Kirchenpräsident Liebig: Akzeptanz der Kirche nie größer als heute

Eigene Akzente setzen

Ein Ende der Selbstständigkeit der kleinsten deutschen Landeskirche ist nach Einschätzung ihres Kirchenpräsidenten Joachim Liebig nicht in Sicht. Der 53-Jährige, der seit drei Jahren an der Spitze der Landeskirche steht, kritisierte im KNA-Interview die "sehr deutsche Sicht, zu glauben, nur in größeren Einheiten würde das Heil liegen" .

Frage: Herr Kirchenpräsident, ist Ihre Landeskirche zu einer Enklave inmitten der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland geworden?

Liebig: Um es geografisch präzise auszudrücken: Nein, denn wir waren erstens vorher schon mehrheitlich von der Kirchenprovinz Sachsen umgeben (praktisch ohne Berührung zu Thüringen) und haben zweitens auch jetzt noch Grenzen zur Evangelischen Kirche von Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz.

Frage: Was waren die wirklichen Gründe, sich nicht an der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland zu beteiligen, während zwei weitere Landeskirchen - die der Schlesischen Oberlausitz und Pommerns - sich größeren Einheiten angeschlossen haben?

Liebig: Diese Entscheidung der Landessynode fiel deutlich vor meiner Amtszeit. Ich kann sie aus heutiger Sicht aber nur begrüßen. Ein Zusammenschluss muss immer auf Augenhöhe stattfinden, der kleinere Partner also gleichberechtigt über die Modalitäten mitentscheiden können. Das schien uns nicht immer gegeben. Zudem müssen die Vorteile einer kirchlichen Vereinigung sehr deutlich die Nachteile überwiegen. Auch das schien uns nicht der Fall zu sein. Unseren Gemeinden wäre es nach einer Fusion nicht besser gegangen. Im Gegenzug wären manche landeskirchlichen Arbeitsbereiche weggefallen, und wir wären in unserer Arbeit über sehr lange Zeit hinweg blockiert gewesen. Wir wollen uns aber nicht nur mit uns selbst beschäftigen, sondern für die Menschen hier in Anhalt da sein. Wir setzen stattdessen auf Kooperation, bringen uns so viel wie möglich ein und können unsere größeren Partner in manchen Bereichen auch finanziell entlasten. Es ist eine sehr deutsche Sicht, zu glauben, nur in größeren Einheiten würde das Heil liegen. Ein Blick etwa nach Frankreich zeigt, dass auch kleinere Strukturen ganz selbstverständlich existieren können und zudem für die Menschen überschaubarer sind. Die Grenzen der Evangelischen Landeskirche Anhalts bestehen mehr oder weniger seit 1578, wir sind die letzte Körperschaft des öffentlichen Rechts, die das Territorium des´historischen Landes Anhalt bis heute darstellt. Das ist für die Identitätsbildung der Menschen hier in unserer Region gerade in diesem Jahr 2012 von großer Bedeutung, denn wir feiern 800 Jahre Anhalt.

Frage: Zusammen mit Schaumburg-Lippe bleibt Anhalt gegen den allgemeinen Trend zu immer größeren kirchlichen Einheiten weiter selbstständig. Wie lange noch?

Liebig: Ich spreche hier nur für Anhalt, wenngleich ich als ehemaliger Superintendent auch die Landeskirche Schaumburg-Lippe kenne. Ein Ende der Selbstständigkeit unserer Landeskirche ist für mich aktuell nicht in Sicht. Voraussetzung ist, wir müssen unseren Verpflichtungen zu Gehalts- und Versorgungsleistungen nachkommen können und auch über den gemeindlichen Bereich hinaus als Landeskirche erkennbar sein. Mittelfristig sollten wir auch danach trachten, unabhängig vom EKD-Finanzausgleich zu werden. Wir können den Geberkirchen, denen es finanziell oft selbst nicht mehr rosig geht, diese Zahlungen nicht bis zum Sankt-Nimmerleins-Tag zumuten.

Frage: Hat das Impulspapier "Kirche der Freiheit" der EKD eine Bedeutung für Ihre Landeskirche?

Liebig: Als es erschien, wurde es natürlich auch bei uns über einen ganzen Zeitraum hinweg diskutiert. Sicher sind auch einige Impulse in unsere Arbeit eingeflossen, jedoch ist das Papier für unsere missionarischen Vorhaben weniger von Bedeutung. Das Kapitel zur Größe und Struktur der Landeskirchen spielt heute m.E. EKD-weit keine Rolle mehr.

Frage: Was erhoffen Sie sich vom Reformationsjubiläum 2017 für Ihre Landeskirche?

