07.12.2017

Sonderausstellung zum Klimawandel bis 21. Mai 2018 in Halle

Das Klima und der Mensch

Neue Sonderausstellung in Halle eröffnet zusätzliche Blickwinkel zum Thema „Klimawandel“. Naturwissenschaftler sehen „Klimagewalten“ als „Treibende Kraft der Evolution“, auf die sich der Mensch einstellen kann.


Jäger beobachten von einer Anhöhe aus ein Mammut mit seinem Jungen am Rand eines Gletschers. Zeichnung: Karol Schauer | © LDA Sachsen-Anhalt


Was würde es bedeuten, wenn die derzeitige, vom Menschen mindestens mitverursachte Erder-
wärmung langfristig anhält? Und was hätte eine neue Kaltphase zur Folge? Mit nicht gerade beruhigenden Überlegungen zu diesen Fragen wird der Besucher am Ende der Ausstellung „Klimagewalten – Treibende Kraft der Evolution“ aus der neuen Sonderschau in Halle entlassen.
Wie mit der derzeitig beobachteten Erderwärmung umzugehen ist, gehört heute zu den zentralen Fragen des aktuellen politischen Geschehens. Gleichwohl stellt die Klimaentwicklung der letzten Jahrzehnte nur einen sehr sehr kleinen Ausschnitt in der Geschichte der Erde dar. Sich dessen bewusst, betrachten die Ausstellungsmacher um Sachsen-Anhalts Landesarchäologen Harald Meller und Projektleiter Thomas Puttkammer in ihrer Sonderschau den Wandel des Klimas im Verlauf von 66 Millionen Jahren und wollen damit „zusätzliche Blickwinkel auf die aktuellen Probleme“ eröffnen. Eine zentrale Aussage dabei: Die Naturwissenschaften begreifen die Klimagewalten als treibende Kraft der Evolution.
Erdgeschichtlich seien klimatische Veränderungen auch innerhalb sehr kurzer Zeitabschnitte vielfach belegt, so Landesmuseums-Direktor Meller. Als Ursachen sehen die Naturwissenschaftler Faktoren wie Sonnenaktivität, Verschiebungen der Erdachse, die sich verändernde Umlaufbahn der Erde um die Sonne, aber auch Veränderungen etwa bei der Plattentektonik oder den Meeresströmungen. Der Mensch kommt als Klimafaktor dabei erst sehr sehr spät ins Spiel.
Die Schau setzt in der Erdgeschichte am Beginn der Erdneuzeit an, als nach dem Einschlag eines großen Meteoriten und der darauf folgenden Klimaveränderung das Zeitalter der Dinosaurier endete und der Aufstieg der Säugetiere begann. War das Klima zunächst über Jahrmillionen noch sehr warm, sei es besonders in den letzten 2,6 Millionen Jahren zunehmend unbeständiger geworden, heißt es in der Ausstellung. Warm- und Kaltzeiten wechseln sich nun ab. Pflanzen- und Tierwelt müssen sich immer wieder auf neue Gegebenheiten einstellen, was sich als Motor der Evolution erweist.

Das Wollhaar-Mammut - hier ein Schädelfragment mit Stoßzähnen - steht für extrem gute biologische Klimaanpassung. | Foto: Eckhard Pohl

