29.10.2012

500 Jahre Reformation

Bischof Feige: Katholische Thesen zum Reformationsgedenken

Die Katholiken können aus Sicht des «Ökumenebischofs» der Deutschen Bischofskonferenz, Gerhard Feige, das 500-Jahr-Jubiläum der Reformation 2017 nicht «fröhlich» mitfeiern. Sie könnten und wollten sich «konstruktiv und kreativ mit der Reformation und ihren Folgen auseinandersetzen, empfinden die  Spaltung der abendländischen Kirche aber als tragisch», so Feige in Magdeburg. Aus Anlass des Reformationstags am 31. Oktober veröffentlichte er zehn «katholischen Thesen zum Reformationsgedenken 2017». Darin fasst der Magdeburger Bischof seine Sicht zum Stand der Vorbereitungen des protestantischen Großereignisses zusammen.

1. Ohne Zweifel bietet der 500. Jahrestag des „Wittenberger Thesenanschlags“ durch Martin Luther von 1517 – ob nun tatsächlich an der Schlosskirchentür angebracht oder per Brief verbreitet (in englischer Diktion: „nailed or mailed?“) – einen Anlass, in besonderer Weise darauf einzugehen. Dabei betrifft dies vor allem die evangelische Kirche lutherischer Tradition, aber auch die anderen Kirchen reformatorischer Prägung. Auf ihre Initiative hin wurde 2008 in Deutschland damit begonnen, sich durch eine „Lutherdekade“ auf die Feier des „Reformationsjubilä-ums“ vorzubereiten. Idee und Umsetzung sind in erster Linie also eine evangelische Angelegenheit. Da die Wittenberger Reformation aber auch zur Geschichte der katholischen Kirche gehört, ist diese von der evangelischen Seite inzwischen eingeladen, das Gedenkjahr 2017 mitzufeiern und schon vorher bei einzelnen Initiativen der Dekade mitzuwirken. Prinzipiell erscheint das nicht unmöglich, hängt jedoch davon ab, welchen Charakter die entsprechenden Veranstaltungen annehmen. Katholische Christen können und wollen sich durchaus konstruktiv und kreativ mit der Reformation und ihren Folgen auseinandersetzen, empfinden die damit zusammenhängende Spaltung der abend-ländischen Kirche aber als tragisch und sehen sich – jedenfalls bislang – nicht in der Lage, dies etwa noch fröhlich zu feiern. Darum verwenden offizielle Vertreter der katholischen Kirche auch zumeist nicht den Begriff „Reformationsjubiläum“, sondern sprechen stattdessen – der liturgi-schen Bezeichnung des 31. Oktober in der lutherischen Tradition folgend – vom „Reformations-gedenken“.

2. Wodurch wurde die Wittenberger Reformation ausgelöst und was hat sie bewirkt? Welches sind ihre Ursachen und worin bestehen ihre Folgen? Wie ist sie insgesamt und in ihren einzelnen Vorgängen zu deuten? Dazu gibt es nicht nur konfessionelle Voreingenommenheiten, sondern auch auseinandergehende wissenschaftliche Meinungen. Ist die Reformation – wie Ulrich Ruh jüngst „überspitzt formuliert – letztlich Sündenfall oder Heilsereignis, Zerstörung kirchlicher Einheit oder Startschuss für eine überzeugendere Form von Kirchesein“? Oder noch anders gefragt: Kann man die Spaltung der abendländischen Christenheit als Erfolg der Reformation ansehen, oder drückt sie nicht eher deren vorläufiges Scheitern aus? Und auch, was ihre geistes-, kultur- und sozialgeschichtlichen Auswirkungen betrifft, erscheint manche derzeitige Behauptung als tendenziös und nicht überzeugend. Da wäre es äußerst hilfreich, wenn es gelänge, konfessionell übergreifend zu einem möglichst gemeinsamen Verständnis dessen zu kommen, was sich da vollzogen hat. Erfreulicherweise hat sich der Ökumenische Arbeitskreis evangelischer und katholischer Theologen in Deutschland (der sogenannte „Jaeger-Stählin-Kreis“) ein solches Projekt vorgenommen. Der Lutherische Weltbund und der päpstliche Einheitsrat haben sogar schon angekündigt, dass sie sich in einem gemeinsamen Text zur Bedeutung der Reformation äußern werden.

