16.06.2017

Kindergesprächskonzert des Kinderopernhauses Lichtenberg teilnahmen, rechneten vermutlich nicht mit solchen Begegnungen.

Die Drei mit dem Kontrabass

Chinesen, Forellen, Walzer tanzende Elefanten und ein Sommernachtstraum – die Kinder, die am Gesprächskonzert des Kinderopernhauses Lichtenberg teilnahmen, rechneten vermutlich nicht mit solchen Begegnungen.


Beim Kindergesprächskonzert durften die Kinder auch selbst zum Bass greifen. | Foto: Angela Kröll


„Boah, die sind aber groß“, ruft ein Fünfjähriger, „die sind ja größer als ich.“ Er meint die drei Kontra- bässe, die von den Musikern auf die Bühne geschleppt werden. Das Kinderopernhaus Lichtenberg hat zu einem Gesprächskonzert für Kinder eingeladen. Zu Gast sind die Kontrabassisten der Staatskapelle Berlin Alf Moser, Kaspar Loyal und Otto Tolonen. Und so hocken etwa 70 Vier- bis Sechsjährige im Caritas-Kinder- und Jugendzentrum Steinhaus in Berlin-Lichtenberg auf dem Fußboden und staunen über die optisch imposanten Instrumente.
Die Musiker spielen einen Choral von Johann Sebastian Bach, die Kinder schauen, wie sie das machen. Danach erfahren sie, warum der Kontrabass so einen „dicken Holzkörper“ hat, wie die helleren und die ganz tiefenTöne erzeugt werden und, dass die Saiten des Bogens aus Pferdehaar sind. „Das tut den Pferden aber nicht weh“, beruhigt Alf Moser die Mädchen, die etwas kritisch gucken. „Die Haare wachsen wieder nach.“ Gemeinsam mit den Instrumentalisten und moderiert von Musiktheaterpädagogin Nadine Grenzendörfer von der Staatsoper im Schiller Theater unternehmen die Kinder nun eine musikalische Zeitreise.
Auch Kinder erlebten die Zeit unterschiedlich, erklärt die Pädagogin. „Manchmal dauert ihnen etwas viel zu lange, dann wiederum vergeht die Zeit wie im Flug. Ein Musikstück zu hören, verändere dieses Zeitgefühl, denn Musik kann uns antreiben oder beruhigen“, sagt sie. Der Kontrabass spiele dabei eine wichtige Rolle, weil er zum Beispiel für das rhythmische Fundament eines Stückes zuständig sein könne. „Das kennt ihr doch auch von den Tieren: Manche sind schnell, andere nicht so. Hört doch mal beim nächsten Stück, von welchem Tier es handeln könnte“, fordert sie die Kinder auf. Es ist das Motiv aus „Die Forelle“ von Franz Schubert. „Das klang wie ein Elefant“, ruft ein Junge. Ein Mädchen tippt auf einen Löwen. Nadine Grenzendörfer zitiert den Text des Liedes: „In einem Bächlein helle, da schoss in froher Eil die launische Forelle vorüber wie ein Pfeil.“ – „Mal ehrlich, klang das wie ein schneller Pfeil?“, fragt sie und erntet ein vielstimmiges „Nein“.
Sie erzählt, warum man beim Klang des Kontrabasses eher an große Tiere denkt und leitet zum Elefanten aus dem „Karneval der Tiere“ von Camille Saint-Saëns über. Otto Tolonen zeigt, wie er den tanzenden Elefanten spielt, warum der Walzer trampelig und unbeholfen daherkommt: So klingt es, wenn das größte lebende Landsäugetier vom Kontrabass, dem größten und tiefsten Streichinstrument, vorgestellt wird.

Wie man musikalisch einen Bus verpasst
Weiter geht die Zeitreise zu einem ruhigen, einem „Nachtstück“, der Nocturne von Felix Mendelssohn Bartholdy aus dem „Sommernachtstraum“. Als es verklungen ist, klatscht die Moderatorin in die Hände: „Aufwachen, es ist Zeit, in die Kita oder in die Schule zu gehen.“ Sie erzählt, wie jemand ganz gemütlich zum Bus läuft; die Kontrabassisten zeigen, wie das klingt. „Doch jetzt, schaut mal hin, jetzt werden Kaspars Finger immer schneller, es ist nämlich schon spät, der Bus kommt gleich.“ Die Kinder bewegen sich im Takt, rennen quasi zur Haltestelle. Doch dann – ein langgezogener, klagender Ton: „Ooch, zu spät, der Bus ist weg.“
Und wenn der Bus weg ist, müsse man warten und hätte Zeit, auf all die Geräusche ringsum zu achten. „Seid mal so leise wie ihr könnt und hört, was ihr hört“, fordert die Musikpädagogin die Kinder auf und tatsächlich wird es für eine Minute still im Saal. „Und was habt ihr gehört?“ Ein Mädchen meldet sich: „Donner.“ „Nein, ein Flugzeug“, meint ein Junge. „Jeder von euch hat beim Hören an etwas anderes gedacht und die Musiker können die unterschiedlichen Geräusche sogar auf ganz verrückte Weise spielen.“ Nadine Grenzendörfer schlägt einen großen Orchestergong, die Instrumentalisten legen los: Sie klopfen mit der flachen Hand, streichen mit der Rückseite des Bogens, trommeln mit den Fingern. Es quietscht, miaut, stampft. Den Kindern macht es Spaß.
Der letzte Titel der Zeitreise „ist 100 Jahre alt, da haben eure Uromas und Uropas gelebt“, kündigt die Musiktheaterpädagogin an. Der Foxtrott „Ich hab’ das Fräulein Helen’ baden gesehn“ von Fred Raymond ist es. Die Kinder nehmen den Rhythmus auf. Wenn sie nicht auf dem Fußboden säßen, würden sie wohl dazu tanzen.
Nach rund 45 Minuten verabschiedet die Leiterin des Kinder- opernhauses, Regina Lux-Hahn, ihre kleinen Gäste: „Hat es euch denn gefallen?“, fragt sie. Ein vielstimmiges „Jaaa“ schallt ihr entgegen. „Und kennt ihr auch ein Lied, in dem ein Kontrabass vorkommt?“ – „Jaaa“. Zum Abschluss des Kindergesprächskonzerts singen die drei Musiker und alle Kinder das Lied von den „Drei Chinesen mit dem Kontrabass“ – natürlich begleitet vom Kontrabass.

Von Juliane Bittner