14.01.2016

Anstoß 03/2016

Die Tyrannei der kleinen Entscheidungen

In den letzten Jahren sind unsere Auswahlmöglichkeiten ständig gewachsen. Sie betreffen fast alle Lebensbereiche: Welche Schule soll mein Kind besuchen? Welches Smartphone ist das richtige für mich? Welchen neuen Computer soll ich kaufen? ...

Natürlich ist auch die Auswahl im Supermarkt gewachsen und gewachsen. Als ich kürzlich in einem fremden großen Supermarkt noch schnell einen Liter Milch kaufen wollte, erlebte ich folgendes:
Als ich nach langem Suchen das entsprechende Kühlregal gefunden hatte: Milch natur oder sterilisiert, Milch lieber bio oder „natur“, homogenisiert oder nicht? Pasteurisiert? Was ist mikrofiltriert? Welche Größe, welche Verpackung: Glas oder Plastik oder Pappe? Wieviel Prozent Fett? Lieber teuer oder doch lieber billig, von Kühen aus Sachsen oder Kühen aus den Alpen? Milch für den Kaffee oder Milch „natur“, Soja-Milch oder Kuh-Milch?
All das führte dazu, dass ich längere Zeit vor dem Regal stand und hilfesuchend umherschaute. Dann wurde ich von anderen Produkten abgelenkt und musste mir wieder ins Gedächtnis rufen, was ich eigentlich wollte: das beste Produkt. Aber wie finde ich –möglichst schnell – heraus, was das jetzt ist?  Schließlich entschied ich mich, fasste aber den Entschluss, in der nächsten Zeit hier nicht mehr einkaufen zu gehen.
Tatsächlich haben Studien gezeigt, dass unser Steinzeithirn bereits mit der Auswahl eines mittleren Supermarktes überfordert ist. Das Ergebnis ist Stress und diffuses Unwohlsein, die Psychologen sprechen von „Entscheidungsüberlastung“. Ist es wirklich sinnvoll, wenn ich für vergleichsweise unwichtige Einkaufsentscheidungen längere Zeit Informationen sammeln und nachdenken muss? Ein britischer Ökonom spricht von der „Tyrannei der kleinen Entscheidungen“.
Angesichts dieser Situation hilft es wenig, sich dem „Fortschritt“ zu verschließen und den Kopf in den Sand zu stecken. Natürlich kommt man ohne Smartphone aus und in früheren Zeiten ging es auch ohne, aber ist das ein ausreichendes Argument für eine Leben heute? Hilfreicher finde ich eine grundsätzliche Unterscheidung: Was ist wirklich wichtig und was nicht?
Außerdem gibt es in der Tradition der Kirche ausgezeichnete Methoden und Übungen, die mir im täglichen Gebet helfen, die „großen“ Entscheidungen vor Gott zu bringen, aber auch angemessen mit „kleinen“ Entscheidungen umzugehen. Wenn mir im Gebet der Gedanke kommt, dass von der Auswahl eines Liters Milch nicht mein Seelenheil abhängt, ist schon etwas gewonnen. 

Sr. Susanne Schneider, Missionarinnen Christi, Kontaktstelle Orientierung Leipzig