19.10.2017

Theaterstück über Hildegard von Bingen

Eine dinkelfreie Hildegard

Die Berliner Schauspielerin und Regisseurin Heike Feist stellt die berühmte Mystikerin Hildegard von Bingen ungewöhnlich dar. „Die schon wieder! Hildegard von Bingen – dinkelfrei“, heißt ihr selbst produziertes Theaterstück, das am 27. Oktober im Kloster Lehnin zu sehen ist.


Szenenbild aus dem Stück über Hildegard von Bingen von Heike Feist. | Foto: Marcus Staab Photographie

Welche Beziehung haben Sie zu Hildegard von Bingen?

Vor dem Stück: Keine. Ich wollte eine Frau auf die Bühne bringen, weil ich bisher das Leben von zwei Männern – Tucholsky und Ringelnatz – inszeniert hatte. Ich habe meine Freunde per Mail gefragt, wen sie bevorzugen würden: Mata Hari, Clara Schumann oder Hildegard von Bingen. Hildegard kam an letzter Stelle. So habe ich sie ausgewählt.

Trotz des Ergebnisses Ihrer Umfrage?

Genau das hat mich als Herausforderung gereizt. Und es war die richtige Entscheidung: Das Publikum ist sehr angetan. Viele Veranstalter buchen das Stück. Seit der Premiere im Februar 2017 hatten wir schon zwölf Vorstellungen in ganz Deutschland, im Kloster Lehnin ist es die dreizehnte. Danach geht es weiter nach Stuttgart, Nürnberg und sogar Bingen.

Warum ist Ihre Hildegard von Bingen „dinkelfrei“?

Weil sie per Brot, Tee und Salben schon genug vermarktet wird. Ich erzähle von einer Frau, die dem treu blieb, woran sie glaubte. Sie hat die Dinge überprüft, anstatt einfach zu übernehmen, was alle machten.

Zum Beispiel?

Sie sollte die nächste Magistra ihres ersten Klosters werden. Zunächst lehnte sie ab, sie hielt sich nicht für gelehrt genug. Dann stimmte sie doch zu, aber nur unter der Bedingung, dass sie – entgegen des Gesetzes im Kloster – von den Mitschwestern einstimmig gewählt würde – was auch geschah. Als sie später ihr eigenes Frauenkloster gründete, kämpfte sie lange darum, die Güter ihrer Nonnen mitnehmen zu können. Üblich war, dass die Güter im Eintrittskloster verbleiben. Auch was sie über den Leib schrieb, war für das Mittelalter sehr fortschrittlich: „Ein geschundener Körper kann niemals ein gutes Heim für eine gesunde Seele sein.“ Das ist so unglaublich aktuell.

Was ist Ihr eigener Bezug zur christlichen Religion?

Ich glaube nicht an Gott. Was mich interessiert, ist Hildegards Art, dem eigenen Bauchgefühl zu folgen, nicht in der Masse mitzutrotten. Sie handelt nach ihren eigenen Überzeugungen und verändert dadurch Bestehendes.

Das Kreuz haben Sie immerhin auf ihrem Kleid gelassen …

Natürlich. Sie ist ja eine überzeugte Nonne. Jedoch ist es ein tieforangenes Kreuz, das außerdem noch schief ist. Es ist verrückt, aus der Bahn, anders als „normal“. Hildegard ist eigensinnig, hinterfragend, unbequem. Daher der Titel „Die schon wieder!“. Wenn es beim Bischof nicht klappt, dann klopft sie eben beim Papst an. Das ist das Unangenehme an mutigen Menschen: Sie nerven zuweilen.

Kommt die Kirche bei Ihrem Stück schlecht weg?

Ich werte nicht. Ich will anregen und eine Hildegard jenseits von Dinkel und Kräutern zeigen. Sie selbst kritisiert Missstände sehr heftig. „Die Zukunft der Kirche ist ungewiss“, sagt sie in einer Predigt. „Gehst du nicht zu weit?“, fragt ihr Wegbegleiter Volmar, der von meinem Bühnenpartner Michael Ihnow gespielt wird. Ihre Antwort lautet: „Ich spreche nur aus, was andere schweigend denken.“

Interview: Geneviève Hesse

Karten für die Aufführung am 27. Oktober, 20 Uhr, im Kloster Lehnin sind im „Weinladen am Kloster“ (Friedensstraße 16, 14797 Lehnin; 0 33 82 / 70 69 42) erhältlich.