14.12.2017

Weihnachten in Deutschland

Einen Tag vorverlegt

Dank der evangelischen Kirche wird in Deutschland Weihnachten bereits am 24. Dezember gefeiert. Auch die häusliche Übernahme kirchlicher Riten, etwa das Lesen der Weihnachtsgeschichte, ist evangelische Tradition.


Inbegriff der deutschen Weihnacht ist der Heilige Abend einschließlich Glöckchenläuten, Bescherung unterm Tannenbaum und Würstchen mit Kartoffelsalat. Zwischen 16 und 22 Uhr findet unter deutschen Dächern am 24. Dezember das Fest statt, das in vielen anderen Ländern erst am 25. gefeiert wird.
Die Heiligabendfeier zeigt in vielen Familien eine erstaunliche Übereinstimmung in den Elementen und Ritualen, die zum Teil auch religiöser Natur sind, beispielsweise das Lesen des Weihnachtsevangeliums, das Singen von Liedern und Sprechen von Gebeten, das Aufstellen einer Krippe und die Gestaltung einer kleinen Feier vor dieser – und zwar über die Konfessionen hinweg. Das ist bemerkenswert, da solche religiösen Ausdrucksformen in der Familie über das Jahr sonst kaum ein Pendant haben, wie das vielleicht noch vor Jahrzehnten der Fall war. Woher rührt diese Art häuslicher Andacht und warum ist sie gerade mit dem Heiligabend verbunden?

Verschiebung vom 25. auf den 24.
Die Feier der Geburt Jesu ist uns für das 4. Jahrhundert in Rom bezeugt. Sie fand in einem Gottesdienst am Vormittag des 25. Dezembers statt. Im Laufe des 6. Jahrhunderts kamen zwei weitere Feiern dazu, darunter eine in der Nacht, die in der Basilika Santa Maria Maggiore gefeiert wurde, die eine Geburtsgrotte ent-hielt. Dieser Mitternachtsgottesdienst erfreute sich auch später beim Volk großer Beliebtheit. Allerdings verursachte er manche Probleme wegen der Dunkelheit, der langen nächtlichen Wege, der leeren Häuser und der Feuergefahr – vor allem aber wegen der Gottesdienstbesucher selbst, die oft sehr ausgelassen waren oder angeheitert zur Kirche kamen.
Daher begann man in der evangelischen Kirche, diesen nächtlichen Gottesdienst zu verlegen – entweder nach vorn auf den frühen Morgen des 25. Dezembers oder nach hinten auf den Nachmittag/Abend des 24. Dezembers. Den frühmorgendlichen nannte man Mette; er wird auch heute noch mancherorts gefeiert, etwa in Dresden. Der nachmittägliche oder abendliche Gottesdienst wurde „Christvesper“ genannt. Zu ihr gehörte auch das Evangelium von der Geburt des Herrn aus dem Lukasevangelium (2,1–20), das „Weihnachtsevangelium“. So verschob sich der ursprünglich nächtliche Gottesdienst auf den 24. Dezember – was katholischerseits bis in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts nicht möglich war.

Aus der Kirche in die Häuser
In die Familien und Häuser kam die weihnachtliche Feier über die häuslichen Andachten, wie sie auf evangelischer Seite üblich waren. Haus- und Andachtsbücher entstanden hier früh; seit der Reformation war die Vorstellung des „Hauses“ und eines allgemeinen Priestertums wieder besonders ausgeprägt und führte auch zu entsprechenden Formen. Insbesondere der Hausvater hatte die Pflicht, die Hausangehörigen – auch das Gesinde – morgens, mittags und abends zu versammeln und mit ihnen zu beten, sie auch regelmäßig im Katechismus zu unterweisen.
Eine reiche Literatur an Erbauungsschriften, Gesangbüchern und Haus-Postillen förderten mit der Zeit die oft täglichen häuslichen Andachten bis in das 20. Jahrhundert hinein. Diese besaßen einen feststehenden liturgischen Ablauf, waren mit ihren Gebeten, Schriftlesungen und Gesängen ein kleiner, wenn auch einfacher Gottesdienst. Sie konnten den kirchlichen Gottesdienst vorbereiten, ergänzen, aber notfalls auch ersetzen – so auch am Heiligen Abend. Die Andachtsbücher boten häufig einen Vorschlag zur Gestaltung des Heiligabends mit Liedern, Schriftlesung(en) und Auslegung, Gebeten. Die Leitung oblag dem Vater, der nicht nur das Weihnachtsevangelium las, sondern sogar eine kleine Auslegung dazu halten konnte.

Allmähliche katholische Angleichung
Katholischerseits war der Heilige Abend bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts hinein als Vigiltag des Weihnachtsfestes ein Buß- und Fastentag. Der erste Weihnachtsgottesdienst war die Christmette, die nicht vor 24 Uhr beginnen konnte. Der Heilige Abend stand daher ganz im Zeichen der Vorbereitung auf das Christfest, als Andachtsformen waren der Rosenkranz und auch der „Engel des Herrn“ (Angelus) üblich. Erst als auch in der katholischen Kirche der nächtliche Gottesdienst schon am Abend gefeiert werden konnte, kam es zu Änderungen. Im „Gotteslob“ von 1975 hieß es: „Die Familie feiert Weihnachten am Heiligen Abend, vor oder nach dem Weihnachtsgottesdienst (Christmette). Sie versammelt sich vor der Krippe, die das Geschehen der Heiligen Nacht darstellt, und um den Christbaum, der uns an den Baum des Lebens und an Christus als Licht der Welt erinnert. Der Vater liest das Evangelium von der Geburt des Herrn; Weihnachtslieder und Gebete, vor allem der ‚Engel des Herrn‘, lassen uns spüren, was der Grund des Feierns und der Geschenke ist: Gott hat uns seinen eigenen Sohn geschenkt.“

Veränderung der Rituale
Zu den alten Ritualen zählen auch das Gedenken und Bedenken der Armen, der Brauch des Christbaums und der Krippe. Eine zunehmende Inszenierung (der Eltern für die Kinder) führte zum besonderen „Weihnachtszimmer“ und dessen Freigabe mit dem Läuten eines Glöckchens. Das Zitieren von biblischen Verheißungsversen mutierte mit der Zeit zu Gedichten und anderen Sprüchen, die es aufzusagen gilt, um Zutritt zum Weihnachtszimmer oder zu den Geschenken zu erhalten. So veränderten sich die alten Andachts-Elemente, wie überhaupt der ursprünglich religiöse Kern zunehmend zum „Accessoire“ wird und die früher untergeordneten Elemente immer häufiger das Zentrum der Feier bilden. Vor allem die Geschenke und kreatives Auspacken sind wichtig geworden, inzwischen auch das Essen und dessen Zubereitung.

Guido Fuchs, Heiligabend. Ein Fest und seine Rituale (topos premium), Topos plus Verlagsgemeinschaft, Kevelaer/Verlag Friedrich Pustet Regensburg, ISBN 978-3-8367-0033-7, 16 Euro

Von Guido Fuchs