18.12.2014

Interview und Diskussion zum Umbau der St.-Hedwigs-Kathedrale

"Ein lebendiges Bauwerk"

Berlin. Dompropst Prälat Ronald Rother spricht im Interview darüber, was der Wechsel an der Spitze des Erzbistums für den Umbau der St.-Hedwigs-Kathedrale bedeutet. Am Ende des Artikels können Sie dieses Thema kommentieren.

Mit dem Umbau der Kathedrale werde eine architektonische Besonderheit nicht abgeschafft, sondern „weiterentwickelt und verbessert“, meint der Berliner Dompropst Ronald Rother. Foto: Walter Wetzler

Ein neuer Erzbischof von Berlin wird sich auch mit der St.-Hedwigs-Kathedrale befassen müssen. Weihbischof Matthias Heinrich sagte Anfang Dezember, dass die umstrittene Neugestaltung ungewiss sei. Keine Neugestaltung hieße aber auch: Kein Auftrag für die Architekten, die den Wettbewerb gewonnen haben. Wie stark kann ein zukünftiger Bischof noch in die Pläne eingreifen? Kann er die komplette Sanierung stoppen, wenn er das möchte?

Ein neuer Erzbischof hat nach guter Einarbeitungszeit viele Aufgaben zu meistern, unter anderem auch das Projekt St.-Hedwigs-Kathedrale mit dem Bernhard-Lichtenberg-Haus. Damit die Entscheidung leichter fällt, werden die Planungsarbeiten weitergeführt. Dazu gehören notwendige Bodenuntersuchungen, aber auch Überlegungen, in welchen Bauabschnitten das Vorhaben verwirklicht werden kann. Insofern hat Weihbischof Heinrich Recht, wenn er erklärt, dass eine Entscheidung noch nicht gefallen ist. Eine komplette Sanierung stoppen kann er nicht, denn es muss etwas getan werden, auch wenn man die Inklusionsfragen und die Probleme der Kirchenmusik nicht beachten will.

„Nach den Richtlinien für Planungswettbewerbe (RPW 2013) ist vorgesehen, den Entwurf des ersten Preisträgers zu realisieren. Insofern ist die Entscheidung der Jury vom Juli 2014 bindend, wenn die Kathedrale umgestaltet werden soll“, heißt es in einer Pressemeldung des Berliner Erzbistums. Welchen Spielraum hat da noch ein zukünftiger Bischof? Welche Details kann er noch ändern?

Es wurde ein Realisierungswettbewerb für die Kathedrale und ein Ideenwettbewerb für das Bernhard-Lichtenberg-Haus ausgeschrieben. Entsprechend groß sind die Spielräume für Veränderungen. Zur Kathedrale: Hier gibt es Abstimmungsgespräche und danach Verhandlungen über die unterschiedlichen Vorgaben, zum Beispiel des Auslobers, der Jury, der geäußerten Kritik – Fachplaner haben ihr Wissen einzubringen. Selbstverständlich gibt es auch noch Raum für Wünsche des neuen Erzbischofs. Entscheidend ist wohl das Grundkonzept des Architekten, der sich sehr lebhaft hörend und gestaltend an den Gesprächen beteiligt.

Sichau & Walter Architekten BDA bekommen ein Preisgeld von 65 000 Euro. Dabei verdienen die Architekten doch schon an der Verwirklichung des Projektes. Werden sie quasi doppelt bezahlt?

Sie sagen richtig: Preisgeld, das steht erst einmal. Kommt es zur weiteren Beauftragung wird es auf das Honorar angerechnet; es wird nichts doppelt bezahlt. Wer anderes behauptet, kennt das Verfahren nicht.

Wie finden Sie persönlich den Entwurf? Welche Ihrer Erwartungen hat er erfüllt, welche nicht?

Wir haben einen sehr offenen Wettbewerb ohne große Vorgaben ausgeschrieben, weil wir selbst keine Lösungen für alle Fragen vorgeben konnten und wollten. Letztlich hat das Gesamtkonzept überzeugt. Es bietet Lösungen zu den Problemen der Kirchenmusik; alle Inklusionsfragen sind positiv beantwortet, eine klare Aufteilung in Kulturdenkmal, Memorialort und mehrfach gestaltete liturgische Orte sind gegeben und mit den Ideen zum Bernhard-Lichtenberg-Haus sind unsere Aufgaben für Caritas, Wissenschaft und Begegnung angesprochen.

Was sagen Sie zu den Argumenten, die gegen den Entwurf sprechen? Zum Beispiel: 1. Es werde eine architektonische Einmaligkeit abgeschafft.

Weiterentwickelt und verbessert.

