17.08.2008

Blutzeuge der Wahrheit: Erinnerung an Dr. Bernhard Wensch Diözesan-Jugendseelsorger

Bernhard Wensch und sein Wirken ist nicht vergessen. Er gibt unseren Jugendlichen und uns allen mit seinem lebendigen Glauben, den er froh bekannte, Hoffnung und Zuversicht.
Und heute, 67 Jahre nach seinem Tod?
Unbekannte haben am 14.10.2008 seine Gedenktafel aus der Mauer der katholischen Kirche in Kamenz herausgerissen und entwendet.
Bernhard Wensch ermutigt uns, dass wir uns für das Reich Gottes einsetzen und dem Zeitgeist widerstehen. Die ihn erlebt haben und die sich heute mit seinem Wirken beschäftigt haben, denen bleibt er in lebendiger Erinnerung und Verehrung.
„Eine größere Liebe hat niemand, als wer sein Leben hingibt für seine Freunde" (Joh 15:13).
Bernhard Wensch wurde 1908 in Berlin als Jüngster von drei Söhnen geboren. 1918 übersiedelte die Familie nach Dresden. Er legte 1927 sein Abitur am König-Georg-Gymnasium ab. Als Schüler trat er in den Bund Neudeutschland ein und wurde später Führer des St. Benno-Gaus in Dresden. „Die rege Tätigkeit im Bund dürfte in ihm den Entschluss haben reifen lassen, Priester zu werden", so sein älterer Bruder. Theologie studierte er in Innsbruck. 1934 weihte ihn Bischof Petrus Legge im Bautzener Dom zum Priester.
Nach Kaplanszeit in Kamenz wird B. W. 1937 zum Jugendseelsorger der Diözese berufen. Er durchschaute die Propaganda des Nationalsozialismus und wollte seine Jugendlichen befähigen, gegen den Strom der Zeit zu schwimmen. Unermüdlich reiste er durch das Bistum, um in Kursen und Einkehrtagen zur Jugend zu sprechen und sie anzuspornen, im Glauben standhaft zu bleiben. Wenn die katholische Jugend Sachsens den inneren und äußeren Angriffen des NS widerstanden hat, dann ist es zumeist sein Werk.
Er rief immer wieder dazu auf: Nehmt aktiv am Gemeindegottesdienst teil. Es geht um in nere Haltung, Mitdenken, Mitbeten, Mittun. „Der Herr lasse dich wachsen inmitten Seiner Gemeinde, die dir Freude und Zuversicht gibt."
Am 19. 5. 1941 wurde er verhaftet. Anlass waren seine Rundbriefe, welche die Jugend ver vielfältigte. Ein solcher Brief lautete: „Sorgen wir, dass wir nicht taub werden. Wenn uns die Ohren gellen vom Lärm des Tages mit seinen Sensationen und Schlagern (...). Wenn der Herr käme, nicht im Brausen des Sturms, sondern im Säuseln des Windes! Wenn er uns riefe, nicht in den Kampf, sondern in die Stille! Wenn uns niemand ein Wort sagen könnte als nur die Stimme des Gewissens in uns! Sorgen wir, dass wir nicht müde werden! Wenn es tagaus, tagein das gleiche zähe Ringen gilt mit unserer Kleinheit und Halbheit, unter immer neuen Rückschlägen (...). Wenn wir allein stehen, wenn es in uns und um uns Nacht werden will! Gerade dann! Sorgen wir, dass der Herr uns wachend findet! Dass unser junges Leben ein Echo sei des Engelrufes, des Gottesrufes - Wer ist wie Gott" B. W.
Bernhard Wensch wurde zunächst in das Polizeigefängnis Dresden, nach Berlin Alexander platz und in das KZ Sachsenhausen gebracht. Schließlich kam er ohne Gerichtsurteil am 7. 11. 1941 in das KZ Dachau. Seine Häftlingsnummer war dann 28617. Nie klagte er, obschon er furchtbare Wochen hinter sich hatte. So schrieb er in einem Brief an seine Mutter: „Wenn du für mich bittest, dann bitte in dem Sinne, dass ich stets ein volles Ja sagen kann zu allem, was Gott schickt."
