16.03.2016

Serie zur Fastenzeit: Die Spiritualität von Eremit Jürgen Knobel

Eremiten-Pastoral für die Seele

Lindow. „Die Leute brauchen im geistlichen Leben eine Schnellanleitung, genauso wie eine Gebrauchsanweisung für ihr neues Handy“, so Pater Jürgen Knobel über sein Buch „Vom Hören seiner Worte“. Ein Besuch bei Pater Knobel in Lindow im Rahmen unserer Fastenzeit-Serie zur Spiritualität.

An diesem Ambo betet der Eremit Pater Jürgen Knobel. Das Tuch mit dem Kreuz liegt aber eigentlich auf dem Altar. Das Christusmonogram „IC XC NIKA“steht für „Jesus siegt“. Foto: Alexandra Wolff

Medien- und kontaktscheu, wie man das bei einem Einsiedler vermuten würde, ist Pater Knobel nicht: Das Internet nutzt er zwei Mal in der Woche für anderthalb Stunden, um beispielsweise mit anderen Eremiten in Kontakt zu bleiben, und sein Handy hat in seiner Klause, die er St. Bernhard genannt hat, sehr guten Empfang. „Auch der Eremit Antonius stand mit anderen Menschen via Boten in Kontakt“, sagt Pater Knobel. „Und in manchen Eremitagen sollen sich die Schüler über den Krach beschwert haben.“
Hin und wieder empfängt Pater Jürgen Knobel auch Besuch in der umgebauten Sakristei der einstigen Kirche der nordbrandenburgischen Stadt. Mit andern Menschen über Gott zu reden, empfindet er als typische Eremiten-Pastoral. „Man schließt sich ja nicht von anderen ab, wenn man Einsiedler ist“, erläutert Pater Knobel. „Das wäre eine Sackgasse. All diese Vorurteile gegen Eremiten wären der völlige Irrsinn. Die Kirche prüft vorab die geistige Intention. Eremit zu sein ist eine Berufung und für mich ist es mein Weg, zu erkennen, was Gott von einem will. Andere finden in der christlichen Ehe zu Erleuchtung. Das ist ein anderer Weg – einer, neben ganz vielen, dem Ruf des Gewissens zu folgen.“

„Das Medium prägt dein Bewusstsein“
Fernsehen, DVDs und Radio hat er aber in der Tat nicht und seine Klausur im Obergeschoss seiner Eremitage darf niemand betreten. Wenn er zum Baumarkt fährt, um an seiner Eremitage oder seinem Garten zu bauen, nimmt er sich eine Zeitung mit – also einmal in der Woche. „Es kommt vor, dass ich drei oder vier Wochen keine Zeitung lese“, ist dem Eremiten aufgefallen. „Nichts soll mich ablenken.“ Ablenken vom Lesen, Gebet, der Meditation und der theologischen Arbeit. Er hat schon mehrere theologische Bücher geschrieben. Ein Leben ohne Fernseher, DVDs und Computerspiele empfiehlt er auch „Nicht-Eremiten“: „Das Medium prägt dein Bewusstsein und erzieht auf sich hin“, schreibt er in „Vom Hören der Worte“. „Im Raum der künstlichen Worte gibt es keinen Dialog.“
Mehrere Elemente verbinden die Eremiten miteinander, aber seine Eremitenregeln schreibe jeder selbst, erläutert Pater Knobel. „Es ist also im Grunde sehr individuell, wann und wie oft man betet und auch mit der spiritualistischen Ausrichtung ist es so.“ Pater Knobel liest viele liturgische Texte der Wüstenväter und orientiert sich an deren Spirituatilität. „Man sollte damit anfangen, sein eigenes Lebensumfeld bewusster zu gestalten, weil man nicht auf alles verzichten kann“, sagt Pater Jürgen Knobel. „Diese Lebensform braucht einen geschützen Ort. Das kann auch mitten in der Stadt sein.“
Mitten in der Stadt ist St. Bernhard zwar nicht, dort fühle sich Pater Knobel „von zu viel Energie umgeben.“ Aber die Kirche und die Blockhütten, in denen Gäste übernachten können, liegen nicht weit vom Lindower Stadtrand entfernt, direkt am Wutzsee. Neuerdings ist direkt nebenan ein Kindergarten. „Aber die hier“, sagt er und zeigt auf zwei riesige Bäume, die an diesem vernieselten Februartag noch ganz kahl sind, „wenn die wieder Blätter tragen, sehen Sie gar nichts mehr von dem Neubau.“ Pater Knobel versucht überdies, sich von dem Kindergarten etwas abzugrenzen, in dem er um seinen Garten Pflanzen ranken lässt.

