06.04.2017

66 Kreuzigungsbilder sind im Kustoshaus Görlitz ausgestellt

Die Kreuze eines Ungetauften

Die kraftvollen Farben rot und schwarz dominieren die 66 Kreuzigungsbilder von Sven Schmidt, die im Kustoshaus des Heiligen Grabes in Görlitz derzeit    ausgestellt sind. Bei der Eröffnung wurde das Zeichen der Christen betrachtet.


Diese Kreuzigungs-Szene ist eines der Bilder in der Ausstellung in Görlitz | Fotos: Raphael Schmidt

„Passt Kreuzigung in die heutige Zeit? Wie ist das mit dem Kreuz? Da gibt es die Leute, die sagen: Ich habe es im Kreuz. Kreuz ist das Synonym für Schmerzen, Krankheit und Leiden. Pläne werden durchkreuzt. Wir stehen an Straßenkreuzungen. Darüber hinaus gibt es die Kreuz-Worte, die zum Streitthema werden. Darf in einem öffentlichen Gebäude ein Kreuz hängen? Verfassungsrichterlich wurde gesagt: Besser nicht. Warum? Ist das Kreuz eine Beleidigung? Führt es dazu, dass ich bedrängt werde, wenn ich nicht Christ bin? Was bedeutet uns das Kreuz?“, mit diesen Worten eröffnet Margrit Kempgen, Leiterin der Evangelischen Kulturstiftung in Görlitz, unlängst die Ausstellung „Kreuzigung“ von Sven Schmidt.
Der Begriff Kreuz ist aus dem Alltäglichen bekannt. „Kreuzigung ist jedoch definitiv kein Begriff des täglichen Wortschatzes. Kreuzigung ist negativ belegt, ist uns eine Anfechtung, eine Destabilisierung dessen, was wir gerne hätten, wo wir uns in Sicherheit bringen möchten. Anfechtung ist das Gegenteil von Sicherheit. Anfechtung ist aber auch eine Chance – Unsicherheiten unserer Zeit wahrzunehmen“, sagt Margrit Kempgen. Auf den Bildern die noch bis zum 18. Juni ausgestellt sind, dominieren die Farben rot und schwarz. „Diese beiden markanten Farben stehen sich meist schroff gegenüber, ohne weiche Übergänge. Das Schwarz des Todes, das Rot des Blutes, aber auch das Rot der Leidenschaft. Bereit sein zu leiden ist der Hintergrund. Manche Menschen leiden an sich selbst, andere am Leben. Leiden ist, wenn wir es in Bildform gezeigt bekommen, auch eine Anregung, eine Chance, darüber nachzudenken: Kann man Bedrohungen aufhalten, sich dafür öffnen, dass etwas neu aufwächst, trotz des Schmerzes, den diese Bilder wiedergeben?“, fragt Frau Kempgen und definiert Schmerz als etwas „Hochenergetisches. Ob physicher oder psychischer Schmerz, diese Energie empfinden wir nicht als positiv und sie ist alles andere als unbewegt. Schmerz ist nicht Erstarrung, sondern Bewegung. Die Kreuzigungsbilder sind mit Bewegung verbunden. Diese Energie führt zu etwas, hat das Moment der Lebenskraft. Schmerz hat Warnfunktion, er lässt uns innehalten und nachdenken, vielleicht neu anfangen. Unsere Vorstellungen können erschüttert werden, wenn wir uns das Kreuz, die Kreuzigung anschauen. Erschüttert von Gottes Macht und seiner Liebe. Gott lässt sich kreuzigen“, sagt sie und fragt: „Was bedeutet das für uns? Dass unsere Vorstellungen von schneller Beendigung von Leid und Leiden in Erfüllung gehen? Und wenn nicht? Diese Ausstellung regt dazu an, sich auch mit solchen Fragen zu befassen“, sagt sie und zitiert zwei Theologen.  Hans-Joachim Iwand, der in Görlitz zur Schule gegangen ist, sagte: „Wir haben uns die Härte des Kreuzes, die Offenbarung Gottes im Kreuz Jesu Christi, dadurch erträglicher gemacht, dass wir es in seiner Notwendigkeit für den Heilsprozess verstehen lernten. Dadurch verliert das Kreuz den Charakter der Kontingenz, des Unbegreiflichen.“ Der Theologe Jürgen Moltmann sagt: „Ein Gott, der nicht leiden kann, ist ärmer als jeder Mensch. Denn ein leidensunfähiger Gott ist ein teilnahmsloses Wesen.“
Die 66 ausgestellten Bilder stammen aus einem Skizzenbuch von insgesamt 90 Blättern, gemalt mit Ölpastellfarben. „Mit der Kreuzigung habe ich mich immer wieder beschäftigt, nicht aus religiösen Motiven oder einem Glaubensbekenntnis heraus, sondern als ein Thema, das sich durch Jahrhunderte Kunstgeschichte zieht. Bezüge gibt es zu Albrecht Dürer“, sagt Schmidt. Ihn hat das „extreme Massaker beeindruckt, was damals stattgefunden hat und wobei wir uns bewusst sein müssen, dass das von Menschen an Menschen gemacht worden ist. Es zeigt bis heute, wozu der Mensch fähig ist. Das erleben wir tagtäglich in den Nachrichten“, sagt er. Bei der Kreuzigung Jesu „sollten wir, neben dem Unvorstellbaren und dem Schlimmen nicht vergessen zu sehen, dass daraus etwas Neues entstanden ist, wofür dieses Opfer, mit all seiner Tragik steht: Es entstand das Christentum. Und das ist das Beste, was in dieser Kreuzigung liegt – auch wenn man es schwer begreifen kann.“

