Zwei Schwestern der Caritas Socialis leben in Görlitz, wo die Gründerin der Gemeinschaft geboren ist

Einspringen, wo die Not am größten

1883 wurde Hildegard Burjan in Görlitz geboren. 1919 gründete sie in Wien die Schwesterngemeinschaft Caritas Socialis. Zwei Schwestern der Gemeinschaft leben heute wieder in ihrer Geburtsstadt.

Von Raphael Schmidt
Görlitz. Der Medienrummel, der mit der Seligsprechung von Hildegard Burjan verbunden ist, geht nicht an den beiden Schwestern der Schwesterngemeinschaft „Caritas Socialis“, die in Görlitz wohnen, vorüber. Aber wenn es dem Bekanntwerden des Lebenswerkes der Gründerin ihrer Gemeinschaft dient, soll es den bescheidenen Frauen nur recht sein. Deshalb zeigt Schwester Martina Theiner gern die „Gassen und Straßen, auf denen schon Hildegard Burjan gelaufen ist“. Der Gedanke daran fasziniert sie, seit sie in Görlitz wohnt. 2004 ist sie zusammen mit Schwester Ulrike Gorfer aus Wien an die Neiße gekommen. Vor ihnen, von 1999 an, wohnten bereits zwei Schwestern in der ehemaligen Wohnung der Familie Freund (so der Geburtsname von Hildegard Burjan) in der Elisa-bethstraße 36.
Vom Balkon hat man einen guten Blick auf die Synagoge und die Heilig-Kreuz-Kirche – das jüdische und das christliche Gotteshaus. Beide Religionen spielen in Hildegard Burjans Leben eine Rolle: Ihr Elternhaus war jüdisch, sie selbst ist später – nach einer schweren Krankheit – zum katholischen Glauben konvertiert.
Die beiden Schwestern, die heute in Görlitz leben, sind von Haus aus katholisch. Schwester Ulrike hat ursprünglich auf einem Bauernhof gearbeitet. „Damals habe ich mir gedacht, das kann nicht alles sein im Leben.“ Aber in ein richtiges Kloster wollte sie nicht. „Da komme ich ja nicht mehr raus.“ Ein Kaplan wurde auf die fragende junge Frau aufmerksam und stellte einen Kontakt zur Bozener Niederlassung der Gemeinschaft der Caritas Socalis her. Die damals 26-Jährige erhielt dann einen Brief aus Wien. „Sie sind bei uns herzlich willkommen“, stand darin. „Damals wusste ich nicht einmal, wo Wien liegt.“ Ulrike Gorfer setzte sich trotzdem in den Zug und: Vom Bahnhof in Wien abgeholt hat sie ihre heutige Mit-Schwester Martina. Sie wollte ursprünglich Schneiderin werden. „In Bozen  habe ich eine Haushaltungsschule absolviert. Dort lernte ich Schwerstern der Caritas Socalis  kennen“. Es folgten „Wallfahrten, um die richtige Entscheidung zu treffen“. Im Mutterhaus in Wien fand sie ein Faltblatt in ihrem Zimmer: „Guten Morgen, Schwester Martina“ stand darauf und auf der Rückseite der Spruch: „Die Liebe Christi drängt mich“. Sie fühlte sich angenommen – und blieb. Es folgten verschiedene Phasen des Miteinanders: Kennenlernen, Mitleben, zwei Jahre Noviziat. Nach etwa sechs Jahren folgt die Lebensweihe.
Hildegard Burjan, die sich mit 21 Jahren taufen ließ, war verheiratet, Mutter und Politikerin. Die Schwestern ihrer Gemeinschaft leben nach den evangelischen Räten, was die Ehelosigkeit einschließt. Das erklärt Schwester Martina so:„Als Hildegard Burjan nach ihrer schweren Krankheit katholisch wurde, war sie schon zwei Jahre verheiratet. Wäre sie vorher schon katholisch gewesen, wäre sie vielleicht in einen Orden eingetreten. Auf alle Fälle wollte sie nun ihr zweites Leben nach ihrer Genesung ganz Gott schenken.“ Ihre Schwestern möchten heute „dort einspringen, wo die Not am größten ist und dort, wo der Bedarf gedeckt ist, abgeben und Neues suchen“, sagt Schwester Martina.


Hintergrund:
„Caritas Socialis“ hat derzeit etwa 90 Mitglieder, davon 30 im Mutterhaus in Wien, 15 in Brasilien, weitere in Südtirol und in Deutschland. Der Gemeinschaft steht eine Generalleiterin vor, die für sechs Jahre vom Generalkapitel gewählt wird. Zur Generalleitung gehören außerdem die Generalassistentin und drei Schwestern des Generalrates.