16.03.2016

Anstoß 10/2016

Die drei Feinde

Kürzlich hatte ich in einem Streit in einer Frage recht und ich konnte mit guten Argumenten und logischen Schlussfolgerungen meine Sicht der Dinge darlegen. Dennoch wollte mein Gegenüber meine Worte nicht hören und sich auf keinen Fall meiner Auffassung anschließen.

Solchermaßen sensibilisiert, achtete ich in der nächsten Zeit besonders darauf, was bei Menschen dazu führt, dass sie eine einmal gefasste Meinung ändern: das ist nahezu unmöglich!
Auch bei manchen Informationsveranstaltungen zur Flüchtlingsunterbringung ist es so, dass die Befürworter der Flüchtlinge und die Gegner der Flüchtlinge getrennt sitzen und nicht bereit sind, die Argumente der jeweiligen Gegenseite auch nur anzuhören. Statt dessen wird möglichst laut gepfiffen und gejohlt. So verlässt jede Person den Raum mit genau der gleichen Meinung, mit der sie ihn betreten hat.
Viele Menschen teilen den Rest der Menschheit danach ein, wer ihre Meinung teilt. Dies wird dann verbunden mit persönlicher Nähe und Freundschaft: Alle, die meine Meinung teilen, sind meine Freunde, die anderen nicht. Die einen sind die Klugen, Normalen und Guten und die anderen sind die Dummen, Verrückten und Bösen.  Der heikelste und sensibelste Punkt in der Meinungsbildung ist die Beurteilung der eigenen Person: es ist zunächst einmal völlig verständlich und normal, dass man positiv beurteilt werden will. Doch dieser Wunsch kann dazu führen, dass manche Menschen jede Art von Kritik an ihrer Person ablehnen. Selbst unter Freunden ist es heikel, Fehler oder Schwächen des anderen anzusprechen. Doch wenn mich jemand, dem ich vertraue, auf eine Einseitigkeit oder einen blinden Fleck aufmerksam macht, kann das eine gute Chance zum inneren Wachstum sein.
So ist es ungeheuer entlastend, befreiend und schön, wenn eine Person ihre Stärken, aber auch ihre Schwächen realistisch einschätzt und zugeben kann. Wieviel Lebensklugheit und Selbstrelativierung gehört dazu, sich selbst nicht für den Mittelpunkt der Welt zu halten. Und ganz lobenswert sind Menschen, die immer wieder das eigene Selbst relativieren können. Zu diesen Menschen gehörte Mahatma Gandhi. Von ihm ist folgender Ausspruch überliefert:
„Ich habe nur drei Feinde: Mein liebster Feind ist der englische Staat; er kann am einfachsten zum Guten beeinflusst werden.
Mein zweiter Feind, das eigene indische Volk, ist wesentlich schwieriger zu beeinflussen.
Mein schwierigster Gegner ist ein Mann namens Gandhi – auf ihn scheine ich relativ wenig guten Einfluss zu haben.“

Schwester Susanne Schneider, Missionarinnen Christi, Kontaktstelle Orientierung Leipzig