Christoph Jan Karlson leitet seit Oktober das Erfurter Regional-Priesterseminar

Als Regens Wegbegleiter sein

Seit 1. Oktober ist Christoph Jan Karlson (38) Regens des Erfurter Regional-Priesterseminars. Damit ist er für insgesamt 30 in der Ausbildung befindliche Priesterkandidaten verantwortlich, von denen derzeit 17 mit ihm im Erfurter Priesterseminar wohnen.

Herr Regens, waren Sie über Ihre Berufung zum Leiter des Priesterseminars überrascht?

Überraschend kam die Ernennung des bisherigen Regens Wolfgang Ipolt zum Bischof von Görlitz. In der Folge mussten die Bischöfe kurzfristig einen Nachfolger für ihn finden. Am Rande der Bischofsweihe in Görlitz wurde mir dann klar, dass es ernst werden würde. 

 

Sie waren ja bereits Subregens. Gehört man da nicht automatisch zu den möglichen Kandidaten?

Da ist was dran, zumal es derzeit hier im Erfurter Priesterseminar keinen Subregens gibt. Der wäre aber – um eine gewisse Kontinuität zu sichern – nötig, wenn ein Priester Regens würde, der die Gegebenheiten hier nicht gut kennt. Eigentlich sieht das kirchliche Recht einen Subregens fest vor. Grund dafür ist auch, dass es neben der intellektuell-spirituellen Bildung der Kandidaten zu den Aufgaben von Regens und Subregens gehört, diese im Blick auf ihre Eignung für das Weiheamt zu beurteilen. Vier Augen können dies eben besser als nur zwei.  

  

Was reizt Sie an Ihrer neuen Aufgabe?

Wer sich heute entschließt, Priester zu werden, macht sich auf einen Weg, der nicht soviel öffentliche Anerkennung verheißt. Eher erleben sich die Studenten auf einer Anklagebank: Wie kannst Du dich darauf einlassen!? Als Priester halte ich es auch im Sinne meiner eigenen Berufung für eine lohnenswerte Aufgabe, die Priesterkandidaten auf ihrem Weg zu begleiten. Wer Menschen im umfassenden Sinn bilden will, wird dabei immer mitwachsen. Ich hoffe, dass es mir gelingt, den mir Anvertrauten bei ihrer menschlichen Entfaltung ein Stück zu helfen.

 

Seit Jahren geht die Zahl der Priesterkandidaten zurück. Was halten Sie für die Ursache?

Die geringe Zahl an geistlichen Berufungen von Männern und Frauen hierzulande zeugt meines Erachtens von einem Mangel an geistlichem Profil in unseren Gemeinden. Damit will ich unsere Gemeinden nicht schlecht machen. Aber vieles, was die Gemeinden bewegt, ist eher äußerlicher, organisatorischer Art, etwa, wenn es um Zusammenlegungen geht. Doch die eigentliche Frage: Wie und was können wir Menschen von Christus erzählen, wird oft nicht wirklich intensiv gestellt. Wenn die Frage im Mittelpunkt stünde, warum es die Kirche überhaupt gibt, wäre vielen deutlicher vor Augen, dass Menschen nötig sind, die sich ganz in den Dienst des Evangeliums stellen. In unserer abendländischen Tradition braucht es dafür nicht zuletzt den geweihten, zölibatären  Priester, der sich lebenslang diesem Dienst widmet, zumal diese priesterliche Lebensform eigentlich eine Erfolgsgeschichte ist.

Hinzukommt ein gewisser Prestigeverlust des priesterlichen Dienstes. Vielleicht sind wir als Kirche daran auch selbst ein bisschen Schuld, wenn wir versuchen, den Mangel an Priestern auf andere Weise auszugleichen. Ich möchte nicht missverstanden werden: Es gilt die Laien unbedingt zu stärken, zu fordern und zu fördern. Da gibt es viele gute Entwicklungen. Aber Laien sollten nicht den Priester ersetzen müssen.

 

Inwiefern geschieht das denn?

Schauen Sie in die Ortskirchen der Schweiz, in die Niederlande – auch nach Österreich. Hier übernehmen viele Gläubige die ganz klassische Pfarrerrolle, auch wenn sie nicht so genannt werden. Der Priester kommt dann und wann vorbei, um die Eucharistie zu feiern, aber im Grunde sind die Gemeinden auch mit den Wort-Gottes-Feiern zufrieden. Dieses Problem ist in der Deutschen Bischofskonferenz erkannt, aber es gelingt noch nicht, gegen diesen Trend anzugehen.

 

Müssen die Verantwortlichen in den Bistümern nicht auch Weichen stellen, damit in voraussichtlich an Priestern noch ärmeren Gemeinden weiter der Glaube gelebt wird?

Ich meine, der Glaube lebt, wenn er in den Familien und kleinen Gemeinschaften lebt. Wir dürfen die kirchliche Realität nicht auf eine Dienstleistung von ausreichenden Messangeboten reduzieren. Die sonntägliche Eucharistiefeier ist nicht eine Art „Standard“, den man um jeden Preis irgendwie aufrechterhalten muss, sondern sie ist eigentlich die Frucht aus dem alltäglich gelebten Glauben der Menschen. Wie können wir also den Glauben der Menschen vor Ort so stärken, dass sie zu einer Haltung der Danksagung, der Eucharistie gelangen?

 

Kann es bei den Männern, die darüber nachdenken, Priester zu werden, nicht auch berechtigte Sorgen geben, ob sie der Aufgabe gewachsen sind?

