Die kleine Arbeit

Luise Binder (18) aus Leipzig ist seit September Freiwillige der Kolpingjugend-Gemeinschaftsdienste in Tansania. Was sie dort erlebt, darüber berichtet sie hier regelmäßig – heute über das Nähen – nicht nur als Freizeitbeschäftigung.

Luise Binder: Stolze Näherin ihres ersten Kleides.

Mein Klavier, die Ölmalerei oder das Schwimmen. Diese drei Dinge füllten meine freie Zeit in der Heimat. Seit fünf Monaten lebe ich nun in Abstinenz.  Ganz klar, dass da für Tansania etwas Neues her musste. Seit Neustem sitze ich daher nach der Arbeit in der Schule im kleinen Laden bei meiner tansanischen „Mama“. In ihrem Laden werden Stoffe verkauft und zu wunderschönen, afrikanischen Kleidern vernäht: Mama ist Schneiderin.
Ich hatte schon von Anfang an geäußert, dass ich gerne von ihr lernen würde und ich fing mit ein paar kleinen Arbeiten an. Doch nun überraschte mich Mama: Sie ließ in einer alten Holzschubkarre ihre zweite Nähmaschine von unserem Haus quer durch das ganze Dorf in ihren Laden bringen. Nur, damit ich mit ihr zusammen im Laden nähen kann!
Seither genieße ich die paar Stunden, die ich neben ihr im Center des Dorfes verbringe. Ich lerne, schaue manchmal auch nur zu und quatsche mit ihr über Gott und die Welt. Durch das Ladenfenster schauen permanent die vorübergehenden Passanten herein und reißen die Augen auf. Eine „Weiße an einer tansanischen Nähmaschine“. Das schockt so manchen.
Ich bin begeistert von der praktischen Arbeit, das Gefühl, produktiv zu sein, beflügelt mich. Mama sagt, sie hat nur eine „kleine Arbeit“, mit der sie die Familie ernähren muss und ich sehe, wie schwer es ist, genügend Menschen im Laden zum Kauf eines Stoffes zu bewegen. Jeder handelt. Doch Mama schlägt sich gut. Auch als meine Lehrerin ist sie klasse. In allen Sprachen verständigen wir uns im nähtechnischen Bereich und ich beginne die alten Nähmaschinen zu begreifen. Das Nähen lenkt mich ab und gibt mir die Möglichkeit zu entspannen, auch komme ich Mama und anderen Tansaniern dadurch immer näher. So schafft die „kleine Arbeit“ doch etwas ganz Großes!

Luise Binder
Luise Binder hat auch einen Internet-Blog: www.luise-in-tansania.blogspot.com