14.12.2017

Anstoss 50/2017

Auch wenn alles zum Heulen ist ...

„Scheiß Weihnachten!!!“ Ganz unvermittelt zischte dieser emotionsgeladene Ausbruch durch den weihnachtsdekorierten Eingangsbereich eines Möbelhauses.


Mit Wucht traf er auf die Fülle an Laternen, Baumkugeln, Weihnachtswichteln, Rentieren, Kerzen, glitzernden Girlanden und all das, was weihnachtliches Flair ins heimische Wohnzimmer zaubern soll. Zu diesem Zwecke und weil Weihnachten vor der Tür stand, war alles hochdekoriert worden, um die Kundschaft in weihnachtliche Stimmung und die damit einhergehende Kauflaune zu versetzen.
Ich sah mich um, bei wem wohl dieser Versuch gründlich danebengegangen war, dass er sich zu so einem verbalen Ausbruch hatte hinreißen lassen. Ich war überrascht: eine zierliche Frau, so Mitte 30, im Schlepptau ein etwa acht oder neun Jahre altes Mädchen, das wahrscheinlich ihre Tochter war. Mich hatte ihr aus tiefstem Herzen geschleudertes „Scheiß Weihnachten“ getroffen. Ich empfand es wie eine Gotteslästerung, was natürlich Quatsch war. Vermutlich war sie wie die Mehrheit der mitteldeutschen Bevölkerung nicht christlich sozialisiert, hatte keine Ahnung vom christlichen Sinn und Gehalt des Weihnachtsfestes. Vielleicht aber hatte  sie Probleme, die ihr das Herz schwer machten. Vielleicht sollte ihr Betrieb zum Jahresende dicht gemacht werden, vielleicht waren selbst bescheidene Wünsche ihres Kindes zu groß für ihren Geldbeutel, vielleicht hatte ihr Mann sie verlassen. Es gibt so viele Gründe, warum Weihnachten feiern gefühlsmäßig mindestens so weit entfernt ist wie die Erde vom Mond. In der Welt gibt es so vieles, das mit einer Stillen Heiligen Nacht nicht kompatibel ist.
Auch im näheren Umfeld oder sogar im persönlichen Leben gibt es Dinge, Situationen, die einem das Herz schwer machen. Und doch gibt es einen Grund zur Freude. Nämlich, dass genau in diese, nicht heile, Welt Gott seinen Sohn gesandt hat. Der leiderfahrene Apostel Paulus legt es den Philippern respektive uns eindringlich ans Herz: Freut euch! Ihr habt allen Grund dazu. Der Herr ist nahe! Jedem. Und besonders dann, wenn eigentlich alles zum Heulen ist.

Andrea Wilke, Erfurt