30.11.2017

Selbstverbrennung von Pfarrer Oskar Brüsewitz im August 1976

Anklage mit Signalwirkung

Im August 1976 übergoss sich mitten in der Stadt Zeitz der evangelische Pfarrer Oskar Brüsewitz mit Benzin und zündete sich an. Damit wollte er den Kommunismus anklagen. Seine Tat blieb nicht ohne Wirkung.


Oskar Brüsewitz mit einem Plakat auf dem Gelände seiner Kirche in Rippicha. | Foto: epd


„Nein, mit der Presse rede ich nicht“, wehrt die junge Frau höflich ab, als sie mit ihrer Mutter auf dem Friedhof von Rippicha das Grab des Vaters besucht. Rippicha ist ein idyllisch gelegenes Dorf im Süden Sachsen-Anhalts. Nebenan ist das Grab von Oskar Brüsewitz, jenem evangelischen Pastor, der sich am 18. August 1976 vor der Michaeliskirche im sechs Kilometer entfernten Zeitz mit Benzin übergoss und anzündete. Um den „Kommunismus anzuklagen“, wegen der „Unterdrückung von Kindern und Jugendlichen“ an den Schulen der DDR.
Die junge Frau auf dem Friedhof erzählt, Brüsewitz noch als Kind gekannt zu haben. Mehr wolle sie aber nicht dazu sagen, was zeigt, wie emotionsbeladen das Ereignis auch nach vier Jahrzehnten noch immer ist. Vier Tage nach seiner Tat starb Oskar Brüsewitz, der einst aus Hildesheim in die DDR übergesiedelt war, in einer Hallenser Klinik.
Wenige Tage später berichtete die ARD ausführlich über die Geschehnisse in der ostdeutschen Provinz. SED-Generalsekretär Erich Honecker erklärte den Vorfall in Zeitz zur „Chefsache“. Ein Pastor, der sich öffentlich das Leben nahm und dafür politische Motive ins Feld führte? Unmöglich! Die SED fühlte sich ertappt und fürchtete, nicht ganz zu Unrecht, dass von der spektakulären Selbsttötung eine Signalwirkung für weitere Proteste ausgehen würde.

An Brüsewitz scheiden sich die Geister
An Brüsewitz‘ Beerdigung nahmen knapp 370 Trauergäste teil. Rippicha glich in den Tagen vor und nach der Beerdigung einer Festung und war abgeriegelt von Kräften der Staatssicherheit, die in „jeder Scheune“ saßen, um mögliche Aktionen vor Westkameras schon im Keim zu ersticken. Zu Reaktionen in der Bevölkerung kam es erst, als am 31. August 1976 in der Zeitung „Neues Deutschland“ ein diffamierender Beitrag über Oskar Brüsewitz erschien, den zahlreiche Leser mit kritischen Leserbriefen und sogar einer Strafanzeige wegen Verleumdung quittierten.
An Oskar Brüsewitz scheiden sich bis heute die Geister. Für die einen ist er ein Held im Kampf gegen die SED-Diktatur, für die anderen ein einsamer Landpfarrer, dessen Selbstverbrennung nur Ausdruck seiner „labilen Psyche“ gewesen sei. Jahrelang hatte Brüsewitz lokale Parteibonzen mit provokanten Aktionen gepiesackt und auch seine Vorgesetzten wiederholt auf die Palme gebracht. Fast schon legendär geworden ist sein mehrere Kilometer weit leuchtendes Neonkreuz auf der Rippichaer Dorfkirche. Das Kreuz befindet sich heute im Zeitgeschichtlichen Forum Leipzig und ist in den letzten Jahren so etwas wie eine politische Reliquie der frühen DDR-Opposition geworden; wohl auch, weil immer mehr Historiker und Publizisten Oskar Brüsewitz als geistigen Vater der Friedlichen Revolution von 1989 entdecken, ein mutiger Einzelgänger, der dem menschenverachtenden Kommunismus lange vor Gorbatschow die Kante zeigte.
„Brüsewitz hatte keine Freunde und war in seiner Kirche isoliert“, will dagegen Karsten Krampitz herausgefunden haben, dessen Geschichts-Dissertation über den oppositionellen Pfarrer vor wenigen Wochen als Buch im Berliner Verbrecher-Verlag erschienen ist. Es klingt ein wenig seltsam, so etwas über jemanden zu behaupten, an dessen Beerdigung mehr Menschen teilnahmen als Bürger an seinem Wohnort lebten. Doch Krampitz geht noch weiter. In seiner Arbeit greift er Informationen und Gerüchte auf, die das Ministerium für Staatssicherheit (MfS) schon in den 1960er Jahren über Brüsewitz sammeln und wohl auch heimlich verbreiten ließ. Brüsewitz würde gerne leicht bekleidet mit Kindern herumtollen und damit den Argwohn seiner Gemeinde erwecken, hieß es sinngemäß in diversen MfS-Dossiers, die sich später auch das „Neue Deutschland“ zu eigen machte. Und einmal habe Brüsewitz, so Krampitz, einen schwer krebskranken Jungen mit den Worten brüskiert: „So junger Mann, nun stell dich mal darauf ein, dass du bald deinem Schöpfer gegenüber stehst.“
Diffamierende Informationen wie diese, wie wahr oder unwahr sie auch immer gewesen sein mögen, halfen der Staatssicherheit, immer neue Informanten zu rekrutieren, die sich berufen fühlten, Brüsewitz in Misskredit zu bringen, obgleich ein Operativer Vorgang (OV) gegen ihn nicht belegt ist. „Weil sich die Stasi beim innerkirchlich eh umstrittenen Brüsewitz offenbar keine große Mühe mehr geben musste“, vermutet Krampitz als Grund für deren relative Passivität. Und weil es wegen der „fehlenden Freunde“ schwer gewesen wäre, einen IM bei ihm einzuschleusen, so die kaum nachvollziehbare Schlussfolgerung des Autors. „Wir ahnten, dass wir von Zuträgern umgeben waren“, erinnerte sich dagegen Brüsewitz‘ Witwe Christa in einem Gespräch im Sommer 2006. Ihr Mann habe daraus nie einen Hehl gemacht, habe die Lebensumstände der Familie gelassen, als „Gottes Wille“ hingenommen und seine eigenen Schlüsse daraus gezogen.
Nach der Wende lebte Christa Brüsewitz noch immer im Pfarrhaus in Rippicha. Als sie erstmals in den Akten der damaligen Gauck-Behörde blätterte, habe sie an vielen Stellen herzhaft lachen müssen. Und bezeichnenderweise hat es Krampitz vermieden, Frau Brüsewitz oder die gemeinsame Tochter Esther, eine Pastorin, als Zeitzeugen zu befragen. Denn nach solchen Gesprächen wären vermutlich manche seiner Thesen wie ein Kartenhaus in sich zusammengefallen.