3. Unabhängig davon ist zu beklagen, dass eine Trennungs- und Entfremdungsgeschichte mit unsäglichen Folgen ausgelöst wurde. Reformation und Gegenreformation haben zu polemischen und gewaltsamen Auseinandersetzungen geführt. Ursprünglich geistliche und theologische Anliegen wurden politisch instrumentalisiert. Unzählige kamen in Konfessionskriegen zu Tode. Typisch katholische und evangelische Milieus bildeten sich heraus. Flucht, Vertreibungen und Mobilität führten zu einer konfessionell gemischten Bevölkerung und neuen Problemen. Vielfach wurde es belastend, wie Mehrheiten mit Minderheiten umgehen. Bis in die Gegenwart hinein leiden einzelne Christen – vor allem in konfessionsverschiedenen Ehen und Familien – und ganze Gruppen an der Spaltung, verursachen konfessionalistische Verhärtungen schmerzliche Konflikte, misstraut und verletzt man sich manchmal immer noch gegenseitig. Das sollte nicht verdrängt oder beschönigt, sondern zur Kenntnis genommen und aufgearbeitet wer-den. 1965 haben Papst Paul VI. und der Ökumenische Patriarch Athenagoras nach intensiven Vorarbeiten bekanntgeben können, dass die wechselseitigen Bannsprüche von 1054 zwischen Vertretern der Kirchen von Rom und Byzanz „aus dem Gedächtnis und aus der Mitte der Kirche getilgt“ und „dem Vergessen anheim fallen“ sollen. Wäre es nicht an der Zeit, auch im katholisch-evangelischen Verhältnis eine „Reinigung des Gedächtnisses“ bzw. „Heilung der Erinnerungen“ anzustreben und ein konkretes Zeichen der Buße und der Bereitschaft zur Vergebung, der Umkehr und Versöhnung zu setzen? Im Kontaktgesprächskreis zwischen der katholischen Deutschen Bischofskonferenz und der Evangelischen Kirche in Deutschland gibt es Überlegungen, einen solchen Versöhnungsprozess anzugehen. Auch auf Gemeindeebene könnte es hilfreich sein, die konkrete Geschichte der evangelischen und katholischen Christen vor Ort mit ihren Konflikten und ihren positiven Erfahrungen zu erforschen, sich zu erzählen und geistlich zu bedenken.

4. Evangelische und katholische Kirche sind nicht mehr auf dem Stand des 16. Jahrhunderts, sondern haben sich weiterentwickelt. Einerseits profilierten sich beide Seiten in der nachreformatorischen Phase der Konfessionalisierung im Widerspruch zur anderen und wurden dadurch letztlich enger und ärmer, andererseits waren sie als „Kinder ihrer Zeit“ immer wieder auch auf einer Gratwanderung zwischen „Verweltlichung“ und „Entweltlichung“. Aufklärung und Restauration, Staatskirchentum und gesellschaftliche Demokratisierung sind nicht spurlos an ihnen vorübergegangen. Nicht alles, was heute als typisch protestantisch angesehen wird (z.B. Synoden), geht auf das frühe Luthertum zurück, und vieles, was in reformatorischer Zeit an der katholischen Kirche kritisiert wurde (z.B. der „Kauf“ von Ablässen), findet inzwischen keine Bestätigung mehr. Entgegen manchen kon-fessionalistischen Klischees, die zum Teil weiter bestehen, sollte man diese Veränderungen wahrheitsliebend und nachhaltig zur Kenntnis nehmen. Wichtige Anliegen Luthers sind durch das II. Vatikanische Konzil und seine Reformen ins katholische Bewusstsein und kirchliche Le-ben zurückgekehrt. Dazu gehören z.B. die Sicht der Kirche als „Volk Gottes“, das Verständnis der kirchlichen Ämter als Dienste und die tiefgreifende Überzeugung vom gemeinsamen Pries-tertum aller Gläubigen, aber auch die große Bedeutung, die dem Wort Gottes und der Heiligen Schrift wieder beigemessen wird, der Gebrauch der Volkssprache in der Liturgie und die grund-sätzliche Ermöglichung des sogenannten „Laienkelches“. Im Sinne dessen, dass sich die katholi-sche Kirche im Laufe des Konzils ausdrücklich darauf besonnen hat, eine „ecclesia semper reformanda“ – d.h. eine Kirche, die permanent der Erneuerung bedarf – zu sein, ist sie nicht etwa eine „Kirche der Reformation“ geworden; man könnte aber vielleicht – wie der Jesuit und Publizist Mario von Galli 1962 – davon sprechen, dass sie sich von der „Gegenreformation“ verab-schiedet und auf den Weg einer „Mitreformation“ begeben hat.

