07.12.2017

Serie „Katholisch in Brandenburg“

Der Vereinzelung trotzen

In der Serie „Katholisch in Brandenburg“ reist der Tag des Herrn an die Ränder des Erzbistums, heute in das vorreformatorische Bistum Havelberg. Die Katholiken der Prignitz-„Hauptstadt“ Perleberg sorgen für Überraschungen.


Vielfalt auf riesigem Gemeindegebiet: Der trutzige Havelberger Dom (oben) und die kleine katholische Kirche „Mariä Unbefleckte Empfängnis“, die am 8. Dezember ihr Patronatsfest feiert. | Fotos: privat

 

Der stolze Havelberger Dom als mittelalterlicher Bischofssitz oder der Wallfahrtsort Wilsnack mit seiner Wunderblutkirche machten die Elbregion zwischen Berlin und Hamburg einst europaweit berühmt. Mit der Reformation erlosch das katholische Leben für fast 300 Jahre jedoch vollständig. Erst im Zuge der Industrialisierung brachten Zuwanderer aus dem Eichsfeld, Schlesien und Westfalen ihren katholischen Glauben mit und einen unerschütterlichen Überlebenswillen inmitten der Vereinzelung, bis heute.

Dünne Besiedlung trifft extreme Diaspora
So gehört die Prignitz gegenwärtig mit nur 36 Einwohnern pro Quadratkilometer zu den am dünnsten besiedelten Gebieten Deutschlands. Die ohnehin extreme Diasporasituation definiert sich hier durch eine zusätzliche Dimension – die der Entfernungen. So liegt der heute kleine Gottesdienststandort Havelberg nicht nur als einziger des Erzbistums im Bundesland Sachsen-Anhalt, sondern ist zugleich fast 70 Kilometer vom Standort Lenzen entfernt! Beide Ortsgemeinden gehören zur Pfarrei „St. Heinrich“ Wittenberge, ebenso wie die Gemeindeteile Bad Wilsnack und Perleberg. Hier ist der Wohnort von Pfarrer Bertram Pricelius und Sitz des Pfarrbüros.
Die Prignitz-Perle Perleberg macht ihrem Namen alle Ehre, überrascht als Kreis-, Hanse- und Rolandstadt mit ihrer Fachwerk-Altstadt und einem unglaublichen Gemeindeleben der kleinen katholischen Schar. Die ca. 450 Katholiken trotzen den gravierenden Diasporaproblemen mit besonderer Kreativität. So hatte sich erst am Dienstag hoher Besuch angesagt: Der heilige Nikolaus höchstpersönlich bestieg am Abend einen Kahn, um das Flüsschen Stepenitz hinabzuschippern und dann hoch zu Ross einen großen Umzug durch die Stadt anzuführen. Der endete in der katholischen Kirche „St. Mariä Unbefleckte Empfängnis“ mit gemeinsamen Liedern, Gebeten und natürlich den begehrten Nikolausbeuteln. Pfarrsekretärin Angela Sonntag, Pfarrgemeinderatsvorsitzende Catherine Brödder und weitere Helfer hatten auch in diesem Jahr wieder alle Hände voll zu tun, um die insgesamt 100 Nikolausüberraschungen liebevoll zu verpacken. Die wenigsten der über 80 Kinder sind katholisch, sagt Angela Sonntag, aber sie erfahren hier auf unaufdringliche Weise, wer der heilige Nikolaus wirklich war, von seiner Hilfsbereitschaft, von christlichen und menschlichen Werten.
Nikolaus in Perleberg, das ist weit mehr als eine wiederbelebte Tradition für die gesamte Stadt; es ist ein neues Zeichen katholischen, christlichen Lebens in Zeiten zunehmender Entchristlichung, tiefgreifender innerkirchlicher Veränderungen und des Verlustes vertrauter Strukturen. So stieß die im Sommer erfolgte Schließung des Caritas-Hauses als letzte katholische Einrichtung in der Region auf Unverständnis und Resignation. Die Gläubigen fühlen sich hier allein- und zurückgelassen, geben die beiden Frauen die Stimmung in der Gemeinde wieder. Auch gegen die Entwicklung des Dekanats Wittenberge zu einem Pastoralen Raum haben sich PGR und Kirchenvorstand ausgesprochen. Bei den extremen Entfernungen und fehlenden öffentlichen Verbindungen erscheint es nicht realisierbar, zumal der Gottesdienstbesuch in der Pfarrkirche für Gemeindemitglieder in entlegenen Orten bereits jetzt eine Tagesreise ist.
Daher wird auf ihre Einbindung und ein reges Gemeindeleben besonderer Wert gelegt, so durch die Erwachsenenkreise, eine aktive Seniorenarbeit, die Rosenkranzgemeinschaft, Krankenhausseelsorge, die jährliche Dankeschönveranstaltung mit fast 100 Ehrenamtlichen und natürlich die Fahrdienste. Darüber hinaus setzen Gläubige und Gremien auf eine noch engere Ko­operation mit den Pfarreien Kyritz und Wittstock und die gegenseitige Bestärkung in der Ökumene. Catherine Brödder berichtet vom Weltgebetstag der Frauen, dem gemeinsamen Aschermittwoch oder den übergemeindlichen Bibelwochen als Bereicherung und neue Formen christlichen Lebens.
„Was können wir noch tun, um die christliche Botschaft zu bewahren und an die nächste Generation weiterzugeben?“, diese Frage treibt Angela Sonntag auch als Religionspädagogin um. Sie erteilt an der Perleberger Oberschule für ca. 60 Schüler wöchentlich Religionsunterricht in Trägerschaft der katholischen Kirche. Darüber hinaus gibt sie den Religions- und Sakramentenunterricht für die 16 zur Pfarrei gehörenden Schüler. Auch hier ist die Situation denkbar schwierig. Eine Jugendgruppe oder RKW gibt es nicht mehr, dafür aber neue Ideen und Wege in der Kinder- und Jugendarbeit. So soll es erstmals wieder ein Krippenspiel an Heiligabend in der Wittenberger Pfarrkirche geben, mit großer Unterstützung der Eltern und einstudiert von Angela Sonntag und Catherine Brödder. Die beiden sind ein im wahrsten Sinne eingespieltes Duo, etwa bei der musikalischen Gestaltung des monatlichen Familiengottesdienstes oder im von Catherine Brödder geleiteten Kirchenchor.

Ein eingespieltes Team: Catherine Brödder (links) und Angela Sonntag. | Foto: Marina Dodt

Mit Gottvertrauen den Himmel berühren
Und dann klingt da noch ganz große Zukunftsmusik an: die Wiederauflage biblischer Musicals mit öffentlichem Casting und gut 60 Mitwirkenden aus Perleberg, Pritzwalk und sogar Berlin. „Wenn du Gott vertraust, kannst Du den Himmel berühren“, zitiert Angela Sonntag eine Zeile aus dem 2003 aufgeführten David-Musical. Mit diesem Vertrauen auf Gott und zu sich selbst gehen die Perleberger mit „Ein himmlischer Plan“ nun ihr neues, christliches Werk an. 2019 soll Premiere des ökumenischen Projektes sein, vielleicht auch mit einer Aufführung im Dom zu Havelberg, wo vor über 1000 Jahren die Geschichte des Christentums in dieser Gegend begann.

Von Marina Dodt