Der Platz vor der Michaeliskirche in Zeitz, wo sich Oskar Brüsewitz verbrannte. | Foto: B. Vallendar

Diskreditierung politischer Gegner
Auch dass Brüsewitz ein leidenschaftlicher Familienmensch war, der Frau und Kinder über alles liebte, wird bei Krampitz mit keinem Wort erwähnt. Dass es Quertreiber in Diktaturen generell schwer haben, Gleichgesinnte und damit Freunde zu finden, war dem Autor nur eine Fußnote wert. So führt Krampitz die „schlecht besuchten Gottesdienste“ bei Brüsewitz vor allem auf dessen Art zu predigen zurück. Und verkennt, dass DDR-Bürger, die die Nähe zu politisch unbequemen Mitbürgern suchten, schnell selbst in Gefahr gerieten.
Freuen werden sich indes die Mitarbeiter der früheren Stasi-Hauptabteilung XX/4, die für die Überwachung der Kirchen zuständig war. Denn Teile ihrer operativen Erkenntnisse zu Brüsewitz haben nun sogar den Weg in eine gesamtdeutsche Doktorarbeit gefunden, zumal noch an einer renommierten Hochschule wie der Berliner Humboldt-Universität, die immer wieder von sich behauptete, ihre DDR-Vergangenheit vollständig abgestreift zu haben, was ihr zumindest beim Personal nur teilweise gelungen sein dürfte: Denn Krampitz’ Doktorvater Gerd Dietrich war einst linientreuer DDR-Dozent am Ostberliner Institut für Marxismus-Leninismus, wo er den Bereich Deutsche Geschichte nach 1945 verantwortete.
In Teilen liest sich Krampitz Dissertation so, als wolle da jemand die unvollendete Arbeit der Staatssicherheit vollenden. Indes können „Zersetzungsmaßnahmen“ gegen Andersdenkende, wie sie gegen Brüsewitz betrieben wurden, auch an Krampitz‘ Humboldt-Universität auf eine gewisse Tradition zurückblicken. Bis 1989 ließ die Staatssicherheit dort sogar einen Teil ihres hauptamtlichen Personals ausbilden. Erst mit ihrer „Richtlinie 1/76“ habe das MfS Zersetzungsmaßnahmen überhaupt erst angewandt, argumentiert dagegen Krampitz, wohl wissend, dass die Diskreditierung politischer Gegner durch das Säen von Misstrauen zu allen Zeiten ein probates Mittel war, um Regimegegner auszuschalten.

1976 - das Krisenjahr der DDR
Brüsewitz’ Tod fiel in eine Zeit, die Historiker heute als das „Krisenjahr“, den Anfang vom Ende der DDR bezeichnen. Nach außen hin schien sich die SED-Diktatur im ungewöhnlich heißen Sommer 1976 gefestigt zu haben. Erich Honecker befand sich auf dem Höhepunkt seiner Macht, derweil die DDR bei internationalen Sportwettkämpfen Preise und Medaillen abräumte. Immer mehr DDR-Haushalte verfügten über Autos, Waschmaschinen und Farbfernseher, ohne dass die umfangreichen Sozialprogramme der Partei im Innern die erhoffte Zustimmung erbracht hätten. Vergeblich buhlten Honecker und Co um die Liebe ihres Volkes.
Die Krise spitzte sich zu, als die DDR den Liedermacher Wolf Biermann ausbürgerte.  „Mit der Biermann-Ausbürgerung hatten wir uns selbst demontiert“, räumte nach der Wende SED-Politbüromitglied Günter Schabowski ein. Endgültig war klar geworden, dass die Partei ihren Gegnern nur mehr gewaltsam begegnen wollte, was den Weg in den Revolutionsherbst 1989 weiter ebnete.

Karsten Krampitz: Der Fall Brüsewitz. Staat und Kirche in der DDR; Verbrecher Verlag Berlin 2016; ISBN: 9783957321596; 29 Euro

Von Benedikt Vallendar