5. Verständlicherweise haben evangelische und katholische Christen über Jahrhunderte – auch in der Forschung – Martin Luther fast entgegengesetzt beurteilt: verherrlicht oder verteufelt. Bisweilen aber wurde der Reformator selbst im Protestantismus fast vergessen oder verdrängt. Seit Beginn des 20. Jahrhunderts bahnte sich jedoch eine neue Sicht Luthers an. Zunächst vollzog sich dieser Wandel in der evangelischen For-schung. Seine Person und sein Werk wurden jetzt nüchterner bewertet und auch in ihren Grenzen und negativen Auswirkungen bedacht. Zugleich entdeckte man neben seiner biblischen und patristischen Verwurzlung, wie sehr er doch auch mittelalterlichen Traditionen verbunden war, mit geprägt durch innerkatholische Reformbewegungen sowie spätmittelalterliche Mystik und Ordenstheologie. Infolge solcher differenzierterer Sichtweisen kamen bald auch katholische Forscher zu sachlicheren Deutungen des Reformators und seiner Anliegen. Entgegen früherer Polemik setzte sich immer mehr die Erkenntnis durch, dass Luthers ursprüngliche Intention nicht die Spaltung der Kirche gewesen war, sondern deren grundlegende Erneuerung aus ihrem biblischen Ursprung, eine Reform an Haupt und Gliedern. Dabei ist heute unumstritten, dass Luther nicht nur ein geistlicher Mensch war, sondern auch seine Ecken und Kanten hatte und oftmals recht „sperrig“ reagieren konnte. Dennoch liegt die Verantwortung für die damalige tragische Entwicklung bei allen Beteiligten. Die bislang wohl positivste, von evangelischen wie katholi-schen Theologen einer offiziellen hochrangigen Kommission auf Weltebene 1983 gemeinsam formulierte Würdigung Luthers sieht in ihm einen „Zeugen des Evangeliums, Lehrer im Glauben und Rufer zur geistlichen Erneuerung“. Und auch Papst Benedikt XVI. betonte bei seinem Besuch in Erfurt 2011, mit welcher tiefen Leidenschaft Luther sein Leben lang um Gott gerungen hat und dass sein Denken und seine ganze Spiritualität auf Christus ausgerichtet war. Insofern könnte er auch Katholiken theologisch und existentiell herausfordern.

6. Im Blick auf das Jahr 2017 geht es nicht nur um Glaubensfragen und theologische Überzeugungen. Eine Fülle sogenannter nichttheologischer Faktoren ist mit im Spiel: inner- und zwischenkirchlich, landes- und kommunalpolitisch, kulturell und wirtschaftlich. Verschiedene Akteure mit sehr unterschiedlichen Interessen und Erwartungen bteiligen sich an der Vorbereitung und werden erst recht im Gedenkjahr selbst mitwirken. Dazu gehören neben dem Lutherischen Weltbund, der EKD und einzelnen Landeskirchen nicht nur die östlichen Bundesländer Sachsen-Anhalt, Thüringen und Sachsen sowie die wichtigsten Lutherstädte – allen voran Wittenberg – mit ihren bedeutenden Luthergedenkstätten, manche Universitäten, Fakultäten und Institute, sondern auch zahlreiche Fremdenverkehrsverbände und Reiseunternehmen, Hotels und Gaststätten. Besonders große Hoffnungen, die Erinnerung an Martin Luther und die Reformation bestmöglich vermarkten zu können, macht sich die Tourismusbranche. Mit Nachdruck wird vieles durch politische und gesellschaftliche Verantwortungsträger un-terstützt. Gelegentlich ist dabei manch verwunderliche Liaison zwischen Staat und evangelischer Kirche wahrzunehmen. Einige sehen – vielleicht zu kritisch – die Gefahr, dass das Reformationsgedenken von nichtkirchlicher Seite zu sehr überformt und auf populistische Äußerlichkeiten reduziert werden könnte. Viele Initiativen, Vorhaben und Pläne mögen durchaus ihre Berechti-gung haben. Und doch fällt es bei alledem nicht immer leicht, herauszufinden, worum es 2017 eigentlich gehen soll? Da wäre es gut, evangelischerseits noch einiges klarer herauszustellen.

