte, auch gemeinsam mit Christen anderer Konfessionen.
Um den Geist der Familie in Kirche und Gesellschaft zu entfalten, empfahl der Bischof eine Kultur der Dankbarkeit zu fördern und verwies auf das Wallfahrts-Motto „Ich bin, weil du bist“. Es gelte, sich – nicht nur an den Familiensonntagen – immer wieder bewusst zu machen: „Alles, was wir sind und haben, verdanken wir letztlich anderen Menschen und Gott.“

Konkret: Der dritte Sonntag = Zeit für uns
Zueinander finden, Zeit für Gott und füreinander finden – darum soll es an den Bistums-Familiensonntagen gehen. Und was soll da konkret passieren? Das Seelsorgeamt des Bistums hat ein Heft voller Ideen herausgegeben.

In der Wallfahrtsandacht durften Kinder in der ersten Reihe sitzen.

Ihren Ausgang nahmen die Familiensonntage beim Erfurter Pastoraltag im vergangenen Herbst unter dem Motto „Liebe leben“, inspiriert vom päpstlichen Schreiben „Amoris Laetitia“. Gedanken aus diesem Schreiben durchziehen auch die Gottesdienstvorschläge und Ideen der pünktlich zur Wallfahrt fertig gestellten Handreichung „Zeit für uns.“
Unter Überschriften wie „Liebe braucht geschenkte Zeit“, „Liebe hat den anderen im Blick“ oder „Ehe: Wir sind berufen!“ sind Vorschläge für Anspiele, Lieder, Gebetstexte und andere Gottesdienstelemente zusammengestellt, ergänzt um zahlreiche Aktionen, die Gemeinden vor oder nach den Gottesdiensten durchführen könnten: ein Pilgergang zu einer nahe gelegenen Kapelle mit Picknick, eine Familien-Olympiade, Entdeckungen in Winkeln des Kirchengrundstücks, die sonst nicht für jedermann zugänglich sind, die Orgel zum Beispiel, der Glockenturm, der Dachboden oder die Sakristei, der Austausch über das Gottesdienstthema ...
Die Fantasie der Akteure anzuregen und möglichst viele Gemeindemitglieder aus allen Altersgruppen an Gottesdiensten und Aktionen einzubeziehen, ist ein wesentliches Anliegen der Handreichungs-Autoren. Vielleicht lassen sich auch Menschen oder Gruppen gerne einbeziehen, die bisher keinen Kontakt zur Kirche hatten, schlägt Bischof Neymeyr vor: die Feuerwehr zum Beispiel, eine Firma, ein Hobby-Imker, Angelbegeisterte oder Kleinkünstler.
In Stress ausarten sollten die Familiensonntage für haupt- und ehrenamtlich Engagierte auf keinen Fall, stellt der Bischof während der Wallfahrt klar. Es sei durchaus ausreichend, die Angebote an jeweils einem Kirchort der Pfarrei zu machen. Die Pfarreien sollten auch nicht nur aufwendige Veranstaltungen in Betracht ziehen, die viel Kraft und Vorbereitungszeit erforderten. Manches lasse sich ganz unkompliziert organisieren, eine Fahrradtour etwa oder eine gemeinsame Mahlzeit, zu der jede Familie etwas beisteuert.
Die Handreichung soll bis zum August 2018 fortlaufend durch weiteres Material ergänzt werden, das jeweils auf der Internetseite des Bistums zu finden ist. Dort sollen auch die monatlichen Angebote aller Pfarreien veröffentlicht werden. Wer keinen Internetzugang hat, kann sich das Material per Post zuschicken lassen, vom Heiligenstädter Büro des Seelsorgeamts, Telefon 0 36 06/66 74 09.

Von Dorothee Wanzek