31.08.2017

Erinnerung an Ruth Pfau

Ein Lebenseinsatz für die Menschenwürde

Am 10. August 2017, 40 Tage vor ihrem 88. Geburtstag, wurde Ruth Katherina Martha Pfau  heimgerufen. Ihr humanes Lebenswerk ist vergleichbar mit dem von Albert Schweitzer und Mutter Teresa.


 

Die 1929 in Leipzig geborene Ruth Pfau beschäftigte sich bereits als Kind mit der Frage nach dem Sinn des Lebens. Um Not und Leid der Menschen zu lindern, entschloss sie sich zum Medizinstudium. Noch während ihrer Assistenzzeit trat sie dem französischen Orden  der „Töchter vom Herzen Mariä“ bei. Hier reifte ihr Entschluss, den Ärmsten der Armen in Indien zu dienen.
Ihre Reise nach Indien begann 1960 mit einem Zwischenstopp in Karachi/Pakistan. Auf den Straßen des Lepra-Slums erlebte sie das menschenunwürdige Elend der ausgegrenzten Leprakranken. Hier war der Platz ihrer Bestimmung, den sie 57 Jahre lang selbstlos im Dienst der Nächstenliebe erfolgreich besetzte.
Gerade Karachi? 14 Millionen Einwohner, die mehr sterben als leben. Täglich Mord und Totschlag. Nachts Kalaschnikow-Salven, von Ruth Pfau als  „Kleine Nachtmusik“ bezeichnet. Krankheiten, Müll, Gestank. Täglich Apokalypse total. Ihre Gottesbeziehung definierte sie mit „Liebesverhältnis“ oder „Dialog- Partnerschaft“.
Für Ruth Pfau ist ein wahrhaftig gelebtes Christentum eine verrückte Idee, nichts für ängstliche Gemüter. Ihr Tun und Lassen richtete sie nach einem Wort des Heiligen Augustinus aus: „Liebe und tu was du willst“.
Im zu 95 Prozent muslimischen Pakistan behauptete sie sich als Frau und Christin in einer Welt der Männer. Stammesfehden, raue Sitten und Gewaltanwendungen mündeten oft im kurzen Prozess der Lynchjustiz: Ein Leben ist nicht viel wert. Und doch sagte sie: „Es hat sich gelohnt, es war ein Geschenk!“
Ihre furchtlosen Einsätze für Menschenrechte und Menschenwürde in Pakistan, am Hindukush und in Afghanistan – unabhängig von Religion, Herkunft und Standeszugehörigkeit – machte sie in Pakistan zur lebenden Ikone. Selbst Generäle der Staatsmacht schätzten sie als Werkzeug des Friedens. Ebenso ihre klugen Ratschläge. Die Ernennung zur Staatssekretärin des pakistanischen Gesundheitswesens auf Lebenszeit sowie zur Ehrenbürgerin Pakistans zeugen ebenfalls von höchster Wertschätzung.
Mit Ruth Pfau entstand die größte, nichtstaatliche Organisation „Marie Adelaide Leprosy Centre“ (MALC) des Landes: Ein zentrales und landesweit vernetztes Lepra-Hospital. Sie errichtete 170 Außenstellen mit geschultem Personal zur Erkennung, Behandlung und Heilung von Lepra- und TBC- Patienten.
Für sie persönlich bedeuteten die erhaltenen Ehrungen nicht viel. Es sei denn, dass diese mit finanziellen Zuwendungen für ihr Hospital verbunden waren. So hingen am Fenstergriff ihres kleinen und bescheidenen Zimmers etliche Verdienstmedaillen (unter anderem auch ein Bundesverdienstkreuz), vorgesehen für den Tausch gegen Lebensmittel.
Bei ihren Deutschlandbesuchen im Jahr 2011 war es Dr. Pfau ein Bedürfnis, unseren gemeinnützigen Verein „Lebenshilfe Karachi“ aufzusuchen. In unserer Pfarrkirche St. Georg in Berlin-Hoppegarten kam es auch zu einer Gesprächsrunde. In der Kapelle der Katholischen Akademie fand ihr zur Ehre eine Dankan
dacht mit Weihbischof Wolfgang Weider statt.
Es stimmte sie so optimistisch, dass auch Menschen aus einem neuen Bundesland ihre Arbeit unterstützen: Mit unseren Spenden wurde eine zerstörte Schule im afghanischen Flüchtlingscamp mit aufgebaut, medizinische Geräte für ihr Hospital gekauft und ein Dorf mit 34 Massivhäusern für die Flutgeschädigten errichtet. Nach der verheerenden Flut von 2010 lebten diese Obdachlosen über über sechs Jahre in notdürftigen Unterkünften, bestehend aus Ästen mit überspannter Folie.
Unser aktuelles Hilfsprojekt ist die Errichtung eines kleinen, einräumigen Schulgebäudes für das neu gebaute Dorf. Hierzu sagte Frau Dr. Pfau: „Bildung ist der Schlüssel zur Befriedung Pakis-
tans, denn wer gebildet ist, lässt sich keinen Sprenggürtel umschnallen“. Sie verabschiedete sich von uns mit dem Satz: „Das letzte Wort wird Liebe sein“!
Unsere christliche Hoffnung sagt uns, dass die Verstorbene jetzt in der Hand Gottes geborgen ist. Er wird ihr gutes Wirken mit seiner unendlichen Liebe belohnen.

Werner Sygnecki, Erster Vorsitzender. „Lebenshilfe Karachi e.V.“ Berlin