Der heute noch lebende Prälat Hermann Scheipers, damals Kaplan, schreibt: „Fast ein Jahr bin ich mit ihm zusammen auf der gleichen Stube im KZ gewesen und konnte ihn be obachten und kennenlernen wie selten einen Menschen. Alle hatten eine gewisse Ehrfurcht vor ihm. Er blieb bei allem Durcheinander, den Aufregungen, dem tollen Wirbel, den die SS inszenierte, immer ruhig und gefasst, froh und gesammelt. - Im Frühjahr 1942 begann für die Häftlinge eine sehr schwere Zeit. Der neue Lagerführer hatte es besonders auf die „Pfaffen" abgesehen. Den Priestern wurden anstrengende Außenarbeiten zugewiesen. Die körperlich Schwächeren brachen zusammen und starben. Als dann Hungertyphus und Ruhr sich ausbreiteten, traf es auch Bernhard Wensch.
Hermann Scheipers: „Eines Abends kam Bernhard Wensch heimlich in der Dunkelheit an den Stacheldraht des Invalidenblocks, wo die Todeskandidaten zu sammengezogen waren, und brachte mir das Kostbarste, das er verschenken konnte - seine Brotration für den Tag. Das waren etwa vier Scheiben Brot.
Wer in seinem Leben schon einmal wochen- oder monatelang praktisch von Wassersuppen leben musste, weiß, was das bedeutete. Ich hätte damals das Brot nicht annehmen dürfen. Aber ich ahnte nicht, wie schlimm es um meinen Mitbruder stand. Er litt an schrecklichem Durchfall und schenkte mir sein Brot, das einzige, was er in seinem Zustand noch essen konnte - er schenkte damit buchstäblich sich selbst -. Nur wenige Tage darauf, vom Hunger geschwächt, starb er. Es war am 15. August 1942, am Fest Maria Himmelfahrt.
Nie kann ich diese Tat reiner Liebe vergessen. Sie steht für mich in direktem Zusammenhang mit dem, was Christus für uns tat in seiner Hingabe am Abend vor seinem Tod."
Schon zuvor hatte sich Bernhard Wensch heroisch verhalten, so erinnert sich H. Scheipers. Er hatte unter Lebensgefahr den Mitbrüdem, die durch Stacheldraht getrennt waren, das Brot des Lebens, den Herrn, im heiligen Sakrament heimlich gebracht.
Bernhard Wensch äußerte gegenüber Scheipers einmal, dass er die schlimmen Tage in seinem Leben nicht missen möchte. Die ganze ungerechte bittere Haft schien wie selbstverständlich zu seinem Dienst und Amt im Reiche Gottes zu gehören.
Seine Mitbrüder aus Dachau sagten von Bernhard Wensch und dem ebenfalls dort inhaftierten Dresdner Kaplan, Alois Andritzki: Wir glauben, das waren Heilige.
Die Beisetzung der Asche von Bernhard Wensch, die man seiner Mutter in einer Pappschachtel übersandt hatte, erfolgte in der Priestergruft auf dem inneren katholischen Friedhof in Dresden am 23. 9. 1942. Sie gestaltete sich zu einer eindrucksvollen Kundgebung gegen allen Terror der damaligen Zeit. Viele brachten aus eigenem Antrieb rote Rosen mit, um zum Ausdruck zu bringen, dass hier ein Blutzeuge der Wahrheit seine letzte Ruhestätte fand.
Mit seinem Zeugnis, Widerstand und Martyrium steht er gegen den Geist der damaligen und, der heutigen Zeit. Das sollte gewürdigt werden. Aus der Erinnerung vieler Zeitzeugen und aus geschichtlichen Belegen tritt er mit seiner Haltung seit Jahren und Jahrzehnten immer wieder in den Blick der Öffentlichkeit.
Auch wir im Bund wollen uns in Gedenkstunden und Gottesdiensten seiner erinnern.
Der Todestag von Bernhard Wensch, der 15. August, ist kalendarisch als Gedenktag für ihn festgelegt.
