08.11.2017

Wie Christen mit Trauer umgehen

Anders, nicht leichter

Paulus hat gut reden: Wir sollen nicht trauern „wie die, die keine Hoffnung haben“. Macht der Glaube die Trauer denn kleiner? Müsste man sich als Christ gar freuen, weil der Verstorbene endlich am Ziel seines Leben ist?


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Trauer ist normal, wenn Menschen sterben. Tröstet die Hoffnung auf Auferstehung? Foto: kna


„Ich habe nie daran gezweifelt, dass meine Frau bei Gott gut angekommen ist“, sagt Günter Oberthür. „Aber das hat den Schmerz, sie nicht mehr bei mir zu haben, nicht kleiner gemacht.“ Als der heute Sechzigjährige vor sieben Jahren seine Frau Maria verlor, war er fast so etwas wie ein Experte in Sachen Tod. Seit dem Theologiestudium hat er sich mit „den letzten Dingen“ beschäftigt, er hat ehrenamtliche Trauerbegleiter ausgebildet. Aber als es ihn selbst traf, war er doch überwältigt. „Die Wucht des Schmerzes und die Dauer des Schmerzes hatte ich unterschätzt“, sagt er heute. „Ich fand keinen Weg, den Schmerz wegzukriegen.“


„Dieser religiöse Schmalz ist unerträglich“

Und das trotz seines tiefen Glaubens. Und trotz des Trostes, den Angehörige, Freunde und Kollegen spendeten. „Es wird einfach zu viel und zu schnell etwas Frommes gesagt“, so seine Erfahrung. „Das ist alles gut und lieb gemeint, das weiß ich, aber es hilft in dem Moment nicht.“ Ja, er formuliert es noch stärker: „Dieser religiöse Schmalz ist unerträglich.“

Sätze auf Beileidskarten wie: „Die Dankbarkeit verwandelt die Qual der Erinnerung in stille Freude.“ Blödsinn, sagt Oberthür. Da sei nur Qual und überhaupt keine Freude. Oder: „Man trägt das vergangene Schöne nicht wie einen Stachel, sondern wie ein kostbares Geschenk in sich.“ – „Quatsch, natürlich ist das ein Stachel, ein extrem schmerzhafter, und überhaupt kein Geschenk.“

„Tod, wo ist dein Stachel?“ heißt es im ersten Korintherbrief so schön. Günter Oberthür kann die Frage leicht beantworten: Tief innendrin in dem, der um einen Verstorbenen trauert. „Diese frommen Sätze kannte ich alle. Sie sind ja letztlich auch richtig, aber in der Situation passen sie einfach nicht.“ Im Gegenteil können sie Gläubigen sogar ein schlechtes Gewissen machen. Wieso kann ich nicht aufhören zu trauern? Mache ich etwas falsch? Glaube ich nicht genug? „Gerade, wenn schon einige Monate vergangen sind, verliert man oft die Geduld. Andere verlieren sie, aber auch man selbst.“

Der Tod eines geliebten Menschen – gerade, wenn er viel zu früh oder etwa durch ein Unglück eintritt – rüttelt aber nicht nur ganz innerweltlich an den Grundfesten des Lebens. Er rüttelt auch an der Beziehung zu Gott. „Ich habe nie gezweifelt, dass es Gott gibt“, sagt Günter Oberthür. Aber ich habe mich schon gefragt: Was ist das für ein Gott, mit dem ich sowas erleben muss?“ Glaube, so sagt er, sei „keine Versicherungspolice, die man im Schadensfall einlösen kann“.

Für ihn war die Zeit nach dem Tod seiner Frau Maria eher so etwas wie ein Kampf mit Gott. Er wurde zum entscheidenden Verhandlungspartner. „Es war wie in der biblischen Geschichte von Jakob, der mit Gott kämpft und sagt: ‚Ich lasse nicht von dir, bis du mich segnest.‘“ Also: Kampf, ja, aber immer mit Blick auf ein gutes Ende, nicht lockerlassen, Gott nicht in Ruhe lassen, nicht resignieren, um Gottes Segen kämpfen. „Ich will ja irgendwann raus aus dem Schmerz und endlich einen Sinn und neues Glück finden.“

Sein Glaube, sagt Oberthür, der inzwischen als Krankenhausseelsorger und in der Seniorenpastoral arbeitet, habe sich deshalb verändert. „Ich bin in gewisser Hinsicht frommer, aber auch kritischer geworden“, sagt er. Auch einzelne Sätze habe er neu verstanden. „Zum Beispiel das Glaubensbekenntnis: ‚Hinabgestiegen in das Reich des Todes‘ – Plötzlich komme ich selber hautnah mit dem Tod in Berührung und ahne leise, wie der Weg nach Ostern verläuft.“ Deshalb geht ihm auch der nächste Satz zu schnell: „Am dritten Tage auferstanden von den Toten: Beim Trauern würden drei Jahre besser passen.“

Ist es also egal, ob man glaubt oder nicht? Liegt Paulus falsch, wenn er meint, dass Christen anders trauern als die, die keine Hoffnung haben? „Der Schmerz ist derselbe, egal ob gläubig oder nicht“, betont Oberthür. Dann überlegt er noch einmal. „Aber, doch, Paulus hat schon recht“, sagt er zögernd. „Der Glaube daran, dass all das, was nicht gelebt werden konnte, alles, was wir noch zusammen vorhatten, dass all das bei Gott an sein Ziel kommt – das entlastet und tröstet wirklich.“ Wer weiß, wie sein Leben weitergegangen wäre, wenn er diesen Glauben nicht gehabt hätte?

Und wenn man hartnäckig bleibt, wenn man trotz aller Zweifel nicht von Gott lässt, dann kann der Moment kommen, sagt Günter Oberthür, dass man „seinen Schmerz Gott übergibt“. Was er damit meint? Beschreiben kann er seine umtriebige Suche, eine Technik dafür gibt es nicht. Man müsse das spüren, irgendwann, es sich auch schenken lassen. „Ich lasse mich eigentlich nicht gerne fallen“, sagt der Theologe, „ich habe gerne die Kontrolle. Aber manchmal kann sich fallen zu lassen eine echte Erlösung sein. Und eines Tages fühlte es sich an wie gehalten zu werden.“


„Man muss es aushalten und durchhalten“

Und dann zitiert er noch einmal den evangelischen Pastor Dietrich Bonhoeffer. Noch einmal, denn die Texte auf den von Ober-
thür kritisierten Beileidskarten stammten auch von dem von den Nazis ermordeten Theologen. Aber sie sind nur ein fromm gespülter Ausschnitt des gesamten Textes. Für Günter Oberthür sind andere Stellen genauso wichtig. Dort heißt es nämlich: „Es gibt nichts, was uns die Abwesenheit eines uns lieben Menschen ersetzen kann, und man soll das auch gar nicht versuchen; man muss es einfach aushalten und durchhalten. Es ist verkehrt, wenn man sagt, Gott füllt die Lücke aus; er füllt sie gar nicht aus, sondern er hält sie vielmehr unausgefüllt und hilft uns dadurch, unsere echte Gemeinschaft – wenn auch unter Schmerzen – zu bewahren.“

Trauern Christen anders als die, die keine Hoffnung haben? Vielleicht. Aber einfacher oder weniger trauern sie nicht.

Von Susanne Haverkamp