11.05.2017

Anstoss 19/2017

Augen auf!

Als ob ich mir eine Mütze überziehe, so lässt sich der mannshohe Kokon an zwei Haltegriffen zum Boden führen. Darunter ist alles ganz dunkel.


Das Projekt „Kunst und Kirche“ in Berlin stellt derzeit drei große Kokons in St. Christophorus aus, die von der Decke im Seitengang hängen. Das Material: handgefilzte Schafwolle. Die Größe: etwa so groß wie die größte Turmglocke. Es lässt sich bequem darunter stehen. Die Vorlage zur Idee: eine Mediationshütte. Der holländische Künstler ist Buddhist. Ton van der Laaken hat sich im Garten einen  Ort geschaffen, um täglich zu meditieren. Seine Erfahrungen möchte er teilen. Mit der Skulptur des Kokons setzt er sie praktisch um.
Zugang: Jeder Besucher zieht zuerst die Schuhe aus. Aha, denke ich gescheit, also betrete ich heiligen Boden! Dann hockt man sich bequem hin. Bei der Vernissage macht der Künstler auf mich einen innerlich freien Eindruck. Alle hören ihm aufmerksam zu, als er den Effekt beschreibt, den die völlige Dunkelheit innerhalb des Kokons auslöst.  „Am besten bleibt das Handy draußen und du lässt die Augen offen. So verharrst Du. Wartend. Gedanken kommen und gehen. Ich höre weiter die Geräusche der Umgebung. So ist es ja auch im Alltag. Wir sind mitten drin, aber ich bin im Abstand zum Drama. Das Zeitgefühl wird relativ. Ich bekomme eine Ahnung von Ewigkeit.“
Augen auf! Die Vorstellung völliger Finsternis hat mich schon als Kind erschreckt. „Mehr Licht!“ – das waren angeblich  die letzten Worte Goethes. Licht bedeutet Leben. In der Pflanzen- und Tierwelt ebenso wie für unsere Gesundheit an Körper, Geist und Seele. Wenn die Sonne scheint, steigt auch mein Stimmungsbarometer. Nun in der Finsternis mit offenen Augen zu verweilen bedeutet, Kontrolle abgeben. Hier liegt meine persönliche Provokation. Abwarten, was passiert. Ich ahne es. Noch habe ich es nicht ausprobiert, diese Kokon-Erfahrung.
Mancher, der das Experiment gemacht hat, war begeistert. Die einen fanden den ruhigen Moment. Die anderen konnten plötzlich ein inneres Licht zu sehen. Hm. Ein Licht, das von innen nach außen strahlt? Einerseits möchte ich mich darauf einlassen. Andererseits „weiß“ ich, dass es nicht um eine äußere Erleuchtung geht, sondern um ein inneres Feuer. Das Licht von Gott in jedem Menschen. Lebenslicht, das mich erneuern, aufbauen, umkehren lassen will. Nun, die Ausstellung dauert noch zwei Monate.  Es ist ein besonderer Spirit, in die Kirche zu kommen, die Kokons am Boden und Schuhe davor. Ging Moses nicht auch regelmäßig in ein Offenbarungszelt  (Ex 33,7)?!

Lissy Eichert, Berlin