20.08.2015

Ehemalige KZ-Häftlinge und die Ukrainekrise

Das Überleben nach dem Überleben

Die Wunden sind geblieben – und reißen in der Ukrainekrise wieder auf: Das Maximilian-Kolbe-Werk hilft ehemaligen KZ-Häftlingen in der Krisenregion.

Gedenken an Maximilian Kolbe im KZ Ausschwitz. Foto: kna-bild

Deutsche waren schon mal hier, 1942. Damals besetzt die Wehrmacht die Stadt Saporischja, russisch Saporoschje. Pjotr Suprun nahmen sie mit, weil er sich im Widerstand gegen die Besatzer engagierte. Erst kam er ins nahe Dnipropetrowsk, von dort aus sollte er als Zwangsarbeiter ins Deutsche Reich gebracht werden. Er konnte auf der Fahrt entkommen - allerdings nicht für lange. Der 17-Jährige wurde aufgegriffen, kam nach Auschwitz und später in die Konzentrationslager Buchenwald, Mittelbau-Dora und ins Außenlager Ellrich-Juliushütte.  

Deutsche sind jetzt wieder da, im Sommer 2015. Diesmal haben sie Pjotr Suprun zum Essen eingeladen. Damit ist er beschäftigt, findet aber noch Zeit den Leuten vom Maximilian-Kolbe-Werk, das KZ- und Ghettoüberlebende unterstützt, seine Geschichte weiterzugeben. Langsam kommen die Worte aus dem Mund des 88-Jährigen. Von all der Gewalt, die er ertragen haben muss, sagt er nichts.  

Pjotr Suprun ist einer von etwa 80 KZ-Überlebenden, die es noch in der Region gibt. Als die Vertreter des Hilfswerkes vor acht Jahren in Saporischja waren, konnten sie noch um die 300 Menschen einladen und ihnen, wie jetzt auch, jeweils 300 Euro übergeben, erzählt Danuta Konieczny, eine Mitarbeiterin. 
 

Kein Geld für Arztbesuche und Medikamente

Pjotr Suprun
Foto: kna-bild

Die meisten verwenden das Geld, um Arztbesuche und Medikamente zu finanzieren. "Ich bekomme 1.780 Griwna Rente", erzählt Jewgenija Bojko. "Das sind nicht mal 100 Dollar", rechnet die Vorsitzende des Häftlingsvereines in Saporischja vor. Das reiche gerade so, um die Miete und den Lebensunterhalt zu finanzieren - wenn überhaupt. "Ich sollte mich eigentlich an den Augen operieren lassen, kann es mir aber nicht leisten", erzählt die frühere Grundschullehrerin. Ihre beiden Söhne seien arbeitslos; einer davon wohne mit seiner Frau und seiner Tochter bei ihr, berichtet die 71-Jährige, die 1944 im Frauen-KZ Ravensbrück geboren wurde. 

Die Krise im Land macht ihr Leben nicht besser. Die gewaltsamen Auseinandersetzungen knapp 200 Kilometer von ihnen entfernt betreffen auch die früheren KZ-Häftlinge: Sie sehen ihre Kinder und Enkel in den Kampf in die Ostukraine ziehen und manchmal nicht zurückkommen. Das ist gerade für jene besonders schlimm, die den Zweiten Weltkrieg und seine Schrecken erlebt haben. "Das hat natürlich einen großen Einfluss auf die Psyche der Menschen", schildert Jewgenija Bojko. Dazu kommt, dass die Krise alles teurer gemacht habe - während die Renten nicht gestiegen seien. 

Viele der Überlebenden haben bei den drei Treffen ihre Verwandten mit einer Vollmacht geschickt. Sie selbst sind zu schwach dazu oder bettlägerig. Die, die noch gekommen sind, haben einen Verwandten dabei, als Stütze und Hilfe. Pjotr Suprun hat seinen Sohn Walerij mitgebracht. Als er aus dem KZ kam, wurde Suprun in die Rote Armee eingezogen. Später ging er als Arbeiter in eine Bahnwaggon-Fabrik zurück nach Saporischja. Seinen Leidensweg hat er fast keinem erzählt - in der Sowjetunion galten die Überlebenden lange als Kollaborateure, die dem Feind geholfen hätten.  
 

Die Wunden sind geblieben

Jewgenija Bojko
Foto: kna-bild

Die Wunden sind bei vielen geblieben. Auch bei dem Mann, der auf die Organisatoren vom Häftlingsverein einredet. Es sei ungerecht, dass allen auf die gleiche Weise geholfen werde, beschwert er sich. Die KZ-Überlebenden hätten viel stärker gelitten als die, die "nur" als Zwangsarbeiter Dienst tun mussten, ereifert er sich. Danuta Konieczny und die anderen brauchen eine Weile, bis sie ihn beruhigt haben.  

Dann winkt Leonid Gruntenko von einem der Tische. Er will mit einem Deutschen sprechen. Gruntenko ist 90 Jahre alt. Auch er war in mehreren Konzentrationslagern und musste als Zwangsarbeiter schuften. Seine Hände zittern, "Parkinson", erklärt er. Dem Deutschen aber will er etwas schenken. Mühsam kramt er eine weiße Plastiktüte hervor. Drin ist Schokolade. 

Das Maximilian-Kolbe-Werk wurde 1973 gegründet. Zunächst beschränkte es sich, durch die äußeren Umstände im Kalten Krieg, auf die Hilfe für KZ- und Ghetto-Überlebende in Polen. Nach dem Fall des Eisernen Vorhangs gab es Hilfsprojekte in den Staaten der GUS, unter anderem in der Ukraine, Weißrussland und Russland. Es organisiert neben den Hilfs- und Begegnungsprojekten Reisen nach Deutschland und Kuraufenthalte, außerdem Zeitzeugenprojekte in Schulen und für Gruppierungen.

kna