2. In dem Entwurf sind einzelne Stühle anstelle der Kirchenbänke zu sehen. Entsprechend fehlen auch die Kniebänke – wird befürchtet. Kniebänke an den Vorder-Stühlen würden ein versetztes Sitzen in der großen Kirche verhindern und damit die Sicht auf den Altar erschweren.

Die Stühle sind so angeordnet, dass man problemlos nach vorn sehen kann. Es gibt auch künftig Kniebänke, die nicht an einzelne Stühle angebaut werden, sondern wie ein durchlaufendes Band befestigt sind.

3. Die Bodenöffnung schaffe eine Verbindung zur Berliner Geschichte, zu den dort beerdigten Bischöfen.

Die Berliner Geschichte hat eine längere Tradition als die Öffnung, und die meisten Bischofsgräber sind älter als die Öffnung. Der neue Zugang zur Unterkirche kann benutzt werden, ohne das Geschehen in der Oberkirche zu stören. Es bieten sich vielfältige gleichzeitige Möglichkeiten für kleinere und größere Gruppen, für Touristen und dergleichen an.

4. Wie sollen öffentliche Gelder eingeworben werden, wenn der Denkmalschutz gegen den Entwurf ist?

Die Denkmalschutzbehörden sehen ihre Hauptaufgabe darin, das Vorhandene zu bewahren. Es muss aber auch ein Weiterentwickeln möglich sein, denn eine Kirche ist nicht ursächlich Denkmal, sondern lebendiges Bauwerk, das zum Leben mit Leid, Trauer und Freude einlädt; ein Ort der Begegnung und Feier der Gläubigen mit Jesus Christus.

5. Für den Umbau sprechen liturgische Gründe. Aber müssten dann nicht sehr viele Kirchen in Deutschland umgebaut werden?

Wenn Sie kurz überlegen, dann fallen Ihnen gewiss genügend Orte ein, in denen die Kirchen seit dem II. Vatikanum bereits zum zweiten Mal umgebaut wurden (Passau, Münster, Hildesheim, Görlitz, Hamburg – um einige Bischofsstädte zu nennen.)

Es hieß, die Domgemeinde wurde in die Entscheidung, dass die Kathedrale umgebaut wurde, nicht eingebunden. Wenn doch: Wie? Wenn nicht: Warum nicht?

Der Kirchenvorstand hat zunächst mich als Dompropst beauftragt. Eine Einbindung gab es also. Dann gab es Zweifel, ob ich der Mehrfachbelastung standhalten könne, denn die Gefahr einer Interessenkollision wurde gesehen. Kardinal Woelki hat danach Pfarrer Marra, Pfarradministrator von St. Hedwig, als seinen persönlichen Berater in den Entscheidungsprozess eingebunden.

Was wird aus dem Bernhard-Lichtenberg-Haus? Der ehemalige Berliner Erzbischof ist ja nicht eingezogen, weil es kurz nach seinem Amtsantritt vor drei Jahren schon hätte renoviert werden sollen...

Hier gibt es viele Ideen und Wünsche, aber noch keine Entscheidung. Allerdings ist auch hier eine Sanierung mehr als dringend geboten.

Wo werden die Gottesdienste und Veranstaltungen, die bis dato in St. Hedwig waren, während des Umbaus stattfinden?

Es gab Gespräche mit dem Kirchenvorstand von St. Joseph-St. Aloysius für das Gotteshaus in der Müllerstraße. Die Pfarrgemeinde hat zwei Kirchen und würde sich über eine Mitnutzung freuen.

So spielt der ehemalige Berliner Bezirk Wedding also auch nach dem Auszug des ehemaligen Berliner Erzbischofs aus der Osloer Straße eine große Rolle für die Berliner Katholiken. Und welcher Ersatz wird für das Bernhard-Lichtenberg-Haus gefunden, wenn es renoviert wird?

Bestehende Mietverträge sind zeitlich befristet; doch zu weiteren Fragen müssen Sie den Kirchenvorstand von St. Hedwig befragen; mein Mandat bezog sich nur auf die Kathedrale.

