20.07.2017

Sommerserie 2017

Augenblicke der Seelenruhe

Die diesjährige Tag des Herrn-Sommerserie stellt Ausflugsziele in der Region vor. Teil 2 führt vom Kreuz an der Neiße-Oder-Mündung, quer durch Zisterzienser-Land über Neuzelle, bis hin zum Kreuz der Pfarrkirche in Beeskow.


Ein Kreuz steht auf der Landzunge, an der die Neiße in die Oder mündet. | Fotos: Raphael Schmidt


„Für jeden, der Angst hat, einsam oder unglücklich ist, ist es bestimmt das beste Mittel hinauszugehen, irgendwohin, wo er ganz allein ist, allein mit dem Himmel, der Natur und Gott. Dann erst, nur dann, fühlt man, dass alles so ist, wie es sein soll, und dass Gott die Menschen in der einfachen und schönen Natur glücklich machen will. Solange es das noch gibt, und das wird es wohl immer, weiß ich, dass es unter allen Umständen auch einen Trost für jeden Kummer gibt. Und ich glaube fest, dass die Natur viel Schlimmes vertreiben kann“, schrieb Anne Frank am 23. Februar 1944 in ihr inzwischen weithin bekanntes Tagebuch.
Der Ausflugsweg beginnt in Ratzdorf. Das ist der Ort zwischen Guben und Eisenhüttenstadt, in dem die Neiße, nach fast 550 Kilometern seit ihrer Quelle ihre Eigenständigkeit und ihren Namen verliert, indem sie in die Oder fließt. Auf der Halbinsel zwischen den beiden Flüssen steht ein großes Holzkreuz. Es soll zur Versöhnung von Deutschen und Polen mahnen. Die Idee dafür hatte Karin Wolff aus Neuzelle von einem Besuch im bayerischen Niederaltaich mitgebracht. Zum Alt-Abt des dortigen Benediktinerklosters, Emmanuel Jungclaussen, der aus dem nahen Frankfurt/Oder stammt, hatte sie gute Kontakte. Dieser Abt hatte 1995 ein etwa drei Meter großes Kreuz an der Donau aufgestellt – als Einladung an die Menschen zu Begegnung und Gebet.

Altarraum der Stiftskirche Neuzelle

Natur war zerstört, das Kreuz blieb stehen
Das Kreuz an der Neiße/Oder erinnert an das Hochwasser von 1997, das einen großen Teil der Natur in dieser Region zerstörte, das Kreuz jedoch nicht ins Wanken brachte. „Allein mit der Natur und Gott“ führt der Weg entlang der Oder-Niederung in nördliche Richtung, in den wenige Kilometer entfernten Wallfahrtsort Neuzelle. Es ist das Geistliche Zentrum des Bistums Görlitz. „Diese Wände atmen zisterziensisches Leben“ sagte Zisterzienserpater Kilian Müller aus dem Stift Heiligenkreuz bei Wien nach einem Besuch in Neuzelle im vorigen Jahr. Er und drei weitere Mönche werden ab September in Neuzelle leben und dem Ort und der Region durch ihre Gebete in der Stiftskirche wieder mehr zisterziensischen Atem einhauchen. „Allein mit dem Himmel und Gott“ sind nicht nur die Mönche. Neben den vielen Touristen finden sich in der Ruhe der Stiftskirche immer wieder Menschen zu Gebet und Meditation ein. Die Bilder und Statuen in diesem barocken Gotteshaus, in unterschiedliches Licht getaucht, laden zum Verweilen ein. Auf dem Stiftsplatz, gegenüber der Kirche, gibt es ein neues Museum. Zu den bedeutendsten Kunstwerken der Ausstattung des Klosters Neuzelle gehören die Neuzeller Passionsdarstellungen. Europaweit gelten sie nach Umfang, Größe und künstlerischer Qualität als einzigartig. In einem gro-ßen Raum unter der Erde (auch U-Bahn-Station von Neuzelle genannt) werden einige der Passionsdarstellungen, von diffusem Licht angestrahlt, gezeigt.
Der Weg führt entlang der Oder weiter nach Norden. Etwa acht Kilometer entfernt liegt Eisenhüttenstadt mit seinem alten Teil Fürstenberg. Sticht man auf alten Karten, auf denen der Grundbesitz des Zisterzienserklosters Neuzelle eingezeichnet ist, an diesem Ort die Zirkelspitze in die Karte, spannt den zweiten Zirkelschenkel nördlich von Guben und etwas südlich von Frankfurt/Oder und beschreibt im Westen einen Halbkreis, dann hat man diesen früheren Besitz des Ordens in etwa umrissen. In Müllrose im Nordwesten endet das Gebiet. Von dort aus, im Westen, begrenzt es der Fluss Schlaube.
Von Neuzelle geht es durch Wälder und entlang von Feldern, südlich der Bundesstraße 246, in das Schlaubetal. „Nur 90 Kilometer von der Hauptstadt Berlin entfernt, in süd-östlicher Richtung, finden Sie das wohl schönste Bachtal Brandenburgs. Ein Urlaubsparadies, in dem Sie sich erholen und entspannen können. Erleben Sie unberührte Natur in ihrer ganzen Artenvielfalt und herrlich erfrischende Seen, die die Schlaube auf ihrem Weg durch das gleichnamige Bachtal wie eine Perlenkette aufreiht. Hier erwartet Sie ein idealer Standort für Freizeit und Erholung“, so ist es auf www.schlaubetal-online.de zu lesen. Und dort findet sich auch folgender Spruch: „Ein Augenblick der Seelenruhe ist besser, als was du erstreben magst. (Sprichwort aus Persien)“ Wer dieses idyllische Tal durchwandert hat, durch Wälder mit Vogel-Konzerten, entlang von frischen Bächen und Seen, kann allein sein mit dem „Himmel, der Natur und Gott“. Denn mitunter begegnet man (außerhalb der Ferien und innerhalb der Woche) dort keinem Menschen. „Augenblicke der Seelenruhe“ können dazu verwendet werden, sich den Sonnengesang des Franziskus vor Augen zu führen und auf das Schlaubetal zu übertragen: „Gelobt seist du, mein Herr, mit allen deinen Geschöpfen, besonders dem Herrn Bruder Sonne, der uns den Tag schenkt und durch den du uns leuchtest. Und schön ist er und strahlend in großem Glanz: von dir, Höchster, ein Sinnbild.“ Franziskus hat diese Zeilen vermutlich Ende 1224 oder Anfang 1225 geschrieben, als er schwerkrank in San Damiano bei Assisi lag. Das Kloster Neuzelle wurde zur gleichen Zeit, im 13. Jahrhundert, gegründet. Zisterziensisches Leben existzierte dort von 1282 bis 1429, als die Hussiten in Neuzelle einfielen, die Mönche ermordeten und das Kloster zerstörten, weiß Winfried Töpler zu berichten. Der Bistumsarchivar, der aus Neuzelle stammt, sagt: „Zisterzienser waren nicht vordergründig auf Glaubensverkündigung aus, sondern haben Glauben vorgelebt.“

