18.05.2017

Kirchen in Thüringen zur Diskriminierung in der DDR

Christen im DDR-Unrechtsstaat

Die Kirchen in Thüringen streben eine wissenschaftliche Zeitzeugenbefragung zur Diskriminierung von Christen in der DDR an. Fragen dazu an den Leiter des Katholischen Büros in Thüringen, Winfried Weinrich.


Winfried Weinrich

Im Auftrag von Landesregierung und Kirchen gibt es in Thüringen eine Arbeitsgruppe „Christen, Kirchen und andere christliche Religionsgemeinschaften im DDR-Unrechtsstaat – Diskriminierung von Christen in der DDR und ihre Wirkungsgeschichte“. Für die katholische Kirche gehört dieser Arbeitsgruppe der Leiter des Katholischen Büros in Thüringen, Winfried Weinrich, an. Im Interview erklärt er Auftrag und Anliegen der Arbeitsgruppe.

Für die Thüringer Landesregierung war die Diskriminierung von Christen in der DDR im vergangenen Jahr kein Thema. Hat sich das jetzt geändert?
Die Thüringer Landesregierung hat mit ihrem zweiten Bericht zur Aufarbeitung der SED-Diktatur in Thüringen auf die kritischen Nachfragen der Kirchen nach der Diskriminierung von Christen in der DDR reagiert. Im Gegensatz zum ersten Bericht vom Februar 2016 ist im zweiten Bericht vom März diesen Jahres die neu gegründete Arbeitsgemeinschaft „Christen und Kirchen im DDR-Unrechtsstaat“ thematisiert. Die Gründung der Arbeitsgruppe geht auf ein Gespräch der evangelischen und katholischen Bischöfe mit der Thüringer Landesregierung im Oktober zurück. In diesem Gespräch wurde kritisiert, dass im ersten Tätigkeitsbericht das Thema „Diskriminierung von Christen in der DDR“ nicht aufgenommen war.

Inzwischen hat sich die Arbeitsgruppe konstituiert. Wer gehört dazu?
Neben Staatssekretärin Babette Winter für die Landesregierung, Oberkirchenrat Christhard Wagner vom Evangelischen Büro und mir als Vertreter der katholischen Kirche wurde die Arbeitsgruppe durch je einen Vertreter der Freikirchen und der Zeugen Jehovas erweitert. Darüber hinaus benannten sowohl die Staatskanzlei wie die Kirchen Vertreter für die wissenschaftliche Begleitung der Arbeitsgruppe.

Was ist das Ziel der Arbeitsgruppe?
Ziel ist es, Art und Umfang der Möglichkeiten einer weiteren Aufarbeitung und wissenschaftlichen Erforschung der DDR-Diktatur unter dem Aspekt religionsbedingter Diskriminierung und Verfolgung in Thüringen festzustellen und daraus mögliche Handlungsempfehlungen für die Bereiche Forschung und gesellschaftlicher Dialog abzuleiten. Als katholische Kirche haben wir die Erwartung, dass sich die Linkspartei als Nachfolge-Partei der SED mit dem Thema auseinandersetzt und sich positioniert.

Wie sind die Ergebnisse der ersten Sitzung?
Die Arbeitsgruppe hat sich konstituiert und ihre Bezeichnung konkretisiert. Sie heißt jetzt offiziell „Christen, Kirchen und andere christliche Religionsgemeinschaften im DDR-Unrechtsstaat – Diskriminierung von Christen in der DDR und ihre Wirkungsgeschichte“. Darüber hinaus wurden vorliegende Forschungsstände und Forschungsperspektiven aus beiden Kirchen kurz vorgestellt, um sie in der nächsten Sitzung ausführlich zu beraten. Weiterhin wurden erste Überlegungen zum Themenbereich gesellschaftlicher Dialog angestellt. Dabei ging es vor allem um mögliche Orte des Diskurses, wobei sich der Blick insbesondere auf die Schulen gerichtet hat.

Welche Anliegen verfolgt die katholische Seite?
Bezüglich des Bereiches Forschung wird von uns in Abstimmung mit dem Lehrstuhl für Kirchengeschichte des Mittelalters und der Neuzeit unserer Universität beziehungsweise der Forschungsstelle für kirchliche Zeitgeschichte eine qualifizierte Zeitzeugenbefragung, eine archivalische Erschließung repräsentativer Konfliktfelder (Diskriminierung im Bildungsbereich, Behinderung der Seelsorge, Repressalien um den Wehrdienst ) sowie eine Schärfung der Terminologie thematisiert werden.

Wann wird sich die Arbeitsgruppe wieder auflösen?
Es zeichnet sich bereits jetzt ab, dass die von der Arbeitsgruppe markierten Themenfelder einen mehrjährigen Arbeitsumfang beanspruchen werden.

Meinung: Noch keine Geschichte
Über ein Vierteljahrhundert ist seit dem Untergang der DDR vergangen. Inzwischen ist eine Generation herangewachsen, für die die Geschichten aus der DDR so etwas sind wie die Berichte meines Opas aus russischer Kriegsgefangenschaft nach 1945. Da könnte man doch sagen: Nun ist es auch genug mit der Diskussion um das DDR-Unrecht.

Matthias Holluba

Nicht so in Thüringen. Hier hat eine neue Debatte um die Diskriminierung von Christen in der DDR begonnen. Den Stein ins Rollen gebracht hatte eine Äußerung im Zusammenhang mit der Aufarbeitung von DDR-Geschichte durch die rot-rot-grüne Landesregierung: Christen seien in der DDR keine besondere Opfergruppe gewesen, hieß es. Das sorgte nicht nur für Proteste der Kirchenvertreter. Auch viele einfache Christen, die die DDR am eigenen Leib erfahren haben, fühlten sich vor den Kopf gestoßen.
Die Folgen der Diskriminierung von Christen in der DDR wirken bis heute nach. Damit meine ich nicht nur diejenigen, die durch christlich motiviertes Handeln in Gefängnisse gewandert oder Opfer von Stasi-Zersetzungen geworden sind. Die Diskriminierung fand auch ganz alltäglich statt: Wer nicht zur Jugendweihe ging, durfte oft kein Abitur machen. Wer den Wehrdienst mit der Waffe verweigerte, dem wurde  häufig das Medizinstudium verwehrt. Und wer nicht in die Partei ein- und damit aus der Kirche austrat, für den war die Karriereleiter meist recht kurz. Mancher hatte die Chance, diese Eingriffe in seine Biografie nach dem Ende der DDR zu korrigieren. Aber es gibt nicht wenige Christen, die bis heute nur in zweiter Reihe stehen, weil die DDR ihnen Möglichkeiten verwehrt hat. Dieses Thema jetzt noch einmal aufzuarbeiten, wie in Thüringen geplant, ist auch ein kleines Stück Anerkennung für die Betroffenen.

Kommentare

Heute ist die Karriereleiter auch meist recht kurz wenn man sich nicht den aktuellen Gesellschafts- und Geschäftsregeln unterwirft.