25.02.2016

Anstoss 9/2016

Berghütte statt Supermarkt – Kirche lebt vor Ort

Fleißig wird derzeit in vielen Diözesen Deutschlands an neuen Strukturen gearbeitet. Gemeinden bilden Verbünde oder werden zusammengelegt, um Kirche zukunftsfähig zu gestalten. Herbert Hasslinger, Professor für Pastoraltheologie in Paderborn, stellt dies in Frage.

In seinem Buch „Gemeinden - Kirchen am Ort“ betont Herbert Hasslinger, dass es nicht Aufgabe der Gemeinden sei, eine vermeintlich zukunftsträchtige Gestalt der Kirche zu unterstützen. Dies blende die Lebenswirklichkeit der Menschen schlicht aus.
All diese Großgebilde – ob sie nun „Seelsorgeeinheit“, „Verantwortungsgemeinschaft“, „Pastoraler Raum“ oder sonst wie heißen, würden nur auf dem Papier funktionieren. Das, was Pastoral heißt, passiere vor Ort, von Mensch zu Mensch, von Seelsorger zu Gemeindemitglied. Salopp gesagt: Bei der Bildung der neuen Strukturen passiert das Gleiche wie beim Wechsel vom „Tante Emma Laden“ zum Supermarkt. Es ist zwar alles vorhanden, aber der Bezug zur alltäglichen Lebenswirklichkeit fehlt.
Die Menschen spürten das, und so erzeugen die Umstrukturierungen Enttäuschungen und Frustrationen. Hasslinger stellt eine schlichte Rechnung auf: Selbst wenn man alle Personalreserven berücksichtigt, ergebe sich zukünftig für die Diözesen in Deutschland eine durchschnittliche Gemeindegröße von 3600 bis 5000 Katholiken. Hier sei eine Grenze erreicht, die der Seelsorge kaum zuträglich ist.Vom Ideal eines Gemeindelebens, sich gegenseitig kennender Menschen, könne man sich hierbei verabschieden. Die Seelsorger würden nicht mehr die sein können, die das ganze „Sammelsurium“ kirchlichen Handelns am Leben erhalten. Will Kirche nicht nur für die Menschen interessant sein, die noch zu ihr kommen, müsse hier entrümpelt werden.
Sein Fazit: Wenn an den Strukturbildungen festgehalten werde, geht die pastorale Praxis vor Ort zugrunde. Hasslinger setzt all dem ein sehr sympathisches Bild entgegen: Die Berghütte. Ihr Zweck ist es, Schutz, Rast und Stärkung zu geben. Genauso sollten Gemeinden feste, erreichbare, verlässliche Anlaufstellen an den alltäglichen Lebensorten der Menschen sein. Sie dürften nicht darauf aus sein, die Menschen an sich zu binden; ihre Aufgabe besteht darin, den Menschen zu helfen, den eigenen Lebensweg auf gelingende Weise zu gehen. Die Seelsorger in den Gemeinden müssten das, was die Menschen von ihnen für ihre Lebenswege erwarten können, bereithalten. Die einen werden diese Station „Gemeinde“ regelmäßig ansteuern, andere nur unregelmäßig. Aber alle Menschen hätten Anspruch auf diese Hilfe. Und sie müssen sich darauf verlassen können, dass sie in den Gemeinden vor Ort das vorfinden, was sie von Kirche brauchen. Nicht mehr und nicht weniger.
Guido Erbrich, Biederitz