Beim Thema „Arbeit“ gehen die Erfahrungen und die Meinungen auseinander.
Viele Menschen stöhnen, weil sie zu viel arbeiten müssen, andere haben ihren Arbeitsplatz verloren und sind darüber traurig. Neben der Erwerbsarbeit gibt es jedoch noch viele andere Arten von Arbeit: Schüler arbeiten in der Schule. Im Winter arbeitet man nicht im Garten, aber viele Menschen arbeiten daheim in der Küche oder im Arbeitszimmer.
Eine besondere Art der Arbeit ist das Ehrenamt oder das bürgerschaftliche Engagement. Hier engagieren sich Menschen (fast) ohne Bezahlung, aber meist mit hohem fachlichen Können für eine gute Sache. So unterrichtet jemand in einem Sportverein das Fach „Tangotanz für Fortgeschrittene“, eine andere ist in einer Kirchengemeinde im Kinderkatechesekreis und eine dritte sammelt als Mitglied eines Förderkreises für ein Museum Geld. Dieses Engagement erfordert meist eine große soziale und fachliche Kompetenz. Die Erfolge können sich sehen lassen und tragen viel zum Gemeinwohl bei.
In größeren Städten, auch in Leipzig, gibt es „Freiwilligenagenturen“, die helfen, eine entsprechende Tätigkeit zu finden. Denn nicht jeder kann und will alles und es ist sinnvoll, eine Tätigkeit zu finden, die auf die jeweilige Person zugeschnitten ist.
Es ist wichtig, zu sehen, was diese Arbeit „bringt“: Sie bringt in der Regel kein oder wenig Geld. Aber: Eine solche Arbeit gibt Erfüllung, erweitert den Horizont, schafft Kontakte, strukturiert den Tag, fördert Hilfsbedürftige, macht Spaß, schenkt neue Beziehungen, hält jung ... Gerade die Menschen, die bereits mit Arbeitslosigkeit Erfahrungen haben, wissen, wie wichtig es ist, gebraucht zu werden und mit anderen Menschen im Austausch zu sein. So kam kürzlich eine Frau zu unserer Kontaktstelle „Orientierung“ in Leipzig und erklärte, sie habe den ganzen Tag noch mit keinem Menschen ein Wort gesprochen und wolle jetzt mit uns einige Worte sprechen. Daraus entwickelte sich für alle Beteiligten eine so schöne halbe Stunde, dass wir sie einluden, doch öfter vorbeizukommen ...
Viele ehrenamtlich Engagierte erleben, dass ihnen Dankbarkeit entgegengebracht wird. Und sie selbst empfinden große Erfüllung, wenn etwas gut geglückt ist. Deshalb gibt es immer mehr Menschen, die ihre Arbeitszufriedenheit nicht aus der gesellschaftlichen Anerkennung holen – die ja zudem äußerst fragil ist – sondern sich engagieren, weil sie einen Sinn darin sehen und sich dabei wohl fühlen. Diese Art der Belohnung ist auf den ersten Blick etwas ungewohnt, weil unsere Gesellschaft auf das Geld fixiert ist. Dabei lassen sich die wichtigsten Dinge im Leben sowieso nicht bezahlen. Man muss sie geschenkt bekommen.
Sr. Susanne Schneider, Kontaktstelle Orientierung in Leipzig