7. Anders als zur Zeit Luthers geht es inzwischen über den Osten Deutschlands hinaus weithin nicht mehr um einzelne und spezielle Fragen, wie man sich Gott und sein Wirken sowie das Verhältnis des Menschen zu ihm biblisch wohlbegründet vorzustellen habe, sondern grundsätzlich darum, ob es überhaupt einen Gott gibt oder nicht. Der geistesgeschichtliche und religiöse Kontext hat sich also gegenüber dem Reformationsjahrhun-dert wesentlich verändert. Viele Menschen können heutzutage mit dem christlichen Glauben in seiner kirchlich vermittelten Form – egal, ob katholisch oder evangelisch – nichts mehr anfan-gen und halten ihn für wirklichkeitsfremd oder sind sogar „religiös unmusikalisch“ und verstehen gar nicht, wozu so etwas im Leben gut sein soll. Eine „forcierte Säkularität“ hat sich breitgemacht. Andere Zeitgenossen hingegen setzen nicht nur auf materielle Dinge oder „Transzendenzen im Diesseits“, sondern scheinen durchaus auf der Suche nach mehr zu sein. Anzeichen eines „spirituellen Tourismus“ z.B. deuten darauf hin. Einige finden auch zum christlichen Glau-ben und lassen sich taufen. Auf diesem Hintergrund gewinnt das Gebet Jesu im Johannesevan-gelium (17,21-23) um die Einheit seiner Jünger, “damit die Welt glaubt... (und) erkennt, dass du (Vater) mich gesandt hast und die Meinen ebenso geliebt hast wie mich”, für alle Christen eine noch größere Dringlichkeit. Wer von unseren anscheinend religionsresistenten oder aber auch suchenden Mitbürgerinnen und Mitbürgern versteht noch, warum wir gespalten sind? Auf jeden Fall ist dieser Zustand kontraproduktiv und eine vielleicht heilsame Herausforderung, auf 2017 ökumenischer zuzugehen.

8. Was ist in dieser Hinsicht schon heute geplant oder bereits auf dem Weg? Neben der Absicht auf internationaler wie auf deutscher Ebene, jeweils zu möglichst gemeinsamen evangelisch-katholischen Deutungen der Reformation zu kommen, und dem Anstoß in Deutschland zu einem offiziellen Versöhnungsprozess gibt es auch noch ei-nige andere konkrete ökumenische Ideen und Vorhaben. So bereitet das Johann-Adam-Möhler-Institut in Paderborn zusammen mit dem Konfessionskundlichen Institut in Bensheim eine Publikation unter dem Titel „Was glauben wir als Christen“ vor, in der vor allem das Ge-meinsame beschrieben werden soll. Außerdem arbeiten das Paderborner Institut und das Öku-menische Institut des Lutherischen Weltbundes in Straßburg an einer katholisch-evangelischen Interpretation und Kommentierung der 95 Ablassthesen Luthers. Von der Ökumenekommission der Deutschen Bischofskonferenz verantwortet, wird eine Dokumentation von wichtigen Texten erstellt, die im Hinblick auf das Reformationsgedenken die ökumenische Öffnung der katholi-schen Kirche und den Fortschritt im lutherisch-katholischen Dialog erkennen lassen. Katholi-scherseits angeregt ist auch ein wissenschaftliches Symposion zu Martin Luther und zur Reformation, das im September 2014 in Erfurt stattfinden soll und durch die dortige Katholisch-Theologische Fakultät sowie das Johann-Adam-Möhler-Institut aus Paderborn organisiert wird. Zudem ist von der Deutschen Bischofskonferenz vorgeschlagen, 2015 – anlässlich des Themen-schwerpunktes „Reformation - Bild und Bibel“ innerhalb der Lutherdekade und des 50. Jahrestages der Verabschiedung der Dogmatischen Konstitution über die göttliche Offenbarung „Dei verbum“ – einen Kongress zu einem ökumenisch bedeutsamen bibeltheologischen Thema durchzuführen. Schließlich laden die deutschen Diözesen zum 21. November 2014 – in Erinnerung an die Verabschiedung und Promulgation des Dekretes über den Ökumenismus „Unitatis redintegratio“ beim II. Vatikanischen Konzil vor 50 Jahren – in ihre jeweilige Kathedrale zu ei-nem ökumenischen Gottesdienst ein. Auch dieses geistliche Zeichen soll angesichts des bevor-stehenden Reformationsgedenkens noch einmal deutlich zum Ausdruck bringen, dass die katho-lische Kirche sich unumkehrbar dazu verpflichtet hat, den ökumenischen Weg weiter zu be-schreiten und die volle Einheit im Glauben anzustreben. Selbstverständlich bieten solche Initiativen nicht nur einen Rahmen, ein Gerüst oder eine Anregung, sich mit vergangenen Ereignissen und Entwicklungen auseinanderzusetzen; in ihrer Absicht liegt es auch, den Blick für die Gegenwart zu schärfen und dazu Mut zu machen, sich geistvoll ihren Herausforderungen zu stellen.