Ein Eremit hat mehrere Berufe
Gastgeber und Gärtner, Küster und Koch (denn für seine Gäste bereitet er sogar selbst ein Mahl vor) – ein Eremit habe viele Berufe. Und das, obwohl er sich seinen Tagesablauf streng eingeteilt hat: Um sechs Uhr steht er auf, meditiert eine Dreiviertelstunde, feiert in der Klause die heilige Messe, hält die Stundengebete ein und bevor er sich um 21 Uhr zur Nachtruhe begibt, meditiert er wieder 45 Minuten lang.

Hintergrund
Ein Eremit ist ein Mensch, der mehr oder weniger abgeschieden von den Menschen in einer Einsiedelei oder Eremitage lebt. Das Wort kommt von dem griechischen Wort für „Wüste“ und „unbewohnt“.
Das eremitische Leben gehört zu den ältesten Formen der Nachfolge Jesu Christi im Rahmen der evangelischen Räte. Seit 1983 ist es laut kanonischem Recht möglich, dass Eremiten nicht zwingend an einen Orden gebunden sind, so wie es in den ersten Jahrhunderten der Kirche üblich war. Damit untersteht der Diözesaneremit nicht dem Abt, sondern direkt dem Bischof. Die strengere Trennung von der Welt bedeutet für den Eremiten eine innere Wachsamkeit des Herzens und er will sich von allem lösen, was von Gott trennt.

Übung zur eremitischen Spiritualität
Ein Stück eremitischer Spiritualität kann jeder in seinen Alltag integrieren. Pater Jürgen Knobel empfiehlt, mindestens eine Gebetszeit von 20 Minuten täglich, vielleicht in einem kleinen Oratorium in der eigenen Wohnung. „In Indien haben alle eine kleine Kapelle im Haus und in Bayern ihren Herrgottswinkel“, betont Pater Knobel. „Durch diesen festen Ort kann man Kraft finden.“ Der Ort solle eine zentrale Ausrichtung haben. Auf einem kleinen Tischchen oder Schränkchen sollte man ein Kreuz oder eine Ikone stellen, vielleicht noch eine Kerze, ein Heiligenbild, Räucherstäbchen oder Weihrauch und ein paar Blumen und eine Bibel griffbereit haben. Davor steht ein Stuhl oder ein Meditationshocker und wer lieber auf dem Boden sitzt, kann sich auch einen kleinen Teppich davor legen. Es gibt sogar Kniebänke für zu Hause. „Bevor Sie dann beten, stellen Sie die Türklingel und das Handy aus“, rät der Eremit. „Andere wollen nicht gestört werden, wenn Sie Fernsehen – und Sie sehen dann eben das Programm ihrer Seele.“ Pater Knobel ist sich durchaus bewusst, dass andere Mitbewohner so eine Gebetsnische vielleicht als missionarisch empfinden: „Führen Sie andere verständnisvoll an Ihren Wunsch heran, ein kleines Oratorium einzurichten. Es ist ein Prozess, aber es lohnt sich, die Scheu zu überwinden, etwas Spirituelles in den eigenen vier Wänden zu haben.“

Von Alexandra Wolff