09.06.2017

Anstoss 23/2017

Das elfte Gebot: Du sollst dich nicht vordrängeln!

Immer, wenn es sich im morgendlichen Berufsverkehr nach Magdeburg staut, gibt es das gleiche Bild. Die meisten Autofahrer stellen sich artig in ihre Spur und können damit leben, dass sich die Weiterfahrt etwas ruhiger gestaltet als geplant.


Und dann gibt es diejenigen, die diese Ordnung durcheinanderbringen. Sie blinken links, fahren auf der Abbiegerspur an den meisten Autos der Schlange vorbei, um sich dann vorne selbstbewusst wieder reinzudrängeln.
Das wirkt ja vielleicht ganz sportlich, aber sagt folgendes: „Die Regeln im Leben gelten für euch Schwachköpfe in der Schlange, für mich gelten sie nicht. Es ist schnurzpiepe, wie lange ihr im Stau schon wartet. Ihr seid mir herzlich egal, denn ich bin wichtiger und cleverer als ihr.“ Wenn Sie jetzt selbst so ein Staudrängler sind und diesen Beitrag lesen, denken Sie vielleicht, was für ein Schwachsinn, wenn der wüsste, wie mich diese blöden Baustellen ärgern, wie bescheuert die Stadt die Ampeln eingestellt hat, wie trottelig der Typ vor mir durch die Gegend eiert, wie schnell ich dort und dort sein muss und so weiter.  
Sie dürfen davon ausgehen, dass die anderen im Stau in der gleichen Situation stecken und dass deren Probleme durchaus ähnlich sind. Auch die Zeit ist für alle anderen ebenso wertvoll wie für Sie. Genauso wie man alte Frauen nicht vom Fahrrad schubst, beim Gericht keinen Meineid schwört, seinem Partner treu ist, im Drogeriemarkt keine Lippenstifte klaut und sich nicht auf den  Behindertenparkplatz stellt. Genauso eine sinnvolle Regel ist, dass vor Gott, dem Gericht und im Stau alle gleich sind.
Das kann man leicht kapieren, wenn man sich nicht für den Mittelpunkt des Universums hält.
Für den New Yorker Rabbi Marc Gellmann ist dies sogar das 11.Gebot der Bibel: Du sollst dich in der Schlange nicht vordrängeln. Moses hat es nur deswegen nicht aufgeschrieben, weil er es für das Normalste von der Welt hielt. 

Guido Erbrich, Roncalli-Haus Magdeburg