27.11.2017

Exkursion des Kirchengeschichtskreises Dresden

Begegnung mit Erzbischof Nossol

Der Kirchengeschichtskreis der katholischen Akademie Dresden erkundete während einer Exkursion Oppeln und traf außerdem den emeritierten Erzbischof Alfons Nossol.



Im September fuhr der 1972 von Professor Franz Peter Sonntag als einer der vielen Kurse des Dresdner Oratoriums gegründete Kirchengeschichtskreis zu einer Exkursion nach Schlesien. Einige Teilnehmer der Fahrt hatten hier ihre familiären Wurzeln – es kam uns darauf an, Stätten gemeinsamer deutsch-polnischer Religiosität und Kultur zu besuchen, Zeichen der Versöhnung nach Krieg, Schuld und Heimatverlust so vieler unschuldiger Menschen auf beiden Seiten zu setzen. Ein Höhepunkt unserer Begegnungen war ein Treffen mit dem emeritierten Erzbischof von Oppeln/Opole, Alfons Nossol, in Groß Stein/Kamien Slaski wo er heute seinen Wohnsitz hat.

Unsere Busfahrt begann frühmorgens am Dresdner Hauptbahnhof. Schon mittags waren wir im ehemals bedeutenden Handelszentrum Brieg/Brzeg im Kreis Opole, wo uns eine Führung durch das mittelalterliche Schloss der Piastenherzöge und ein Stadtrundgang erwarteten. Das Schloss war vom 14. bis 17. Jahrhundert Residenz dieser berühmten polnischen Fürstendynastie.  Auf der Weiterfahrt  besichtigten wir noch die Fresken der Marienkirche in Mollwitz. Am Abend erreichten wir unser Ziel in Großstein. Wir bezogen unsere Zimmer im Schloss und konnten zu den Mahlzeiten, die in schlesisch-polnischer Vorzüglichkeit vorbereitet waren, ins Kneipp-Sanatorium auf dem gleichen Gelände hinübergehen. Nach dem Abendbrot nahm sich Erzbischof Nossol zwei Stunden Zeit für uns.

