Spitzenvertreter der beiden großen Kirchen haben Bundespräsident Christian Wulff für sein Engagement gedankt. Zugleich bezeichneten sie seinen Rücktritt als „folgerichtig“ und „befreiend“. Für manche kam der Rücktritt aber zu spät.
Der Vorsitzende der katholischen Deutschen Bischofskonferenz, Erzbischof Robert Zollitsch, nannte Wulffs Entscheidung einen wichtigen Schritt „zum Schutz seines hohen Amtes und seiner Person“. Zollitsch betonte aber auch, Wulffs Bemühen um den gesellschaftlichen Zusammenhalt in Deutschland sei wichtig gewesen „und bleibt bedeutsam“.
Der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Nikolaus Schneider, nannte als Beispiel Wulffs Rede zum Tag der deutschen Einheit 2010. Er habe damit deutlich gemacht, dass der Islam „durch die vielen Menschen muslimischen Glaubens, die heute in Deutschland leben, selbstverständlich zu unserem Land und unserer Lebenswirklichkeit gehört“. Dass Wulff im Gegenzug bei seinem Staatsbesuch in der Türkei die Zugehörigkeit des Christentums zu dem Land betont habe, „war ein wichtiges Zeichen für die Christinnen und Christen in der Türkei“. Die Frage nach Schuld oder Unschuld sei mit dem Rücktritt nicht beantwortet, betonte Schneider. „Dies ist die Aufgabe, die der Justiz zukommt.“
Glück fordert kritische Aufarbeitung
Wulff war am Freitag von seinem Amt zurückgetreten. Seit der Berichterstattung über einen fragwürdigen Hauskredit Ende 2011 sah er sich immer wieder Vorwürfen der Befangenheit ausgesetzt. „Es war mir ein Herzensanliegen, den Zusammenhalt unserer Gesellschaft zu stärken“, erklärte Wulff. Die Entwicklung der vergangenen Tage und Wochen habe jedoch gezeigt, dass das Vertrauen in ihn und sein Amt „nachhaltig beeinträchtigt sind“. Wulff betonte: „Ich habe Fehler gemacht, aber ich war immer aufrichtig.“ Zugleich übte er Kritik an den Medien: „Die Berichterstattungen, die wir in den vergangenen zwei Monaten erlebt haben, haben meine Frau und mich verletzt.“
Der Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK), Alois Glück, forderte eine kritische Aufarbeitung über den journalistischen Umgang mit der Wulff-Affäre. Für die politische Kultur in Deutschland sei es wichtig, „dass es zu einer angemessenen kritischen Auseinandersetzung mit den Begleiterscheinungen der Berichterstattung kommt, wenn etwa Tatsachen, Gerüchte und Spekulationen miteinander vermengt werden“. Auch Glück bezeichnete Wulffs Rücktritt als „schmerzhaften, aber für die politische Kultur in Deutschland richtigen Schritt“.
Erzbischof wirft mangelndes Verantwortungsbewusstsein vor
Der Hamburger katholische Erzbischof Werner Thissen warf Wulff mangelndes Verantwortungsbewusstsein vor. „Ich finde es bedauerlich, dass erst durch ein Handeln der Staatsanwaltschaft der Rücktritt erfolgt ist“, so Thissen. „Was bedeutet es für unsere staatsbürgerliche Reife in Deutschland, wenn zuerst ein Bundespräsident viel zu früh zurücktritt und dann sein Nachfolger viel zu spät?“, fragte der Erzbischof in Anspielung auf den Rücktritt von Wulffs unmittelbarem Amtsvorgänger Horst Köhler (2004-2010).
Der Hildesheimer katholische Bischof Norbert Trelle äußerte Respekt für die Entscheidung Wulffs. „Sie zeigt, dass Christian Wulff die hohe Bedeutung seines Amtes durchaus bewusst ist und er Schaden von diesem Amt und dem Ansehen Deutschlands abwenden will.“ Er habe Wulff in seinem Amt als Ministerpräsident von Niedersachsen kennen und schätzen gelernt, so Trelle. „Ich würde es sehr bedauern, wenn Christian Wulff in seinen politischen Ämtern die Grenzen des Erlaubten überschritten hätte und hoffe, dass die Staatsanwaltschaft alle Vorwürfe schnell und umfassend aufklärt.“ Wulff war nach Heinrich Lübke (1959-1969) erst der zweite Katholik im höchsten Staatsamt der Bundesrepublik.
kna