Interview: Alexandra Wolff
 

Kommentare

<p>Ungereimtheiten in den Antworten von Dompropst Ronald Rother im Tag-des-Herrn-Interview vom 21. Dezember "Ein lebendiges Bauwerk" 1. Rother sagt: "Eine komplette Sanierung stoppen kann er nicht." Damit unterstellt er fälschlicherweise, dass Weihbischof Matthias Heinrich dies in Erwägung gezogen hätte. Heinrich hat hingegen nur öffentlich geäußert, dass "die umstrittene Neugestaltung ungewiss sei". 2. Rother sagt: "Wir haben einen sehr offenen Wettbewerb ohne große Vorgaben ausgeschrieben." Richtig ist, dass die Schließung des "Lochs" oberste Priorität für Entwürfe war. 3. Rother sagt: "Eine architektonische Einmaligkeit wird weiterentwickelt und verbessert." Richtig ist das Gegenteil. 4. Rother sagt: "Der neue Zugang zur Unterkirche kann benutzt werden, ohne das Geschehen in der Oberkirche zu stören." Aber: Ist das wirklich ein Problem, dessen Lösung einen radikalen Umbau und enorme Kosten rechtfertigt? 5. Rother sagt: Es gebe "genügend Orte ..., in denen die Kirchen seit dem II. Vatikanum bereits zum zweiten Mal umgebaut wurden (... Münster ... - um nur einige Bischofsstädte zu nennen)." Ich weiß von Münster, dass dies nicht der Fall ist. 6. Rother sagt: "Der Kirchenvorstand hat zunächst mich als Dompropst beauftragt. Eine Einbindung gab es also." Aber: Genügt eine einmalige "Beauftragung", die Interessen der Domgemeinde zu vertreten? Walter Plümpe Eschengraben 20 13189 Berlin</p>

Antwort auf den Kommentar von W. Plümpe: Wegen des Stopps von Leserbriefen im „Tag des Herrn“, hatte ich das Interesse an der Lektüre zeitweise verloren. Deshalb fiel mir erst verspätet das Interview und der klare Kommentar von Herrn Plümpe ins Auge. Gut, dass es Gläubige gibt, die sich aktiv für das Wohl der Kirche und unseres Erzbistums einsetzen und mit Ihrem Namen für ihren Standpunkt einstehen. Was befürchten diejenigen, die sich trotz Bedenken nur intern äußern und ansonsten schweigen? Herr Plümpe deckt mit erfrischender Klarheit und knappem Ausdruck die Ausweichmanöver auf, die der Dompropst Prälat Rother in diesem Interview unternimmt. In den Antworten des Dompropsts wird mit Fachausdrücken operiert, die weder zu den Fragen noch zu den Tatsachen passen. So entsteht bei den Laien nur Verwirrung und sie nehmen irrig an, dass die für sie unverständlichen Äußerungen von Kompetenz zeugen. Nur Fachleute durchschauen diesen Irrtum. Im Interview gibt es viele Worthülsen, wo man Aussagen erwartete. Doch der Kommentar von Herrn Plümpe gibt dem Leser Hoffnung, dass es noch mehr Gläubige mit Selbstbewusstsein geben könnte, die sich mit derartigen Auslassungen von Verantwortlichen nicht abspeisen lassen. M. Helge, Domgemeinde St. Hedwig, E-Mail: bewahren@online.de)

