Anstoss 4/2012

Freiheit für Verantwortung

Als Kapitän der Costa Concordia hat der Italiener Francecsco Schettino versagt – und zwar vollkommen.

Es gilt als ehernes Gesetz: Der Kapitän geht als letzter von Bord (s)eines sinkenden Schiffes. Dabei handelte es sich bei diesem heutigen Ehrenkodex ursprünglich weniger um eine moralische Vorschrift, als um eine wirtschaftliche Klugheitsregel. Der Kapitän war in den meisten Fällen Mitbesitzer seiner Ladung. War das Schiff verlassen, so galt dieses nach dem Bergerecht als Eigentum dessen, der es fand. Wie auch immer: In der Person des Kapitäns verdichtet sich heute die einfache Wahrheit, dass es jemanden geben muss, der die Verantwortung übernimmt und der deswegen am Ende allein auf seinem Schiff und letzter Mann ist.
Nun sind die meisten von uns keine Kapitäne, weswegen wir keine 5000 Menschen mit einem Gefährt im Wert einer halben Milliarde Euro übers Meer fahren. Wir sind nicht Francesco Schettino. Wir kommen höchstwahrscheinlich nicht in eine Situation, in der wir mit unserem eigenen Leben für unsere Verantwortung einstehen müssen. So weit muss es auch gar nicht kommen, denn meistens haben wir mit unseren eigenen Schiffbrüchen und Untergängen alle Hände voll zu tun.
Natürlich haben wir kein Rettungsboot vor der Tür, in das wir springen können, um uns vor Verantwortung zu drücken und Land unter die Füße zu bekommen. Wir haben andere Transportmittel, um der manchmal harten Wirklichkeit und unserer Verantwortung dafür auszuweichen: Schnaps, Drogen, religiöser Fundamentalismus, naiver Moralismus, etwas dümmlicher Idealismus usw. Der Fluchtinstinkt steckt auch in uns. Dabei hat Jesus gesagt: „Wenn ihr in meinem Wort bleibt, seid ihr wirklich meine Jünger. Dann werdet ihr die Wahrheit erkennen und die Wahrheit wird euch befreien.“ (Joh 8,31-32).
Wahrheit, Übernehmen von Verantwortung, das Tragen der Konsequenzen meines Handelns macht frei vom Gefangensein in den engen Mauern des Egoismus. Es macht frei vom Verfallensein an unsere Selbsttäuschungen. Freiheit nicht von, sondern für Verantwortung.
Christsein bedeutet dann: Verdrücke dich nicht vor der Wirklichkeit, sondern geh geradewegs in sie hinein! Wenn es uns gelingt nur einen Augenblick aus der Tretmühle unseres Ichs in die Weite des Wir hinein auszubrechen, dann erleben wir vermutlich die besten Augenblicke unseres Lebens.
Und, wenn wir das nächste Mal über ihn sprechen: Natürlich sind wir nicht Francesco Schettino. Aber er ist einer von uns.
Pater Bernhard Kohl, Dominikanerkloster St. Albert in Leipzig