Dem Künstler begegnet: „Gut, wenn es aus dir selbst kommt"
„Ich bin ein großer Fan von Franziskus. Dieser Papst hat mich immer interessiert und fasziniert. Wie dieses Amt organisiert und strukturiert ist, das hat was“, sagt Sven Schmidt aus Gera. Getauft ist er nicht, dennoch interessiert an christlichen Themen. Derzeit stellt er in Görlitz Bilder zum Thema Kreuzigung aus. Für die Kapelle im Klinikum Gera hat er vier Bilder gemalt, zu Wundern Jesu. „Dazu musste ich mich natürlich mit den Texten beschäftigen. Ich habe versucht, diese Bilder aus einer intuitiven Ebene heraus zu malen. Interessant ist, dass die Priesterkasten damals nur für ihre Klientel da waren. Jesus war für alle Menschen da. Er hat den Armen, den Verbrechern, die Hand gegeben. Er war, so habe ich es interpretiert, ein total offener Typ. Für ihn war jeder willkommen – vielleicht war das die erste Willkommenskultur. Er war unheimlich tolerant und gelassen, in Situationen, wo andere durchdrehen“, sagt er.
Sven Schmidt wurde 1959 in Gera geboren und kommt aus einer Lehrerfamilie. „Vater wollte, dass ich auch Lehrer werde. Ich habe das aber nicht gewollt und nicht gemacht. Kunst, das kam von mir selbst. Ich sagte mir: Du kannst nur etwas gut machen, wenn es aus dir selbst heraus kommt.“ Sven Schmidt studierte an der Hochschule für Kunst und Design in Halle, war danach Meisterschüler für Malerei/Grafik bei Frank Ruddigkeit. Er ist Gründungsmitglied der „Art of Design“ und im „Designkollegium Halle“.
Ob Sven Schmidt an ein Leben nach dem Tod glaubt, beantwortet er so: „Es ist schwierig. Ich bin da zweigeteilt – fifty, fifty, denke ich“.

Die Ausstellung befindet sich in der Heilige-Grab-Straße 79 in Görlitz und ist Montag bis Samstag von 10 bis 18 Uhr geöffnet, sonn- und feiertags erst ab 11 Uhr.

Mehr Informationen

Von Raphael Schmidt