Vielfältige Ursachen für Klimaveränderungen
Die ersten beiden Themenkomplexe der Ausstellung sind den kosmischen und irdischen Ursachen natürlicher Klimaveränderungen und den Phänomen der Eis- und der Warmzeiten gewidmet. So reichte etwa die sogenannte „Elster-Kaltzeit“ vor 400 000 bis 320 000 Jahren mit ihrem Eis bis in die Gebiete des heutigen Dresdens und Erfurts und die „Weichsel-Eiszeit“ vor 115 000 bis 11 700 Jahren immer noch bis südlich Berlin und bis vor Magdeburg. Menschen, Tiere und Pflanzenwelt mussten sich darauf einstellen. Ein gutes Beispiel dafür sind die zur Gattung der Elefanten gehörenden Wollhaar-Mammute mit ihrem langen, wärmenden Haarkleid. Im Museumsatrium haben die Ausstellungsmacher einen lebensgroßen Mammutbullen und ein Jungtier im Kampf mit drei Höhlenlöwen dargestellt.
In zwei weiteren Ausstellungsräumen wird die vielfältige Fauna und Flora der Erdneuzeit vorgestellt. Mit zahlreichen Exponaten sind etwa die Funde aus dem Geiseltal südlich von Halle vertreten, so die berühmten Urpferdchen, Krokodile und Schildkröten.
In einem weiteren Ausstellungskomplex geht es unter der Überschrift „Erfindergeist statt dickem Fell“ um die Primaten-Evolution von den frühen Lemuren (Halbaffen) über die Hominidenentwicklung (Menschenaffen) bis zur Entstehung der Menschenarten, von denen letztlich nur Homo sapiens überlebte. Der Mensch nun ist in der Lage, nicht mehr nur mit biologischer Anpassung auf klimatische Veränderungen zu reagieren, sondern zunehmend seine Umwelt aktiv zu gestalten. Waren die früheren Primaten noch Beute von Raubtieren, entwickeln sich die Menschen im Laufe der Zeit zu Jägern und beherrschen die anderen Lebewesen: Werkzeuggebrauch, Feuernutzung, Bekleidung, Behausungen, Jagdwaffen ermöglichen es, auch unter unwirtlichen Bedingungen zu überleben. Beispielhaft steht dafür in der Ausstellung der Homo heidelbergensis, der vor mehr als 600 000 Jahren lebte. Der Unterkiefer des ältesten Urmenschenfundes Deutschlands wird in der Schau gezeigt.
„Die erfolgreiche Jagd in der Gemeinschaft schafft zudem erstmals Raum und Muße für eine geistige Auseinandersetzung mit dem eigenen Sein“. Die „Eiszeitkunst“, erste Musikinstrumente und Bestattungsbräuche zeugen davon. In der Ausstellung stehen dafür zum Beispiel die erstmals gezeigten Fragmente einer sogenannten Venusstatuette von Breitenbach im Burgenlandkreis. Mit einem Alter von 34 000 Jahren stellen sie den ältesten Beleg einer Elfenbeinfigur aus der Altsteinzeit außerhalb der Schwäbischen Alb dar. Plastiken und Ritzzeichnungen von Dolní Věstonice (Tschechien) oder La Marche (Frankreich), wie sie ebenfalls in der Schau zu sehen sind, lassen zum ersten Mal in der Menschheitsgeschichte individuelle Züge dargestellter Personen erahnen.

Klimaschwankungen und ihre Folgen
Auf einer langen Ausstellungstafel sind Notizen zu Wetterereignissen zwischen 1022 und 1736 zusammengestellt. Sie stehen für die sogenannte „Kleine Eiszeit“, die nach einer Phase des Klima-optimums, das um 900 n. Chr. begonnen hatte, ab zirka 1300 einsetzte und bis ins 19. Jahrhundert anhielt. Die Winter waren kalt und lang, die Sommer meist naßkalt und die Ernten entsprechend schlecht. Die Folge waren Hunger, Mangelernährung, Seuchen und soziale Spannungen.
Heute, zu Beginn des 21. Jahrhunderts, „erwärmt sich das Erdklima in kürzester Zeit rapide“. In längeren Zeiträumen ist entsprechend der Kalt-Warm-Zyklen der jüngeren Erdgeschichte jedoch auch eine bevorstehende Eiszeit denkbar. Eine stark ausgeprägte Warm- oder Kaltzeit würde auch bei heutigen technischen Möglichkeiten die Menschheit „enorm“ herausfordern. Das wird im letzten Ausstellungsraum verdeutlicht: So würde eine Warmzeit zum Beispiel durch erheblichen Meeresanstieg zur Flutung von Küstenregionen und Hafenstädten führen. Teile Südeuropas würden austrocknen. Extreme Wetterereignisse nähmen zu. Bei einer Kaltzeit hingegen käme es langfristig zu „unerträglichen Lebensverhältnissen nördlich der Alpen“. In beiden Szenarien würden „Massenumsiedlungen“ von Menschen nötig, Ressourcen würden knapp.

Der Mensch wurde zum einzigen Lebewesen, das sich bewusst auf die Klimaverhältnisse einstellen kann. | Foto: Eckhard Pohl

Die Ausstellung im Landesmuseum für Vorgeschichte in Halle, Richard-Wagner-Str. 9,  ist bis 21. Mai 2018 zu sehen. Geöffnet Di bis Fr,  9  bis 17 Uhr, Sa, So, feiertags, 10 bis 18 Uhr, 24. u. 31. Dezember geschlossen. Ein Begleitband ist erschienen. Mehr Infos: www.lda-lsa.de

Von Eckhard Pohl