Blütezeiten für den christlichen Glauben
Und er bezeichnet die Zeiten, als Zisterziensern dieses Gebiet unterstand, als „Blütezeiten für den christlichen Glauben“. Damit verbunden war auch der sorgsame Umgang mit der Schöpfung und deren Bewahrung. Energie wurde beispielsweise auf dem Klostergebiet damals schon mit Wind und Wasser erzeugt, indem Mühlen gebaut wurden. Davon, wie von der Fischzucht, die eingebettet ist in die Natur – wie die Forellen-Anlagen an Bächen – können sich Besucher des Tales überzeugen.

Pfarrkirche in Beeskow

Das letzte Ausflugsziel ist die Pfarrkirche von Beeskow, die nach einer Umgestaltung im Jahr 2011, bei der ein neuer Altar und ein neuer Ambo in das Gotteshaus eingebaut wurden, auch eine neue Ausmalung der Apsis erhielt. Das dreiteilige Glasfenster und das davor von der Decke hängende Kreuz hatte der Glaskünstler Helge Warme bei der Gestaltung der Altarwand zu beachten. Er erklärt: „Mit dem goldgelben Licht der Fensterverglasung aus den 1930er Jahren erfährt der Apsisraum nun noch eine herausragende Rolle durch den sprichwörtlich goldenen Funken. ,Licht schafft Raum‘ – mein Slogan – ist hier in besonderer Eindeutigkeit ablesbar. Mit der Fortführung der grafischen Binnengestaltung der Glasflächen auf der Wand werden die Kreise zum Ganzen gefügt. Dabei wechseln Linien der Bleiruten zu sanften Farbflächenbegegnungen auf der Wand. Die Farbigkeit strahlt goldgelb aus dem Zentrum und wird im blauen Apsisraum empfangen. Gelbleuchtendes Farblicht wechselt zu sanft schwingendem Blau. Dabei verbinden Blaupartien im Glas und gelbe Bereiche auf der Wand einander“, so Helge Warme, der seine Arbeit nicht nur technisch betrachtet: „Durch die Glasgestaltung symbolhaft und dadurch dinglich festgelegt bildet die Taube, als Heiliger Geist, das Zentrum. Aber durch das Schwingen der konzentrischen Kreise gelangt der ,Goldene Funken‘ bis in diesen Raum und versinnbildlicht Gottes Gegenwart bei seiner Gemeinde. Mit dem Kruzifix, der Taube,  Gottvater im Blau der Apsis und dem Irdischen der braunen Glasfarben – der Himmel und Erde erschaffen hat – lässt sich auch die Dreifaltigkeit erkennen“.

Von Raphael Schmidt