30.11.2017

Welttag der Armen: Bischof Ipolt in Senftenberg

Bischof bedient Obdachlose

Am 19. November beging die katholische Kirche erstmals den Welttag der Armen. Papst Franziskus hatte diesen Tag ausgerufen. Bischof Wolfgang Ipolt besuchte Obdachlose in Senftenberg.


Am Welttag der Armen teilt Bischof Wolfgang Ipolt Zeit und Essen mit Obdachlosen bei der Caritas in Senftenberg. | Foto: Ute Mittermaier


Bischof Wolfgang Ipolt macht bedächtig das Kreuzzeichen und segnet mit wenigen Worten das Essen, bevor er zum Löffel greift. Die Männerrunde um ihn herum isst schon. Zuvor hat er jedem von ihnen den Teller mit warmer Suppe gefüllt. Die Männer kennen den Gast nicht. Sie schweigen, nehmen den freundlichen Fremden in ihrer Mitte auf und hören ihm aufmerksam zu.
Am gedeckten Tisch im Obdachlosentreff der Caritas nahe dem Markt in Senftenberg loben die sieben Männer die Kartoffelsuppe. Einer sagt: „Ist gut, dass wir die Caritas haben.“ Sie kommen täglich in den Tagestreff, wärmen sich auf, waschen sich, essen, spielen Karten, schauen fern, verbringen miteinander die Zeit, bevor sie am späten Nachmittag das etwa zwei Kilometer entfernte Obdachlosenheim zum Übernachten aufsuchen.
Bischof Wolfgang Ipolt erzählt von Papst Franziskus, der im Anschluss an das Jahr der Barmherzigkeit erstmals den 33. Sonntag im Kirchenjahr, den Sonntag vor Christkönig, zum „Welttag der Armen“ ausgerufen hat und ihn fortan begehen will. Franziskus will verändern – er will eine Kirche des Teilens. Dem Bischof ist es ernst um den Wunsch des Papstes. Wollen wir in der sakramentalen Kommunion wirklich Christus begegnen, dann müssen wir den gemarterten Leib der Armen berühren, so, angelehnt an die Worte des Papstes, die Intention des Bischofs im Vorgespräch.

„Nach der Wende haben sie alles kaputtgekriegt“
Seine Tischnachbarn spüren diesen Wunsch, haben keine Berührungsängste. Sie stammen aus Sachsen-Anhalt, Herzberg, Senftenberg, Finsterwalde. Sie waren einmal Metallformer, Industrie Mechaniker, LKW-Fahrer. „Nach der Wende haben sie alles kaputtgekriegt,“ sagt einer leise. Frauen haben sie nicht. Sie sind geschieden oder verwitwet. Kontakte zur Familie bestehen selten.
Die Wartburg in Thüringen kennen sie, die heilige Elisabeth nicht. Sie spüren, wie wichtig dem Gast die Schutzpatronin der Caritas ist, die als Fürstin im 13. Jahrhundert die Armen mit ins Schloss genommen, sie verköstigt, medizinisch gepflegt, ihren Reichtum weggegeben hat und mit 24 Jahren gestorben ist. Markus Eichelbaum am anderen Ende des Tisches sagt: „Eine meiner drei Töchter heißt auch Elisabeth.“
Roland Use sitzt neben dem Bischof. Er versichert ihm, dass ihn die AOK krankenversichert habe, so, dass er mit seinem kaputten Bein ärztlich versorgt sei und der Bischof sich keine Sorgen zu machen brauche. Man findet weitere Themen, dabei einige Gemeinsamkeiten. Auf ihr Alter angesprochen, entgegnet einer dem Bischof fröhlich: „Wir sind doch alle zwischen 60 und 70.“ Die wortkargen Männer werden gesprächig. Das Handy, mit dem der Benjamin unter ihnen beim Essen spielt, stamme noch aus seinen Ehezeiten, als die Frau Angst hatte, wenn er zu lange unterwegs war. Ohne Frauen gehe es auch, sind sich die Obdachlosen einig. Die Caritas helfe beim Waschen, teile ihnen das Geld ein, damit es bis zum Monatsende reicht.
Diplomsozialarbeiter Volker Hänneschen hilft mehr als 60 jungen obdachlosen Frauen und Männern in der Stadt, die bei Freunden unterkommen, aber Crystal Meth abhängig intensive Hilfe der sozialen Dienste beanspruchen. Die Frauen mit ihren kleinen Kindern haben im Hinblick auf elterliche Sorge, Aufenthalt und Umgang verantwortungsvolle Richter und Rechtsanwälte vor sich. Sie schützen einerseits die Kinder, wollen jedoch ihren Müttern nicht den Boden unter den Füßen wegreißen.
Inzwischen sind die Teller leer und die Männer gestärkt. Den ersten Welttag der Armen werden die Obdachlosen als einen besonderen Tag in Erinnerung behalten – und Bischof Ipolt auch. Gemeinsam haben sie ihn, so wie Papst Franziskus es angeregt hat, mit Leben erfüllt.

Von Ute Mittermaier