9. Worin könnte dies in besonderer Weise seinen Ausdruck finden? Entgegen allen Selbstbespiegelungs- oder Profilierungstendenzen wäre es für die katholische und die evangelische Seite zunächst sicher entkrampfend, sich gegenseitig noch mehr im Lichte Jesu Christi zu betrachten und neidlos ins Wort zu fassen, was man aneinander schätzt und vielleicht sogar bewundert, worin man spezielle Begabungen erkennt und den Geist Gottes eindrucksvoll am Wirken sieht. Dabei würde bestimmt auch auffallen, was an der evangelischen Kirche katholisch und an der katholischen Kirche evangelisch ist, was man bewahrt, im Gegen- und Miteinander seit der Reformation wieder entdeckt oder von der anderen als Bereicherung empfangen hat. In diesem Zusammenhang erschiene dann Luther trotz aller Widersprüchlichkeit fast wie ein Scharnier zwischen beiden. Solche manchmal überra-schenden Einsichten und vertrauensbildenden Bekundungen könnten beflügeln, sich als einzelne Christen und als real existierende Kirchen gemeinsam noch bewusster und intensiver am Evangelium auszurichten und durch Jesus Christus als dem Grund unseres Glaubens und der Quelle unseres Heils erneuern zu lassen. Das erscheint als dringend nötig und war auch das zentrale Anliegen der Reformation. Ohne Umkehr zu Christus werden wir kaum an Glaubwürdigkeit und Überzeugungskraft gewinnen, um unserem missionarischen Auftrag für die Welt einigermaßen entsprechen zu können. Darin aber besteht – wie Papst Benedikt in Erfurt betont hat – „unser erster ökumenischer Dienst in dieser Zeit …, gemeinsam die Gegenwart des lebendigen Gottes zu bezeugen“. Das sollte uns auch anregen, mit unseren Zeitgenossen intensiver ins Gespräch zu kommen, verstehen zu wollen, wie sie denken und fühlen, sowie ihnen – wie Luther damals – „aufs Maul zu schauen“, das Evangelium neu zu „alphabetisieren“ und verständlicher vorzuleben. Wenn es also das wichtigste Anliegen des Reformationsgedenkens wäre, uns mit Jesus Christus als dem Gekreuzigten und Auferstandenen sowie untereinander tiefer zu verbinden, gemeinsamer oder einiger unseren Glauben zu verkünden und damit aller Welt ein Zeichen der Hoffnung zu geben, wenn es also gewissermaßen – wie Präses Nikolaus Schneider formuliert hat – ein „Christusjubiläum“ würde, könnten sich ökumenisch aufgeschlossene Katholiken inzwi-schen vorstellen, 2017 vielleicht doch nicht nur irgendein korrektes oder freundliches Grußwort zu sprechen, sondern sogar ein wenig mitzufeiern, vor allem aber kräftig mitzubeten.

10. Zu wünschen wäre schließlich noch, dass man unter ökumenischem Aspekt bezüglich des Reformationsgedenkens sich nicht nur auf die Beziehungen zwischen der evangelischen und der katholischen Kirche beschränkt oder sogar fixiert, sondern den Blick weitet und auch andere Kirchen und christliche Gemeinschaften einbezieht, vor allem im Rahmen der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen (ACK). Viele von ihnen sind ja ebenfalls durch das reformatorische Erbe geprägt oder von diesem herausgefordert worden und schon zumeist längere Zeit mit der evangelischen wie der katholischen Kirche sowohl bi- als auch multilateral verbunden. Da ist es fast selbstverständlich, dass dies seine Beachtung findet. Darüber hinaus drängen die fortschreitende Globalisierung und das Aufeinanderrücken der verschiedenen Weltreligionen und Kulturen zu einer gesamtchristlichen Selbstbesinnung. Auf Zukunft hin wird das Christentum im Dialog der großen Weltreligionen wohl nur ein ernstzunehmender Gesprächspartner sein, wenn es seinen verschiedenen Traditionen, Kirchen und Konfessionen gelingt, sich einheitlicher zu präsentieren und die spezifisch christliche Grundüber-zeugung symphonischer und markanter zum Ausdruck zu bringen. In dieser Hinsicht stehen das Reformationsgedenken von 2017 und die innerchristliche Ökumene am Beginn des 21. Jahrhunderts in einem völlig anderen Kontext als jemals zuvor.