In Erinnerung an Bernhard Wensch wurde 1946 in Dresden eine Straße nach ihm benannt und seit 2009 trägt in Kamenz eine Straße seinen Namen.
Die Gedenktafel für Dr. Bernhard Wensch wurde am 14. 10. 2008 aus der Mauer der katholischen Kirche in Kamenz von Unbekannten herausgerissen und entwendet..
Die Tafel zeigte ein Porträt des Jugendseelsorgers, der schützend seine Hand über den Köpfen einer Gruppe von Jugendlichen erhebt. Rechts davon ist ein SS-Mann zu sehen, links der Erzengel Michael. Die Szene fasst die Lebensleistung von Kaplan Wensch zusammen.
Die Gedenktafel stammt aus der Werkstatt des Kölner Künstlers Egino Weinert. In Kamenz war eine Kopie seines Werkes Das Original befindet sich im Winfriedhaus in Schmiedeberg, dem Jugendhaus der Diözese Dresden-Meißen. In Kamenz soll die Gedenktafel erneut angebracht werden.
Prälat Hermann Scheipers über seinen Mitbruder Bernhard Wensch:
„Das Größte aber an ihm war seine Liebe zu Christus, dem er sich in der Priesterweihe völlig geschenkt hatte. Auch davon haben wir etwas verspüren dürfen, wenn er mit uns gebetet hat während der Arbeit auf den Feldern. Auf dem Rückmarsch von der Arbeitsstelle kamen wir öfter an einem oberbayrischen Wegkreuz vorbei, und ich sehe noch heute, wie er das Bild seines Meisters mit dankbarem Blick begrüßte. Bis in die letzten Tage vor seinem Tod wankte er in seinem Schwächezu-stand in die hl. Messe, die uns Priestern seit 1941 gestattet wurde, um sich bei Christus die Kraft zu seinem Opferleben zu holen.
Als am 15. August die Nachricht kam, dass Bernhard Wensch gestorben sei, damals packte es mich mit ratlosem Schmerz: Warum, o Gott, hast Du das zugelassen? Mich lässt Du leben und er muss sterben l Warum müssen immer gerade die Besten fort?... Was hätte Dr. Wensch noch alles schaffen können im Dienste der Jugend! Wie hatte er mir doch erzählt von seinen Zukunftsplänen.
Aber Gottes Gedanken sind anders als unsere Gedanken und es mag auch für ihn eines schmerzhaft inneren Strebens bedurft haben, bis er erkannte: Gott braucht unsere Kräfte und Fähigkeiten nicht, bedarf nicht unserer Aktivität. Es gehört nicht zur Vollendung des Menschen vor Gott, dass er recht lange für ihn hat leben und wirken können. Für Gott kann man letztlich nicht kämpfen, für ihn kann man nur lieben. Er will unser Herz, die innere Bereitschaft für ihn, ganz gleich, welchen Weg er uns führen mag. Dieses innere Sterben vor Gott hat Dr. Wensch in heroischer Weise vollzogen."
Prälat Hermann Scheipers, geboren 1913, der immer wieder so überzeugend von der einzigartigen Haltung von Bernhard Wensch im KZ Dachau berichtet, lebt heute noch im Alter von 96 Jahren in seinem Heimatort Ochtrup in Westfalen. Er selbst hat das KZ Dachau, wo er mehrmals in Todesnot war, überlebt. Er konnte 1945 am Ende des Krieges auf dem letzten Todesmarsch der Häftlinge auf wunderbare Weise entfliehen und überstehen. Er war noch von 1946 bis 1979 als Kaplan und Pfarrer im Diasporabistum Dresden-Meißen tätig. - Wie er Zeugnis abgelegt, sich gegenüber vielen staatlichen Schikanen des damaligen DDR-Regimes behauptet und für seine Kirchgemeinden eingesetzt hat, ist hörenswert. Er nennt es „Gratwanderungen -Priester unter zwei Diktaturen".
Für das Leben von Hermann Scheipers und seine eindrucksvollen Berichte zu Bernhard Wensch sind wir dankbar.

Dr. Clemens Nartschik, Leipzig