16.06.2017

Anstoss 24/2017

Arm dran

Wenn kein Geld für Eis mehr da ist, muss das Kind arm sein. So schlussfolgerte ein Journalist in einem Zeitungsartikel, den ich vor ein paar Tagen gelesen habe. Ich kann mir nicht helfen, aber irgendwie ist mir das zu einfach.


Wann ist ein Kind arm? Kann man Armut wirklich nur daran messen, welche finanziellen Mittel zur Verfügung stehen? Um im Bild zu bleiben: Reicht es, wenn genügend Geld für ein Eis da ist?
Ich kenne einige Kinder, die Geld haben und trotzdem würde ich sagen, sie sind arm. Um nicht falsch verstanden zu werden: In unserem reichen Land sollte jedes Kind haben, was es zum Leben braucht. Aber was das bedeutet, daran scheiden sich die Geister. Es reicht nicht, diese Frage mit Forderungen nach einer Erhöhung des Kindergeldes zu beantworten.
Reich oder arm hat etwas mit der Situation zu tun, in der ein Kind aufwächst. Hat es eine Familie oder wird es zwischen verschiedenen Interessen hin und her geschoben? Hat es Eltern, die Zeit haben und sich Zeit nehmen? Sind die Eltern den lieben langen Tag damit beschäftigt, ihrem Kind jeden Wunsch von den Augen abzulesen? Oder lernt es bei ihnen, dass die Welt kein Schlaraffenland ist, in dem alle Wünsche in Erfüllung gehen müssten. Haben die Kinder Unterstützung auf der Suche nach ihren eigentlichen Träumen und Wünschen?
Ein Bild geht mir nicht mehr aus dem Kopf. Wir feiern einen Familiengottesdienst auf der grünen Wiese. Ein kleiner Junge hat außer seinem kleinen Drachen Kokosnuss nichts dabei. Während der Predigt schnappt der kleine Junge gedankenverloren seine Sandale. Sie wird zum Schiff, in dem der kleine Drache über das Meer der Picknickdecke segelt und jede Menge Abenteuer erlebt. Er hat Glück. Niemand fragt ihn, ob er ein Eis essen oder mit der Sommerrodelbahn fahren möchte. Niemand erzählt ihm, dass er gerade einen tollen Kinofilm verpasst oder in den Zirkus könnte.
Der Junge ist ganz bei sich und hat Zeit, sich in seiner Phantasiewelt auszutoben. Ab und zu schaut der Junge nach seinen Eltern. Sicher ist sicher. Dann ist er wieder unterwegs. Dieses Kind hat, was es zum Leben braucht. Ich glaube, so werden wir unseren Kindern gerecht, von denen der Psalmist immerhin behauptet, sie seien eine Gabe des Herrn (Ps 27,3).

Marko Dutzschke, Jugendpfarrer Cottbus