12.10.2017

Buch „Tollwut“ von Peter Stosiek aus Görlitz

Kann denn „Tollwut“ Verkündigung sein?

Mit seinem Buch „Tollwut“ schreibt der Görlitzer Mediziner und Theologe Peter Stosiek über eigene Erlebnisse, die unter die Haut gehen und eine Art Vermächtnis sind.


Peter Stosiek mit seinem Buch „Tollwut“. | Foto:  Raphael Schmidt


Im Buchhandel würde das Buch „Tollwut“ wohl als Fachliteratur angesehen und wenig beachtet liegen bleiben. Der promovierte und habilitierte Mediziner und Theologe aus Görlitz, Peter Stosiek, hat darin „Geschichte und Geschichten“ aufgeschrieben, wie der Untertitel heißt. An ein Buch hat Stosiek nicht gedacht, als er immer wieder mal die eine oder andere Geschichte notierte und sie Freunden schickte. „Es sollte ein Sammelsurium von Geschichten sein und bleiben. Vor einem Jahr habe ich eine der Geschichten einem Freund geschickt, einem Priester. Der schrieb zurück: Die ist ja toll – haben Sie noch weitere Geschichten? Er war die Initialzündung für dieses Buch“, sagt Stosiek.
Die 15 Geschichten haben es in sich, bieten ausreichend Stoff zum Nachdenken über das Mensch- und Christsein. Aber: „Verkündigung habe ich damit nicht beabsichtigt“, sagt der Autor. Und doch sind die Geschichten in einer gewissen Weise so etwas, zum Beispiel „Der Kommunist“: „Der Mann war ein Bonze. Ein großer Bonze, flüsterte mir jemand. Ein Hundertfünfzigprozentiger.“ In Moskau hat er studiert. Nein, die Religion müsse man nicht ausrotten – nach Lenin käme das „naturgesetzlich“, sagt er lächelnd. Als er erfuhr, dass in der Stalinzeit 30 Millionen umkamen „umgebracht im Namen des Sozialismus – das sind Massenmorde!“ bricht für ihn eine Welt zusammen. „Ich musste ihn trösten. Ich ihn“, steht in einer der 15 Geschichten. Kaum beginnt man eine von ihnen zu lesen, so steht man mittendrin in einer Szene und kommt nicht eher raus, bis man sie zu Ende gelesen hat.
Die Geschichten sind bei „konkreten Anlässen entstanden. Da hat beispielsweise jemand gesagt: Die Polen sind doch alle, ... in der DDR wurde man doch für jedes Wort, was nicht passte, eingesperrt. Das stimmte doch alles gar nicht – ich habe es doch anders erlebt. Dann setze ich mich mal hin und schreibe über meine Erlebnisse“, sagt der Autor.
„Das Messer“ - diese Geschichte „habe ich das erste Mal bei den Chirurgen vorgelesen, in der DDR noch, in der Berliner Charité“, sagt Peter Stosiek, der sich mit dem Aussprechen von Wahrheiten nicht nur Freunde gemacht hat – und das nicht nur bei Stalinisten. Aber damit lebt Stosiek bereits sein Leben lang – und das sind in diesem Jahr 80 Jahre.
„Die Einladung“: In dieser Geschichte wich die freudige Stimmung über die Einladung schlagartig der Ernüchterung, bis in das Tiefkühlfach, „als er abgewiesen wurde. Er wäre doch nie vorgegangen, wenn er nicht eingeladen worden wäre. Alle sind eingeladen, alle sollen kommen. Herrlich! Er wäre still in seiner Kirchen-Bank sitzengeblieben.“

Kriege darf es nicht mehr geben – mein Plädoyer
Die Themen der Geschichten reichen von der Medizin und Kirche im Arbeiter-und-Bauern-Staat, „mit allen wunderbaren, aber auch Schattenseiten“ bis hin zum Krieg: „Das Thema ist ja wieder ganz aktuell – Truppeneinsätze, auch deutsche, weltweit. Und damit verbunden die Frage: Können wir Kriege als Mittel der Politik überhaupt noch aufrechterhalten? Das geht doch nicht mehr: Kriege müssen verbannt werden! – wie die Unterdrückung, wie Sklaverei. Kriege darf es nicht mehr geben, das ist mein Plädoyer!“, sagt Peter Stosiek. „Ich hoffe auf die Macht des Wortes, der menschlichen Ideen und Visionen, dass dies – und wenn es noch 100 Jahre dauert - gelingt. Es braucht eine internationale Polizeitruppe, die von einem internationalen Gericht befehligt wird und Menschenrechtsverletzungen, Völkermord und ähnliches unterbindet. Und sonst nichts. Es darf keine Armeen mehr geben, mit all dem Säbelrasseln.“
Diese Worte klingen aus dem Mund  von Peter Stosiek wie sein wichtigstes Vermächtnis. Denn er hat erlebt, was Krieg anrichtet; auch darüber schreibt er in seinem Buch. „Tollwut“ ist wieder eine aus dem Bereich der Medizin. Einige kann er heute noch nicht vorlesen, „beispielsweise ,Das Schwein‘, da versagt mir die Stimme“, sagt der wortgewandte Mann, der Chefarzt in Cottbus und nach der Wende Hochschulprofessor in Halle war.
Über sein Buch reden will Peter Stosiek nicht. „Wenn einer ein Bild malt, eine Symphonie komponiert oder ein Buch schreibt, dann legt er ein Werk vor. Im Allgemeinen gibt man dazu keine Kommentare. Es muss aus sich selbst sprechen“, sagt er. Anders als zu DDR-Zeiten braucht man dieses Buch nicht über die Grenze schmuggeln zu lassen, wie den „VW-Käfer“ in einer der Geschichten. Das ist ein großer Vorteil!

„Tollwut“ ist im Radius-Verlag Stuttgart erschienen, hat 103 Seiten und kostet 12 Euro. ISBN 978-3-87173-345-1

Von Raphael Schmidt