Ein großgewachsener, schmaler, äußerst lebendiger älterer Herr

Lebhaft in Mimik und Gestik erzählte er uns von seiner Arbeit für Versöhnung in Schlesien, dem „Land des denkenden Herzens und des liebenden Verstandes“, von seinem Einsatz für Groß Stein/Kamien Slaski. Die Ortschaft, bereits Anfang des 12. Jahrhunderts als Sitz polnischer Fürsten, hatte eine wechselvolle Geschichte. Das Schloss verdankt sein Aussehen heute dem 18. Jahrhundert. Letzter Besitzer war die Familie von Strachwitz.
Die Zerstörungen in Krieg und Nachkriegszeit setzten dem Anwesen so zu, dass ein Wiederaufbau aussichtslos erschien. 1990 schließlich erwarb das Schloss samt Grundstück die Diözese Opole.
Mit Unterstützung der Stiftung für Deutsch-Polnische Zusammenarbeit gelang es Erzbischof Nossol in nur vier Jahren  das Schloss als Tagungshotel der Universität Oppeln wieder aufzubauen und so eine internationale Begegnungsstätte zu schaffen. Aus den Nebengebäuden entstand trotz vieler Widerstände  das Sebastianeum, ein Kneipp-Sanatoriums, das polnischen wie deutschen Kurgästen dient und so zur Gesundheit, Begegnung, Verständigung und Versöhnung beitragen soll: „Ich war immer schon überzeugt, dass die Seelsorge –  wenn sie im biblischen Sinne verstanden wird – nicht nur auf die Seele beschränkt bleiben darf. Sie muss sich um den ganzen Menschen kümmern.“ Der Erzbischof erzählte freundlich, engagiert und unaufgeregt, aus seinem Leben, von seinem Dienst und von seinen Zielen. Aus einfachen Verhältnissen stammend, als fünftes von acht Geschwistern, erlebte er als Kind in der Nazi-Zeit, dass die Eltern einfallsreich versuchten, trotz eigener Gefährdung jüdischen und russischen Gefangenen mit Brot und Butter zu helfen. Als 12-jähriger Ministrant half er gegen ein russisches Verbot, heimlich nachts getötete Hitler-Jungen auf dem Friedhof christlich zu begraben. Er leitete auswendig das lateinische Begräbnisritual, denn es gab keinen Pfarrer am Ort. „Nach Jahren, als ich mir meine Berufung überlegte, erinnerte ich mich an jene Beerdigung. Und ich stellte fest, dass in manchen Situationen niemand dem Menschen so helfen kann wie ein Priester,  dass man als Priester ein Humanist sein und den Menschen nach Möglichkeit helfen müsse, unabhängig davon, unter welcher Fahne sie gerade marschieren.“  
Als nach dem Krieg die meisten Deutschen aus Schlesien geflüchtet waren oder dann später nach Deutschland ausreisten, blieb die Familie in Schlesien, und Alfons musste die polnische Schriftsprache erlernen. Der Dorfschüler hatte es schwer am Gymnasium in der Stadt. Während der Studienzeit an der Katholischen Universität Lublin erlebte der junge Nossol mit Begeisterung das II. Vatikanische Konzil, die Öffnung der Kirche zur Welt. Er habilitierte sich mit einer Arbeit über den evangelischen Theologen Karl Barth, dessen Christuszentriertheit ihn beeindruckte. Schmerzlich für ihn war, dass ihn der berühmte Primas von Polen, Kardinal Wyszynski, nicht zum Pfarramt, sondern zum Wissenschaftler und schließlich zum Bischof ausersah. In beiden Ämtern arbeitete er für eine Kirche der Offenheit, der Begegnung und des versöhnten Miteinander. Maßgeblich beteiligt war er daran, dass in Opole eine Universität gegründet wurde, in der humanistische und theologische Fächer sich ergänzen. Mit den staatlichen Behörden des sozialistischen Polen kam er dank seiner Gradlinigkeit oft gut zurecht und erreichte meistens seine Ziele. Wichtig war ihm, als Bischof zum Zusammenhalt der Menschen im Oppelner Land beizutragen. Da waren schlesisch-stämmige Polen und Deutsche, dazu waren seit 1945 vertriebene Polen aus dem Osten gekommen. Auch gab es bald wieder Wallfahrer aus beiden deutschen Staaten auf dem Annaberg. Zunächst durfte der Gottesdienst nur in polnischer Sprache gefeiert werden. Erst 1989 erreichte der Bischof in geduldigem Bemühen die Zweisprachigkeit in der Liturgie. Sein Grundsatz ist: „Der Dialog, der als eigentliche Muttersprache der Menschheit gilt, ist gleichzeitig die bedeutende Schule des Menschseins. Er trägt dazu bei, aus Feinden Gegner zu machen, und Gegner allmählich Freunde werden zu lassen.“ Wegen seines Einsatzes für Versöhnung wurde er von vielen Seiten angegriffen, besonders von jungen Nationalisten und Katholiken aus dem rechten Spektrum. Dazu sagt er mahnend: „Für die Ideologie ist sozusagen das ETWAS wesentlich. Für den Glauben ist es JEMAND. Wichtig ist der Dialog zwischen den Menschen, zwischen Mensch und Gott. … Selbst ein Glaube, der zur Ideologie wird, endet letztlich auf dem Scheiterhaufen.“  
Von großer Bedeutung ist für den Erzbischof auch die Ökumene, denn sie „trägt erheblich zur Versöhnung und Verständigung in der Welt bei. Die Kirchen gründen auf dem Evangelium. Und das Evangelium ist die große Schule des Dialogs. … Zur echten Einheit verpflichtet uns die Verfassung des Christentums, das Evangelium. Christus hat uns ein deutliches Testament hinterlassen: Vater, lass sie eins sein, damit sie glauben, dass du mich gesandt hast. – Ohne die Einheit wird die Welt nicht glauben können.“ Auf die Frage, was die einzelnen Kirchen von einander lernen können, antwortete Alfons Nossol: „Wir alle haben einander viel anzubieten. Die Katholiken können stolz sein auf ihre Offenheit gegenüber anderen. Wir brauchen aber mehr evangelische Tiefe, die sich auf Christus, auf das Kreuz und auf die Heilige Schrift konzentriert. Von den Orthodoxen können wir dagegen eine Dynamik lernen, die für den Heiligen Geist offen ist. In der katholischen Kirche haben wir den Heiligen Geist vernachlässigt. Unsere Brüder im Osten heben viel mehr die Tatsache hervor, dass alles, was sich in der Kirche ereignet, in den Heiligen Geist eingebettet sein sollte. Alle Christen benötigen daher mehr katholische Breite und Weite, mehr evangelische Tiefe und mehr orthodoxe Dynamik aus der Kraft des Heiligen Geistes.“  Die erste und wichtigste Haltung in der Ökumene nennt der Bischof „die immer tiefere Bekehrung zu Christus hin.“
Fast zwei Stunden Zeit nahm sich der Bischof für den Kirchengeschichtskreis, erzählte, beantwortete Fragen, zugewandt und humorvoll, dabei mit tiefem Ernst in seinen Anliegen.
Für viele von uns war diese Begegnung ein Höhepunkt unserer Exkursion.
Der nächste Tag führte uns nach Neiße/Nysa, wo wir zuerst von Prälat Mroz im Dom und in der  Domschatzkammer geführt wurden, freundlich, in deutscher Sprache wurden wir immer wieder auf das uns Verbindende in Geschichte und Gegenwart hingewiesen. Am Nachmittag folgte eine interessante Stadtführung und mit dem Besuch am Grab des schlesischen Dichters Joseph von Eichendorff endete der Besuch in Nysa.
Am Sonntag feierten wir mit einem jungen polnischen Priester in der barocken Schlosskapelle des heiligen  Hyazinth (Jacek) mit frohem Herzen die Eucharistie. Dann ging es zu Oberschlesiens wichtigstem Wallfahrtsort, dem Annaberg/Gora Swietej Anny, der so oft in den Nachkriegsjahren und im sozialistischen Polen zum Zankapfel zwischen den Nationalitäten geworden war. Am Nachmittag besichtigen wir Oppeln, die alte Hauptstadt der Piastendynastie, und erfuhren von der glänzenden mittelalterlichen, dann wechselvollen Geschichte der Stadt. Die Kathedrale zum Heiligen Kreuz mit seiner interessanten Bronzetür aus dem Jahr 1997 war krönender Abschluss unserer Besichtigung und bei genauem Hinsehen konnten wir auch hier den Erzbischof entdecken, der am 4. November in Görlitz den deutschen Brückenpreis erhielt.
Der Rückreisetag ermöglichte uns einen Abstecher nach Trebnitz/Trzebnica in die bekannte Wallfahrtskirche zum Grab der heiligen Hedwig und später eine Führung durch das ehemals riesige Zisterzienserkloster Leubus/Lubiaz, das nach den Zerstörungen und Umnutzungen in der Kriegs- und Nachkriegszeit zum überwiegenden Teil noch restauriert wird. Auch hier unterstützt die Stiftung für Deutsch-Polnische Zusammenarbeit finanziell.
Trotz der intensiven Eindrücke während unserer Exkursion blieb das Interesse bis zuletzt ungebrochen.

Von Angelika Klapper