01.11.2017

Priesterschelte in der Bibel

Die richtigen Worte

„Ich schleudere meinen Fluch gegen euch.“ Und: „Sie schnüren nur Lasten zusammen.“ Die Priesterschelte in den heutigen Lesungen ist heftig. Wie geht ein Priester damit um? Hilft Kritik oder prallt sie ab?


Foto: picture alliance
Wird der Priester wegen einer schlechten Predigt getadelt, ist das einerseits unangenehm. Andererseits ist konstruktive Kritik oft sehr hilfreich. Foto: picture alliance


Mit der Kritik ist das so eine Sache. Sie kann zerstören, aber auch positiv verändern. Wer im pädagogischen, sozialen und psychologischen Bereich oder in Leitungspositionen arbeitet, wird gelernt haben, dass es immer darauf ankommt, wie die Rückmeldung, das Feedback formuliert ist: Der Zeitpunkt muss passen, die richtigen Worte müssen gefunden werden, damit die Kritik alle gemeinsam voranbringt und nicht in gegenseitigen Vorwürfen endet und Fronten verhärtet. Denn Kritik ist immer Beurteilung anhand von Maßstäben.

Aber sind die Maßstäbe immer allen Beteiligten klar? Kritisiert zu werden, ist meistens unangenehm. Aber umgekehrt gibt es auch viele Menschen, die ungern Kritik üben, weil sie den anderen nicht verletzen oder nicht selbst in einen Konflikt verwickelt werden wollen, den sie als heftiger empfinden als das Problem, das sie kritisieren. Wie also Probleme ansprechen, so dass sie motivieren und nicht kränken?

Die Priesterschelte des Sonntagsevangeliums und der Lesung bei Maleachi sind auf den ersten Blick klar, deutlich und verletzend. Priester werden als richtige Unsympathen geschildert, für die der Schein mehr ist als das Sein, die im Kern ihren Beruf und ihre Berufung verraten. Man braucht bei Matthäus nur „die Eltern“, „die Lehrer“, „die Politiker“ oder andere Gruppen, die von Haus aus gerne anderen sagen, was sie zu tun haben, einsetzen, um diesen Affront sofort zu spüren. Hätten Matthäus und Maleachi ihre Kritik auf Facebook gepostet, dann hätten sie bestimmt viele Likes erhalten.

Und was wäre gewonnen? Verhärtete Fronten, Rückzug in die eigene Gruppe, keine Änderung bei den Betroffenen. Ist das die Intention der beiden Texte? Was macht es mit einem Priester, der diese Aussagen im Gottesdienst zu hören bekommt oder selbst vorliest?


Alle religiösen Aufgaben haben die Gefahr des Amtsmissbrauchs an sich

„Man könnte es sich einfach machen“, sagt Richard Hartmann, der als Professor für Pastoraltheologie in Fulda lehrt und Mainzer Diözesanpriester ist. „Die Rede von den Priestern zur Zeit des Maleachi und des Matthäus trifft ja nicht die Priester unserer Zeit. Damit wiegelt man ab und stellt sich dem Thema nicht. Aber“, und damit betrachtet er eine andere Reaktionsmöglichkeit, „ich kann sagen: ,Ja, da ist was dran.‘ Dass das mich, dass das uns Priester trifft, ist kein Wunder, aber die Kritik ist auch angemessen, weil alle religiösen Aufgaben und Ämter die Gefahr des Amtsmissbrauchs an sich haben.“

Schon früh habe dies der Theologe Michel Foucault unter dem Begriff „Pastoralmacht“ wissenschaftlich auf den Punkt gebracht. Genauso wie bei der Beratung und in der Arbeit mit Menschen generell tragen religiöse Vertrauensposten die Gefahr in sich, das Vertrauen zu missbrauchen, weil Menschen grundsätzlich scheitern können, weil sie – wie jede und jeder – sündige Menschen sind. Sünde meint in diesem Zusammenhang, dass man sich eine falsche Lebensweise jenseits des von der Religion vorgegebenen Weges angeeignet hat.

„Die hier angeprangerte Haltung der Priester kritisiert Jesus: Wir sind Diener und niemand mit einer Sonderstellung an der Spitze der Gemeinde“, sagt Hartmann. „Aber es ist unheimlich schwer, nicht in die Falle zu tappen, die eine oder andere der in den Lesungstexten beschriebenen Haltungen oder Verhaltensweisen zu zeigen.“

Auf der Suche nach einer Lösungsmöglichkeit – auch aus eigenem Erleben – beobachtet Richard Hartmann Folgendes: „Je schlechter zum Beispiel eine beziehungsweise meine Predigt ist, umso weniger Rückmeldung bekomme ich. Hier wünsche ich mir, dass die Gemeinde im vollen Wortsinn den Priester ins Gebet nimmt und ihm ein vertrauensvolles Feedback gibt. Das geschieht in den Gemeinden sehr unterschiedlich“, beobachtet er. „Vor allem bei Priestern, die kein gutes Verhältnis zu ihrer Gemeinde haben, geschieht diese Rückmeldung zum Teil gar nicht oder er erhält umgekehrt so viel Prügel, dass er gleich wegwill. Oder er hat alternativ erfolgreich die Kritiker vertrieben.“


Oft fehlt die Korrektur durch Menschen, die mit einem Tacheles reden

Hartmann wünscht sich hier im Sinne der „Communio“, der Gemeinschaft, eine stärkere Haltung der Solidarität. Wir hier in Deutschland seien viel mehr als andere Länder von der Beamtenmentalität geprägt, die in dem Priester und Pfarrer eher den Verwalter als den Mitbruder sehe. Und ihn gerne in die erste Reihe schiebe. „Viele von uns Priestern möchten überhaupt nicht bei jeder Veranstaltung in der ersten Reihe sitzen.“

Wie konstruktive Kritik und auch die eigene Reaktion positiv laufen kann, hat er neulich selbst erlebt. Da habe ihn ein Mitbruder kritisch angesprochen. „Ich habe dreimal darüber nachgedacht und ihm dann einen Brief geschrieben und mich für seine Rückmeldung bedankt.“

Und seine Erfahrung ist: Je transparenter man sei und je weniger man verstecke, desto unkomplizierter sei auch das Verkraften von Kritik. Heftig werde es bei einem Scheinleben nach außen und innen. Wenn man jedoch gut in einem Freundes- und Bekanntenkreis verankert sei, in der Familie oder in einer Partnerschaft, dann seien das die Personen, die „mit einem Tacheles reden“ und eine Kontrollinstanz darstellten. Zölibatäre und Singles fehle leider oft diese Korrektur. „Daher ist es hilfreich, wenn ich jeden Impuls zur Gewissenserforschung nutze, schaue, wo mich ein Text wie an diesem Sonntag anspricht und betrifft.“

Von Sibylle Brandl