Liebig Wir haben uns an den Themenjahren bislang in unterschiedlicher Intensität beteiligt - das Thema Calvin z.B. war für uns als unierte Landeskirche sehr wichtig. Augenblicklich konzentrieren wir uns mehr auf das Anhalt-Jubiläum. Zentrales Projekt in Richtung 2017 ist für uns der Lutherweg, den wir mitbegründet haben und mitbegleiten. Er bündelt spirituelle und touristische Interessen. Ich wünsche mir, dass 2017 unsere Kirche als eine der ersten reformatorischen Kirchen - in Sichtweite zu Wittenberg - deutlich eigene Akzente setzt.

Frage: Trifft es eigentlich zu, dass die neuen Bundesländer nach wie vor durch eine Gottvergessenheit geprägt werden?

Liebig: Die Menschen hier sind über Generationen hinweg aus Staatsräson dem Glauben entfremdet worden. Damit müssen wir heute leben und zurechtkommen. Statt einer im Westen nicht selten anzutreffenden kirchenkritischen Haltung stoßen wir hier schlicht auf Unwissen und Desinteresse. Manche Menschen haben vergessen, dass sie Gott vergessen haben. Zugleich gibt es bei uns wunderbare Gemeinden und gerade auf dem Lande auch Menschen, die sich für ihre Kirche einsetzen, obwohl sie nicht zur Kirche gehören. Die Akzeptanz unserer Kirche als Institution und Träger sozialer und kultureller Arbeit war in den letzten 20 Jahren nie größer als heute.

Frage: Ist die "Jugendweihe" auch 20 Jahre nach dem Ende der DDR stärker gefragt als die Konfirmation, und welche Chancen sehen Sie für den Religionsunterricht und die kirchliche Jugendarbeit?

Liebig: In Sachsen-Anhalt melden sich deutlich mehr Jungen und Mädchen für die "Jugendweihe" an als für die Konfirmation. Doch die "Jugendweihe" ist für uns keine direkte Konkurrenz, sie ist - auch angesichts der kaum vorhandenen Vorbereitung und ihrer Inhaltsleere - einfach etwas ganz anderes. Manche Jugendliche absolvieren "Jugendweihe" und Konfirmation. Wichtiger ist die Konzentration auf unseren eigenen Bereich. Jugendarbeit ist ein überaus wichtiges Feld, das großen Aufwand und Kontinuität erfordert. Der Religionsunterricht setzt sich an staatlichen Schulen immer mehr durch, allerdings gibt es bisweilen nicht genügend qualifizierteLehrkräfte.

Frage: Viele Landeskirchen machen sich inzwischen Sorgen um den theologischen Nachwuchs. Gilt das auch für Ihre Landeskirche?

Liebig: Die Zahl der Theologiestudenten aus Anhalt war nie groß und ist in den vergangenen Jahren konstant gewesen. Richtig ist aber, dass es längst nicht mehr so einfach wie vor ein paar Jahren ist, vakante Pfarrstellen zu besetzen.

Frage: Auch Ihre Landeskirche ist reich an alten und denkmalgeschützten Gotteshäusern. Werden Sie diese alle auch weiterhin unter- und erhalten können?

Liebig: Von unseren 214 Kirchen in Anhalt sind 99 Prozent denkmalgeschützt. Viele wurden seit der Wende saniert, auch aktuell gibt es immer kleinere und größere Bauvorhaben. Kirchen aufzugeben oder gar abreißen zu lassen, steht nicht zur Debatte. Wir haben in den vergangenen 20 Jahren kaum eine Handvoll Kirchen verkauft und dabei keine guten Erfahrungen gemacht. Das ist also keine Option. Gefragt sind vielmehr gute Ideen, um Kirchen mit Leben zu füllen - und zwar nicht zuletzt mit spirituellem Leben. Da gibt es zum Beispiel die "Stiftung Entschlossene Kirchen" im Kirchenkreis Zerbst, aber auch zahlreiche Bauvereine und weitere Initiativen. Ich glaube, dass über wenig genutzte Kirchengebäude auch neue Menschen für die Kirche gewonnen werden können, indem man ihnen Gelegenheit gibt, jeweils in ihrem Ort auch eine spirituelle Heimat zu finden. Andachten können auch mit sehr wenig Aufwand wöchentlich von Laien gefeiert werden - ohne dass man dabei gleich den Pfarrberuf abschaffen muss.

Frage: Wie eng gestaltet sich die Zusammenarbeit mit der katholischen Kirche in Anhalt, und welche Bedeutung kommt Ihrer Ansicht nach der Ökumene in den neuen Bundesländern zu?

Liebig: Zu DDR-Zeiten war der Kontakt noch enger, die evangelische und katholische Kirche bildeten eine Leidensgemeinschaft, deren gemeinsamer Gegner die SED war. Aber auch heute gibt es eine gute Zusammenarbeit, einen guten und regelmäßigen partnerschaftlichen Kontakt auf gemeindlicher wie auf landeskirchlicher Ebene - nicht zuletzt über die ACK Sachsen-Anhalt. Die christlichen Kirchen haben in den neuen Bundesländern gemeinsam die große Aufgabe, Menschen für die frohe Botschaft des Evangeliums zu gewinnen.