Anders als unter den in der DDR gewachsenen Bedingungen haben etwa in Süddeutschland in der Vergangenheit viele Priester in Orden und Gemeinschaften gelebt. In alter Zeit gab es viele Ordenspriester, die anderen Priester gehörten überwiegend Chorherrenstiften an. Die Wohngemeinschaft war das normale, der Einzelkämpfer die Ausnahme. Heute ist es umgekehrt und viele der seelsorglich tätigen Orden lösen sich auf. Offenbar ist es aber so, dass sich die evangelischen Räte in Verbindung mit christlichem Lebensengagement nur dort attraktiv entfalten, wo dies aus lebendigen geistlichen Gruppen und Gemeinschaften heraus geschieht. Vielleicht eröffnen sich vor diesem Hintergrund künftig Möglichkeiten, den priesterlichen Dienst attraktiv zu leben. Ich halte dies für überlegenswert, auch wenn ich es selbst nie ausprobiert habe.

Es ist so, dass manche der Priesterkandidaten vor einem Leben als Weltpriester „allein auf weiter Flur“ Respekt haben. Ich wünschte mir, dass dies in den Diözesen mehr im Blick wäre. Wir dürfen nicht Strukturen schaffen, an denen die wenigen Priester, die hier Planstellen besetzen, zugrunde gehen. Wo kann sich ein Priester in einer Überforderungssituation leicht und unbürokratisch Hilfe holen? Wo ist der nächste Mitbruder, der aushelfen kann? Es sollte darüber nachgedacht werden, warum das Konzept der vita communis, des gemeinsamen Lebens – wie es vor Jahren mancherorts versucht wurde und etwa noch in der Fokolarbewegung Praxis ist – insgesamt nur noch wenig in den Blick genommen wird oder sogar fast als gescheitert gilt.

 

Schon vor mehreren Jahrzehnten wurde überlegt, ob die Seminarausbildung während der Studienzeit der Priesterkandidaten die am besten geeignete Form der Vorbereitung auf den Dienst ist. Wie stehen Sie zu diesen Überlegungen, zumal die Zahl der Seminaristen in Erfurt sehr gering ist?

Diejenigen, die sich heute auf den Weg machen, um Priester zu werden, haben sehr unterschiedliche Lebenswege hinter sich. Damit stellen sie einen repräsentativen Ausschnitt unserer Gesellschaft dar. Im Priesterseminar sind sie eingeladen, ohne ihren bisherigen Weg zu verleugnen, gemeinsam einen Weg zu gehen und dabei die Lebensabläufe der Kirche kennen- und schätzen zu lernen.Ausbildungsmodelle wie in Wien oder Paris, bei denen die Priesterkandidaten in der Ausbildung in Gemeinden eingebunden sind, haben durchaus etwas für sich. Angesichts unserer kleinen Verhältnisse hier in Erfurt, wo es über kurz oder lang nur noch eine oder zwei Großpfarreien geben wird, scheitert es aber schon an geeigneten Pfarreien. Darüberhinaus ist das Studium recht umfangreich und komplex geworden, ich fürchte, viele Studenten würden eine Doppelbelastung mit Studium und Gemeindepraxis schon zeitlich nicht bewältigen. In Paris hatte Kardinal Lustiger deswegen auch eine eigene Hochschule ins Leben gerufen, die auf diese besondere Seminarform maßgeschneidert eingehen konnte. In Wien hat man das Experiment wohl wieder aufgegeben. 

 

In den letzen Jahren war gelegentlich von Schwierigkeiten bei der Koordination des Studienablaufs mit dem Leben im Seminar zu hören. Wie steht es darum?

Das stimmt. Die vielen Umstrukturierungen an der Fakultät waren für die Seminaristen anfangs problematisch. Aber ich hoffe, dass sich da was machen lässt. Ich bin ja selbst als Doktorand noch an der Fakultät tätig. In unserem kleinen Seminar kann man sicher manches unkonventionell auf Zuruf lösen. Aber in mancher Hinsicht braucht es auch eine feste Ordnung. Hier gilt es, einen ausgewogenen Weg zu gehen.

 

In Ihrer Biografie fällt auf, dass Sie kein Gemeindepfarrer waren …

Das ist sicher ein Nachteil. An der Akademie in Berlin gab es eine durchaus lebendige und junge Gemeinde – aber es war eine Art Personalgemeinde, ein klassischer Pfarrer bin ich nie gewesen. In der Priesterausbildung kommt es neben der pastoralen Kompetenz auch auf das persönliche Glaubenszeugnis an. Und im Pastoralseminar (Ausbildungsabschnitt vor der Diakonats- und später vor der Priesterweihe) haben wir Referenten mit entsprechend großer pastoraler Erfahrung.

Während des Studiums hat jeder der Seminaristen seit 2008 eine Ausbildungspfarrei. Das bietet zum einen den Priesterkandidaten, die keine Heimatgemeinde haben, gute Möglichkeiten, Gemeinde kennen zu lernen und sich emotional zu beheimaten. Und es eröffnet einen Bezug zur Praxis. Die früheren Gemeindewochenenden der einzelnen Diözesan-Gemeinschaften gibt es so nicht mehr. Zugleich wäre es aber auch verfehlt, zu meinen, dass alles, was im Studium zur Sprache kommt, gleich einen unmittelbaren Praxisbezug haben muss. Mir ist es wichtig, dass die Priesterkandidaten während ihrer Studienjahre dem Studium echte Priorität geben. Es ist äußerst wichtig, dass Priester in einer nicht- beziehungsweise multireligiös geprägten Gesellschaft auskunftsfähig sind. Sie müssen den christlichen Glauben intellektuell redlich vertreten und verantworten können.

Fragen: Eckhard Pohl