<p>Erfreulich, dass der „Tag des Herrn“ nach der zwischenzeitlichen Aufgabe journalistischer Tätigkeit zum Thema „Kathedrale“ (Mitteilung vom 2. 11. 2014) nun wieder tätig wird und Lesern die Gelegenheit zur Teilhabe an der Meinungsbildung eröffnet. Die Fragen der Autorin Alexandra Wolff zeugen von sorgfältiger Recherche und engagierter Vorbereitung. Das Anliegen des Artikels, dem Leser aktuelle Informationen zu unterbreiten, war zu loben. Das Ergebnis eines Interviews kann aber auch eine gute Journalistin nicht beeinflussen. Denn die Antworten von Dompropst Prälat Rother offenbaren, dass ihm eher an der Darstellung seiner verantwortungsvollen Aufgabe, seines jovialen Umgangs mit Detailfragen und der Bedeutung seines Amtes gelegen ist, wie es die Art seines Porträts unterstreicht. Von dieser erhobenen Position aus ruft Prälat Rother übrigens seit Weihnachten auf Informationstafeln in der Kathedrale zu „Fragen, Anregungen und Kritik“ sogar per E-Mail auf. Nach eigenen Erfahrungen sind nette Floskeln, aber keine Informationen zu erwarten. Konkrete Fragen werden einfach übergangen. Zum Artikel: Das eine Sanierung erforderlich ist, steht außer Zweifel. Der Dompropst stellt aber die Weiterführung der Planungsarbeiten am Umbauentwurf als Entscheidungsvorbereitung für den künftigen Erzbischof dar. Es werden also 1,5 Mio. Euro einseitig in die planerische Vorbereitung des Umbaus investiert. Wie kann sich der neue Erzbischof dann noch für eine sparsame respektvolle Sanierung und gegen einen kostspieligen kompletten Umbau mit Teilabriss der Innenausstattung entscheiden? Das voreilig für Umbauplanung ausgegebene Geld wäre nutzlos verloren. Damit wird also der künftige Erzbischof nicht unterstützt, sondern unter Druck gesetzt, nur zu bestätigen, was die zwischenzeitliche Leitung bereits vorab selbst entschieden hat. Das Ergebnis eines Realisierungswettbewerbs, der das Erzbistum 800.000 Euro gekostet hat, muss die Qualität aufweisen, als Entscheidungsgrundlage zu dienen, wie es die erwähnten Richtlinie RPW 2013 auch vorsieht. Der Verweis Prälat Rothers auf nun erst zu beauftragende Baugrundgutachten ist ein plakativer Vorwand und eine Irreführung – Bereits vor 15 Monaten hätte das Baugrundgutachten in Vorbereitung des Realisierungswettbewerbs für die Planer des Wettbewerbs vorliegen müssen. Dieses Versäumnis ist angesichts des lange bekannten Fiaskos der benachbarten Staatsopernbaustelle dem Erzbistum schwer anzulasten, da es zu hohen Folgekosten und der Bestandsgefährdung der Kathedrale führen kann. Jeder vorausschauende Bauherr kann und wird bei Unsicherheiten bezüglich des Baugrunds, ohne Planer beauftragt haben zu müssen, Geologen oder Tiefbauingenieure im Vorfeld von Baumaßnahmen konsultieren und ggf. mit Gutachten oder Voruntersuchungen beauftragen.&nbsp; Das eigene Versäumnis des Erzbistums, nun auch noch zur Rechtfertigung weiterer Geldausgaben zu instrumentalisieren, ist skrupellos und irreführend. Es besteht keine Abhängigkeit zwischen Fortsetzung der Umbauplanung und Einholung von Baugrundgutachten. Wenn dies jedoch, wie in diesem Artikel vom Dompropst getan, auch gegenüber dem Diözesanvermögensverwaltungsrat (DVR) anders dargestellt worden war, musste der DVR die Freigabe zusätzlicher Mittel beschließen. Bei Offenlegung der fachlichen Tatsachen werden sich deren Mitglieder getäuscht sehen. Die Leser sollten nach der Lektüre dieses Interviews auf anderweitig recherchierte Informationen aus dem „Tag des Herrn“ drängen. Wenn unabhängige Fachleute, Kunstexperten, Theologen und Liturgiewissenschaftler (s. dazu „offener Brief an …Kardinal Marx“ vom 31. 10. 2014; sowie Informationen der Internetseite: st-hedwig-berlin.blogspot.de) mit kompetenten Analysen und Kommentaren zu Wort kämen, könnten sich die Katholiken im Erzbistum Berlin eine Meinung bilden, was das Beste für ihre Bischofskirche wäre. Schließlich sind es die Gläubigen, die zu Spenden aufgerufen werden und mit Dutzenden Millionen das bezahlen sollen, was mit ihrer Kathedrale geplant wird. M. Helge, Domgemeinde St. Hedwig, E-Mail: bewahren@online.de)</p>

<p>"Damit die Entscheidung leichter fällt, werden die Planungsarbeiten weitergeführt."</p> <p>Genau das Gegenteil ist der Fall. Wenn "notwendige Bodenuntersuchungen" nicht vor der Planung erfolgten, ist dies fahrlässig. Auslober, Jury, Architekt - gibt es unter denen einen gläubigen Katholiken, wenn nein, weshalb beauftragt man sie?</p> <p>Das "Allerheiligste" in diesem Konzept ist offensichtlich die Horizontale, die Vertikale, die Raumempfindung, das ist völlig falsch, denn das Allerheiligste ist Jesus Christus, der Hausherr jeder Kirche. Beim Eintritt in eine katholische Kirche sucht jeder Katholik mit den Augen sofort den Tabernakel und das ewige Licht. In diesem "Stuhlkreis-Entwurf" feiert der Mensch sich selbst in einem Mehrzweckraum.</p> <p>Ich schließe mich einem Kommentator an, der gesagt hat, in eine derart umgebaute Kirche setze er keinen Fuß mehr, ich werde dies auch nicht machen. Die Kirchen werden leerer und leerer und die letzten Gläubigen, die anbeten wollen und nicht sich selbst feiern, werden mit diesen Mehrzweckhallenumbauten auch noch vertrieben. Von mir keinen Cent als Spende und wenn Erzbischof Koch mit dem Umbau erst anfangen will, wenn das Geld vorhanden ist, dann hoffe ich, dass es nie zusammenkommt.</p> <p>Gabriele Czempiel, Berlin-Friedenau</p>